Gestern in der Mittagspause blätterte ich in der englischen Print-Ausgabe des „Magazins“ der Kulturstiftung des Bundes, und mein Blick fiel auf einen Text von Sibylle Lewitscharoff. Dass mein Blick dies tat, fügte sich hübsch, denn für den selben Abend hatte ich eine Eintrittskarte für eine Lesung der Autorin, die in der Akademie der Künste ihren gerade erst erschienenen Roman „Blumenberg“ vorstellen würde. Ich las, dass Sibylle Lewitscharoff das Verschwinden der Männer befürchtet, weshalb sie ihre „geistige Vorratskammer“ mit Büchern füllt, „in denen Männer vorkommen. Männer in gebrochener, raffinierter Heldenhaftigkeit“, auf die sie „ein klein wenig schmachtende, um nicht zu sagen süße Gedankenblicke“ wirft. Der vollständige deutsche Text findet sich online hier.

Nach dem Lesen war ich umso neugieriger, ob Blumenberg ein Mann wäre, den ich mir in meine geistige Vorratskammer stellen würde. Inzwischen kann ich die Frage mit einem klaren Ja beantworten, denn nach der Lesung zögerte ich keine Sekunde, mir das Buch zu kaufen.

Sibylle Lewitscharoff las das erste Kapitel, was ich bei Lesungen grundsätzlich für eine gute Entscheidung halte, ermöglicht sie den gewonnenen Lesern unter den Anwesenden doch, einfach dort selbst weiter zu lesen, wo der Autor/die Autorin aufgehört hat, und wenn das erste Kapitel einen Leser nicht zu packen in der Lage ist, gelingt es dem Rest eines Romans ohnehin selten. Sibylle Lewitscharoff jedenfalls packte ihre Leser, tritt doch schon auf der ersten Seite… „groß, gelb, atmend; unzweifelhaft ein Löwe“ auf. Und dieser Löwe tut dies nicht in der afrikanischen Savanne, sondern im Arbeitszimmer des zweiundsechzigjährigen Philosophen Blumenberg in der Universitätsstadt Münster im Jahr 1982.

Was denn zuerst dagewesen sei, fragte Andreas Isenschmid, bekannt durch seine Literaturkritiken in der „„Neuen Zürcher Zeitung““ und der „“ZEIT““, im der Lesung folgenden Gespräch, der Wunsch über einen Löwen oder der Wunsch über Blumenberg zu schreiben. Mit Hans Blumenberg (1920-1996) hatte sich Sibylle Lewitscharoff lange beschäftigt, seit ihrer Studentenzeit. An ihm schätzt sie die Plastizität des Schreibens, das „Unsystematische“, die „Ausbuchtungen“ in seinen Gedankengängen, und mit Sicherheit auch, dass Blumenberg nicht gläubig war aber die Kirche liebte. Darüber hinaus ist bekannt, dass Blumenberg Löwen mochte. Es gäbe ohne den Löwen „Blumenberg“ nicht, sagte Sibylle Lewitscharoff, denn eine Biographie zu schreiben, war nie ihre Absicht gewesen, und ein Roman über Philosophie ohne den Löwen für sie unvorstellbar. Es bedurfte des Löwen, des Trösters, der dem über die Trostbedürftigkeit und Trostunfähigkeit des Menschen referierenden Blumenberg erscheint -– des Wunders, das dem Agnostiker auf den Teppich gelegt wird –- einem Teppich übrigens, den die Autorin so hinreißend beschreibt, wie es nur einer sehr guten Erzählerin gelingt, die sowohl über Sprachwitz, als auch über die Qualitäten einer Lyrikerin verfügt. Ihr Stil ist hochkonzentriert und zugleich wunderbar leicht –- ein Lesevergnügen vom Feinsten.

Auf den 220 Seiten geht es nicht nur um Blumenberg und den Löwen, es geht auch um vier Studenten, im Gegensatz zum Philosophen Blumenberg frei erfunden, weshalb Sibylle Lewitscharoff sie auf unterschiedliche Weise ums Leben kommen lassen darf, damit sie sich am Ende mit Blumenberg in der Höhle versammeln können. „Ich musste sie früh sterben lassen“, erklärte Sibylle Lewitscharoff, „andernfalls hätten sie bis dahin Frau und Kinder gehabt, die dann alle in dieser Höhle… Die innere Logik des Romans geht an der Wahrscheinlichkeit vorbei.“

Aus dem Podiumsgespräch blieb ein Halbsatz mir besonders hängen: „…was Blumenberg weiß, jedoch nicht glaubt.“ Der Gedanke war mir nicht neu, er vertiefte sich, wie eigene Gedanken sich vertiefen, wenn ein anderer sie ausspricht. Dinge zu glauben, ohne sie wissen zu können, genau das war das Tröstliche an jedem Glauben seit Menschengedenken. Dinge zu wissen, sie aber nicht glauben zu können, darin besteht die Trostlosigkeit des heutigen Realismus. In der Höhle vollendet sich die Geschichte. Der Löwe, dessen „Fluidum von Trost“ Blumenberg immer gespürt hat, erlöst ihn mit einem einzigen Hieb seiner Pranke. Es ist ein religiöser Roman gegen einen Philosophen, womit nicht gesagt sei, das Sibylle Lewitscharoff eine religiöse Autorin ist, und schon gar nicht, dass sie etwas gegen Blumenberg hat. Im Gegenteil. Es ist der Versuch, Blumenberg ins andere Territorium zu ziehen – eine Bekehrung zum Glauben als Liebesbeweis.

„Blumenberg“ gehört zu den zwanzig für den Deutschen Buchpreis 2011 nominierten Titeln. Mich persönlich würde es sehr freuen, wenn Sibylle Lewitscharoff diesen Preis gewinnt. Ihr Roman ist, was in der Fülle des heute Gedruckten immer seltener wird: ein wirklich wichtiges Buch.

Sibylle Lewitscharoff
Blumenberg
Suhrkamp (mit Leseprobe)
Erschienen: 12.09.2011
Gebunden, 220 Seiten
ISBN: 978-3-518-42244-1

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