Wer nach dem Text dieses Kinderliedes googelt, wird bald feststellen, dass es einen festgeschriebenen Text praktisch nicht gibt, sondern dass jeder seinen eigenen erfindet

Die Wissenschaft hat festgestellt, …
… dass Marmelade Obst enthält. (hoffentlich)
… dass Knackwurst Pferdefleisch enthält. (hoffentlich nicht)
… dass Nudelsuppe Kraft enthält. (kommt auf die Suppe an)
… dass Coca Cola Gold enthält. (Schön wär’s!)

Und nun hat die Wissenschaft festgestellt, dass Scho-Ka-Kola Pervitin …, nein, nicht enthält, sondern enthielt, nämlich zu der Zeit, als sie „Fliegerschokolade“ genannt wurde und während des Zweiten Weltkriegs Bestandteil der Heeresverpflegung, vor allem der der Luftwaffe war, weshalb die Firma Sprengel in Hannover, zu der Zeit mit der Herstellung und dem Vertrieb von Scho-Ka-Kola befasst, ein für die Wehrwirtschaft wichtiger Betrieb war.

Wäre dies tatsächlich zutreffend, würde es mich weder sonderlich erschüttern, noch vom weiteren Kauf und Verzehr meiner Lieblingsschokolade abhalten. Ich würde mich zwar als Pazifistin bezeichnen, aber ich bin keine von der militanten Sorte. Es leuchtet mir durchaus ein, dass die Steigerung des Durchhaltevermögens bei kämpfenden Truppen (und die wird es leider immer geben, solange es eine Menschheit gibt) durch Aufputschmittel in bestimmten Situationen wünschenswert ist. Meine Toleranz erstreckt sich allerdings nicht auf Viagra zur Steigerung des Durchhaltevermögens bei Massenvergewaltigungen. Was mich an der Meldung wurmte, war zunächst, dass sie von einem Sportberichterstatter kam.

Hat so ein Sportberichterstatter mal keinen aktuellen Doping-Skandal, über den er berichten könnte, so mag er auf das leidige Thema Doping scheinbar trotzdem nicht verzichten, sondern berichtet darüber, was die Doping-Forschung inzwischen alles herausgefunden hat, und über die Geschichte des Dopings schlechthin, die nicht, wie manche meinen, mit dem DDR-Sport begonnen habe, sondern weit eher, nämlich eben mit der Scho-Ka-Kola, die 1936, im Jahr der Olympischen Sommerspiele in Berlin herausgebracht wurde und es dann bald zur „Fliegerschokolade“ brachte.

Zufällig (oder auch nicht) beschäftige ich mich hin und wieder mit „veränderten Rezepturen“ – oft dann, wenn diese Veränderungen mich ärgern, aber auch wenn die Gründe dafür mir interessant erscheinen. Hätte Scho-Ka-Kola damals Pervitin enthalten, wäre es nur allzu verständlich, dass sie es heute nicht mehr tut. Nur stand Pervitin (N-Methylamphetamin, auch Methamphetamin oder Metamfetamin genannt) nie unter dem Verdacht, sich in der Scho-Ka-Kola versteckt zu haben. Unter den Spitznamen Panzerschokolade, Stuka-Tabletten, Fliegersalz und Hermann-Göring-Pillen diente es allerdings nachweislich zur Dämpfung des Angstgefühls sowie zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit. Insofern darf der Zweite Weltkrieg in der Geschichte des Dopings nicht übergangen werden. Nur dass jetzt die Scho-Ka-Kola, die heute noch genauso schmeckt wie in meiner Kindheit, als mich meine Mutter ab und zu ein Stückchen kosten ließ, und erfreulicherweise auch immer noch in der rot-weißen „Schuhcremedose“ daherkommt…

Dose Scho-ka-kola

Foto: Frank Vincentz

Also, bevor mir das Gegenteil bewiesen wird, glaube ich es nicht. Auf der Dose steht: „4 Ecken enthalten etwa soviel Koffein wie ein starker Espresso.“ Das dürfte auch schon 1936 so gewesen sein, nur dass mit dem Hinweis auf Espresso damals in Deutschland wenige etwas anzufangen gewusst hätten. Vielleicht stand ja damals „… wie eine Tasse starker Bohnenkaffee“ drauf. Jedenfalls versichert der Hersteller, dass die Rezeptur seit Erfindung der Schokolade nur unwesentlich verändert wurde.

Aber was rege ich mich auf? So wie manche Frauen dadurch erst interessant werden, dass man ihnen Laster und Affären nachsagt, mag es für Scho-Ka-Kola ja auch verkaufsfördernd sein, wenn sie, wenn auch nur angeblich, mal Pervitin enthalten hat. Der Coca-Cola hat es schließlich auch nicht geschadet, dass sie zwar nie Gold, dafür aber ursprünglich Kokablatt und Kolanuss enthielt.

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