Doppelporträt: Edmond und Jules de Goncourt

Edmond de Goncourt (links) und Jules de Goncourt (rechts) – Foto: Félix Nadar

Der Großvater von Edmond (*1822) und Jules (*1830) de Goncourt war kurz vor der Französischen Revolution durch den Kauf eines Rittergutes in den Adelsstand gelangt, und da auch der Vater gut situiert war – ein hoher Offizier, stand einer guten Ausbildung der Söhne nichts im Wege. Edmond, der Ältere, studierte Jura und arbeitete einige Jahre als Ministerialbeamter. Nachdem auch Jules erwachsen war, schied Edmond 1849/50 aus dem Staatsdienst aus, und obwohl Jules sich jung mit Syphilis infiziert hatte und kränkelte, begannen sie, gemeinsam längere Reisen zu unternehmen. Ihre Eindrücke verarbeiteten sie zu Reiseberichten, die damals sehr gerne gelesen wurden und sich entsprechend gut an Zeitschriften und Verlage verkaufen ließen. Durch diesen Erfolg ermutigt, und weil das Schreiben ihnen ebenso viel Spaß machte wie das Reisen und die Teilnahme am Gesellschaftsleben, arbeiteten sie auch weiterhin gemeinsam als freie Schriftsteller, wurden zu anerkannten Kunst- und Theaterkritikern und verfassten schließlich auch Romane, welche das Leben in unterschiedlichen Milieus beschrieben, und Biografien. Dabei kreierten sie eine neue literarische Schule: den Naturalismus. „Ein kulturhistorisches Dokument ersten Ranges“, nennt Wikipedia das Tagebuch, das die Brüder ab 1851 führten und das Edmond nach Jules‘ frühem Tod (1870) allein fortsetzte.

1896 stiftete Edmond Goncourt die Académie Goncourt, die seit 1903 jedes Jahr im Herbst den Prix Goncourt verleiht, einen der renommiertesten Literaturpreise Frankreichs, mit dem ein französischsprachiger Roman ausgezeichnet wird.

2011 erschien zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung aus den oben erwähnten Tagebüchern im Europäischen Hochschulverlag.

Etwas beschwerlich zu lesen fand ich die „Notiz“ genannte, aber den Umfang einer Notiz sprengende Einleitung des Herausgebers W. Fred, die einem den Mund wässerig macht auf die Reisetagebücher und pikanten Anekdoten, aber auf eine wortreiche Entschuldigung und Erklärung dafür hinausläuft, warum bisher nur das von Edmond Goncourt allein geschriebene Tagebuch aus den Kriegsjahren 1870/1871 in deutscher Übersetzung vorliegt. Damit hat der Leser zwar ein eindrucksvolles und authentisches Dokument aus einer historisch bedeutsamen Zeit in Händen, wird mit seiner Hoffnung auf eine Ergänzung um die fehlenden Bände aber vorerst alleingelassen. Der hohe Preis von fast 30 Euro für ein Softcover mit nur 153 Seiten lässt eine kleine Auflage vermuten. Der Hochschulverlag hat solchen Kummer gewohnte Fachbuchleser im Auge. Bedauerlich, denn Edmond Goncourts knappe aber sehr eindringliche Schilderungen haben es verdient, einen größeren Leserkreis zu finden, und ich könnte mir vorstellen, dass die restlichen Tagebücher auch dann unterhaltsam zu lesen sind, wenn der eine oder andere Name aus der französischen Kunst- und Literaturszene hier nicht jedem geläufig ist. Vornehmlich die Reiseberichte dürften auch in Deutschland ein breiteres Interesse finden, denn Goncourts Begabung, in kurzen Texten atmosphärische Dichte zu erzeugen, ist beeindruckend.

Cover

Tagebuch der Brüder Goncourt
Eindrücke und Gespräche bedeutender Franzosen aus der Kriegszeit 1870/1871
Europäischer Hochschulverlag, Bremen 2011
153 Seiten,
ISBN 978-3-86267-078-9