Wenn jemand mich fragte, was ich am 13. August letzten Jahres gemacht habe, müsste ich meinen Kalender zu Rate ziehen. Mit etwas Glück könnte auch ein Eintrag im Blog meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Ganz anders sieht es aus, wenn an einem bestimmten Tag etwas Einschneidendes passiert ist -– etwas, das unser Leben verändert hat. Und so kommt es, dass ich in dieser Woche täglich im Radio Zeitzeugenberichte höre. Die Leute wissen noch genau, wie das war vor 50 Jahren, wann sie die Nachricht gehört und wie sie darauf reagiert haben. Besonders diejenigen, die am 13. August 1961 die letzte Chance zur Flucht aus der DDR ergriffen oder von Familienangehörigen oder guten Freunden getrennt wurden, erinnern sich an jeden Schritt, jedes Wort, die Gefühle, die damit einhergingen…

Nur ich – ausgerechnet ich! – habe nichts zu berichten, nichts beizutragen.

Ich war dreizehn (gerade geworden) und verbrachte mit meiner Mutter und meiner Tante vier Wochen der Ferien in einem Dorf in Tirol, genau gesagt, in Kramsach. Ich bin nicht einmal sicher, ob wir vom Mauerbau noch am selben Tag erfuhren oder erst am Tag danach. Genau wie ich es bis heute im Urlaub meistens halte, wurde weder Zeitung gelesen, noch Radio gehört, und einen Fernseher gab es in der Pension sowieso nicht –- nicht einmal im Frühstücks- und Aufenthaltsraum für die Gäste. Ich vermute, dass die Mauer am 14. August Gesprächsthema beim Frühstück war, weil die Wirtsleute es abends im Radio gehört hatten. Meine Mutter überlegte, ob wir wie geplant nach Berlin zurückkehren könnten, aber meine Tante fegte diese Bedenken schnell vom Tisch: Natürlich würden wir nachhause fahren, genau wie geplant, nicht früher und nicht später. Schließlich musste sie wieder in ihr Geschäft, die Großeltern waren dort und der ganze Rest der Familie -– alle im Westteil der Stadt. In Ost-Berlin und der DDR hatten wir niemanden mehr, seit die älteren Geschwister meiner Großmutter nicht mehr lebten. Außerdem konnte dieser Mauerbau doch nur eine vorübergehende Schikane sein. Auch eine andere Berliner Familie, mit der wir Urlaubsbekanntschaft geschlossen hatten, echauffierte sich nicht übermäßig, und da meine Mutter und meine Tante sich nie besonders für Politik interessiert hatten, wurde für den Rest des Urlaubs nicht oft über das Thema gesprochen. Wahrscheinlich ist also, dass wir an jenem Tag und an den folgenden um die Mittagszeit zu der Almwirtschaft hinauf wanderten, wo es die guten Klöße gab und Apfelstrudel und Kaiserschmarrn zubereitet wurden, die man unbedingt auch noch essen musste, selbst wenn man von den Klößen schon fast platzte. Die restliche Zeit verbrachte ich damit, ein Problem auf Abstand zu halten, das mich viel mehr beschäftigte als diese absurde Mauer, und das hatte wiederum mit unserer Urlaubsbekanntschaft zu tun, bei der es sich um ein Ehepaar mit Sohn (genauso alt wie ich) handelte. Dieser Junge war einerseits ganz nett, nervte andererseits aber schrecklich. Wenn wir als Mini-Touristenhorde durch den Ort zogen, und von Ferne kam ein Auto über die Dorfstraße geholpert, riss er mich am Arm fast in den Straßengraben, um mir das Leben zu retten. Danach fiel ihm dann wieder ein, dass seine Eltern ihm beigebracht hatten, ein Kavalier gehe immer auf der „“verkehrsgefährdeten““ Seite. Sicherheitshalber wollte er mich dabei auch noch an die Hand nehmen. Was sollte denn der Quatsch!? Noch dazu, wo er sich sonst nicht unbedingt wie ein Kavalier verhielt, sondern mich bei jeder Gelegenheit in den Schwitzkasten nahm oder kleine Ringkämpfe anfing. Was aber dem Fass den Boden ausschlug, war das Verhalten meiner Mutter. Hatte sie früher stets eingegriffen, wenn ein Junge grob zu mir war, beobachtete sie dieses Treiben jetzt mit einem blödsinnig milden Lächeln. Und seine Mutter war um keinen Deut besser. Zwei grinsende Mütter und dieser Knabe, der dauernd an mir herumzerrte! Und so erinnere ich mich am liebsten nur an den Ausflug, den wir nach Innsbruck machten -– ohne unsere Urlaubsbekannten.

Nun, ich sagte ja schon, dass ich leider keinen Beitrag zum Konvolut der Erinnerungen leisten kann. Ich war dreizehn, und das war schon Katastrophe genug.

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