Jeannette Walls (* 1. Januar 1960 in Phoenix, Arizona) lebt und arbeitet als Journalistin in New York City und Long Island. Sie schrieb Gesellschaftskolumnen für E! Channel und das New Yorker Magazin Intelligencer. Im Moment moderiert sie dreimal wöchentlich eine Live-Sendung im Morgenfernsehen bei MSNBC. Sie hatte eine sehr außergewöhnliche Kindheit, über die sie 2006 die Autobiographie Schloss aus Glas veröffentlichte, welche Jeannette Walls zu größerer Bekanntheit auch in Europa verhalf.
(Wikipedia: Jeanette Walls)

Wer Jeanette Walls‘ autobiographischen Roman „Schloss aus Glas“ gelesen hat, kennt bereits die Fortsetzung der Geschichte, die sie in ihrem zweiten Roman erzählt, der vom Leben ihrer Großmutter handelt, beginnend, als jene Großmutter ein Kind auf einer Ranch in Texas war, und endend mit der Hochzeit der Eltern der Autorin. Aber diese Kindheitsbewältigung war vielleicht notwendig, um mit jener beeindruckenden Klarheit und der gebotenen Distanz die Vorgeschichte überhaupt erzählen zu können. Das Attribut „geboten“ ist einschränkend zu verstehen, denn man spürt beim Lesen den Respekt, den die Großmutter der Enkelin bis heute abfordert -– auch da, wo sie ihn nicht verdient hätte. Dass Jeanette Walls aber sehr sachlich schreibt, nie dramatisiert, ihre Bewunderung nur unterschwellig mitschwingt, verhalf mir zu einem besonderen Lesegenuss: Faszination schwankend zwischen Anerkennung für diese imponierende Frau und heftiger Ablehnung.

Als älteste von drei Geschwistern, muss Lily schon als Kind viel Verantwortung übernehmen, denn der Vater ist zwar intelligent, körperlich aber durch einen Pferdetritt, der ihn selbst als Kind fast das Leben gekostet hätte, beeinträchtigt und darüber hinaus ein Träumer, der sich oft lieber mit seinen abenteuerlichen Ideen beschäftigt als seinen Verstand für die Ranch in West-Texas zu gebrauchen, während die Mutter körperliche Arbeit verabscheut und in Notsituationen lieber betet statt zuzupacken. „“Hoffe das Beste und rechne mit dem Schlimmsten!““ ist der Rat, den Lily von ihrem Vater schon früh bekommen hat. Bald ist sie es, ohne die auf der Ranch nichts mehr geht. Lily aber möchte die Schule besuchen, was endlich von den Eltern auch erlaubt wird. Doch kaum hat sie sich entschlossen, selbst Lehrerin zu werden, zahlt ihr Vater das Schulgeld nicht mehr, weil er es für die Anschaffung zweier Dänischer Doggen ausgegeben hat. Sein neuester Traum ist, mit einer Hundezucht reich zu werden. Lily aber geht ihren Weg, und sie tut es ohne Kompromisse. Wilde Pferde zuzureiten, mit Schusswaffen umzugehen und Cowboys die Arbeit zuzuweisen, hat sie schon als Kind gelernt. Jetzt wird sie gegen alle Widerstände nicht nur Lehrerin, sondern auch Schnapsschmuggelerin, Pokerspielerin und Pilotin, und von ihren eigenen Kindern verlangt sie nicht weniger als von sich selbst. Sie lehrt sie das Fürchten, um sie furchtlos zu machen, beschützt ihre Kinder aber riskiert auch deren Leben, wenn es darum geht die Ranch zu retten, auf der sie mit ihrem Mann –- nun in Arizona -– lebt. In wechselndem Licht erscheinend aber immer glaubhaft: Es ist dieselbe Frau, die zu ihrer in Schwierigkeit geratenen kleinen Schwester hält, obwohl sie dadurch ihre Anstellung als Lehrerin verliert, wie die, welche die eigenen Tochter brutal mit einem Gürtel verprügelt, weil sie mit jungen Indianern in einem See gebadet hat; dieselbe Frau, die zu Zeiten der Benzinrationierung Hunderte von Kilometern durch die Staaten fährt, damit ihr alter Vater nicht allein sterben muss, wie die, welche ihre Tochter anstiftet, den eigenen Vater zu bespitzeln, als sie den Verdacht hegt, dass er fremdgeht.

Wer bis heute keines der beiden Bücher gelesen hat, hätte die Wahl, ob er sie in der chronologischen Reihenfolge des Erlebten oder des Geschriebenen lesen möchte. Mir hat sich diese Frage nicht gestellt. Ich bekam das zuletzt geschriebene Buch zuerst geschenkt, und ich bin froh darüber [Danke, Villa!], denn mich beschlich beim Lesen ein ungutes Gefühl -– freilich in einem positiven Sinne, weil ich mich mit eben diesem Gefühl auseinandersetzen musste. Ein ungutes Gefühl kann man aber nur haben, wenn man nicht weiß, was kommt.

In der Unvorhersehbarkeit liegt übrigens ein Teil des beachtlichen Erzähltalents von Jeanette Walls. Was auch immer passiert, es passiert im Buch genauso überraschend, wie die Dinge sich oft im Leben ereignen, und es ereignet sich genug, um beim Leser keine Langeweile aufkommen zu lassen – auch ohne dass Spannung künstlich aufgebaut wird. Hinzukommt, dass man viel Interessantes über Pferde, Rinderzucht, das wahre Leben auf einer Ranch, das so viel anders ist, als in den Western Filmen, und die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die amerikanische Zivilgesellschaft erfährt.

Cover

Jeanette Walls
Ein ungezähmtes Leben
Diana Verlag, 11. Juli 2011
Taschenbuch, 368 Seiten
ISBN-10: 3453355628
ISBN-13: 978-3453355620

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