Gebetomat

Der 1959 in Holzminden geborene Theater- und Hörspielregisseur Oliver Sturm erschuf (in diesem Zusammenhang darf das Schaffenstuwort zu Recht gebraucht werden) im Jahre 2008 den Gebetomaten. Vordenker hatte es zwar schon gegeben – wie Douglas Adams und seinen Elektrischen Mönch, der den Menschen die Anstrengung des Glaubens abnimmt – aber immerhin hatte Adams es bei der literarischen Figur belassen. Sturms Gebetomat existiert leibhaftig.

Auf der Gebetomat-Webseite erklärt Sturm, wie er auf den Gedanken kam:

Die Idee zu einem Gebet-Automaten kam mir, als ich im Jahr 1999 in New York auf einem U-Bahnsteig in einer hygienisch zweifelhaften Ecke einen Automaten an der Wand sah, der mit einer künstlichen Stimme auf einlullend monotone Weise permanent sprach. Niemand kümmerte sich um den Automaten. Ich verstand nicht genau, was er sagte, weil die akustische Qualität sehr schlecht war, aber ich nehme an, Bedienungshinweise zur Benutzung. Auf dem Bahnsteig standen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und sozialer Herkunft, eben die spezifische New Yorker Mischung, und – gerade auf dem Weg zum jüdischen Viertel in Williamsburg – stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn Gebete aus diesem Automaten kämen.

Optisch ähnelt der Gebetomat einem Passbild-Automaten. Fotografiert wird man darin aber nicht, sondern kann sich nach Einwurf einer Münze und Bedienung einer Benutzeroberfläche (Touchscreen) rund 300 Gebete in 64 Sprachen anhören, vom Zarathustra-Vaterunser über tibetanische Mönchsgesänge, Korangebete, hebräische Kaddisch-Gebete und Indianer-Gesänge bis zu zeitgeistigen Gebeten amerikanischen Fernsehprediger. Dem Benutzer ist es freigestellt mitzubeten.

Produziert wurde der Gebetomat in Zusammenarbeit mit den Sophiensælen Berlin, den ARD Hörspieltagen und dem ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie sowie dem Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main. Als Initiator und Förderer zeigten die Sophiensæle den Gebetomaten im Rahmen des Festivals “Dein Wort in Gottes Ohr”, vom 29.11. – 22.12.2008, wo er, in der Tordurchfahrt stehend, auch Teil des Weihnachtsmarktes war. Danach wanderte der Gebetomat ins Haus der Kulturen der Welt und blieb dort vom 28.3. – 30.6.2009. Inzwischen hat er seinen Standort in der neu gestalteten Arminius-Markthalle in Berlin-Moabit gefunden, in einem Umfeld also, dessen kulturelle und folglich auch religiöse Vielfalt größer kaum sein könnten.

Quellen:
Internetrecherche

Nachwort:

Als ich das erste Mal von diesem Gebetomaten hörte, verstand ich ihn als pure Ironie. Inzwischen denke ich, dass Oliver Sturm natürlich nicht einfach ein zeitgemäßes Meditationsangebot schaffen, sondern auch zum Nachdenken über Äußerlichkeiten und Innerlichkeiten, und was die zunehmende Automatisierung damit zu tun hat, anregen wollte – aber durchaus nicht in nur ironisierender Weise. Die Selbstbefragung des Rezipienten ist ja stets ein Ziel des Künstlers.

Wir alle -– bekennende Atheisten eingeschlossen –- beten öfter als wir glauben (Doppelsinn beabsichtigt), wenn wir mit einer Situation nicht alleine fertig werden und hoffen, irgendwer, irgendetwas möge uns hören. Der Papst reist wieder ab. Der Gebetomat bleibt.

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