Wer dieses Blog schon lange genug liest, erinnert sich vielleicht, dass ich einmal geschrieben habe, warum ich mich manchmal als Anfängerin bezeichne. Es geht dabei nicht um echte oder falsche Bescheidenheit, sondern um die bedauerliche Tatsache, dass mir hin und wieder Anfänge zu Geschichten einfallen, von denen ich sonst nichts weiß, weder die Idee zu einer Story und schon gar kein Konzept habe. Nur wie ich die Geschichte, die noch gar nicht existiert, gerne beginnen würde, weiß ich. Und bei diesem Anfang bleibt es dann meistens auch. „Leben mit Martin“ ist eine Ausnahme, liest sich aber immer noch wie ein sehr langer Anfang, finde ich.

Ehrlich gesagt, ich halte das mit den Anfängen nicht für besonders schlau. Weit lieber ist es mir, die Idee für eine gute Handlung zu haben und dann daran zu arbeiten, genau wissend, wohin der Ball rollt. Diese Anfänge aber springen mich an, ohne dass ich es will oder gar danach gesucht hätte. Auslöser des folgenden Textes war eine tatsächliche Begebenheit. Die beschriebene Szene im Bus hat sich wirklich ereignet, meine Phantasie angeregt, und ich habe lediglich den Namen geändert. Der Fortgang der Handlung ist sozusagen optional.

Grünfinger

An einem Mittwoch um die Mittagszeit nahm ich den Bus, um von Mariendorf nach Lankwitz zu fahren. Da stieg eine junge Frau zu, an der nichts auffällig gewesen wäre, hätte sie nicht, sich hastig von Sitzreihe zu Sitzreihe bewegend, allen männlichen Fahrgästen dieselbe Frage gestellt, wobei sie nur einen sehr jungen Burschen und zwei Greise ausließ: „“Heißen Sie Grünfinger?““
Keiner der Angesprochenen reagierte unwirsch, denn sie fragte in einem drängenden aber nicht unhöflichen Ton, so wie man vielleicht den Besitzer einer Brieftasche oder eines Hundes suchen würde. Sie insistierte nicht und schien an der Wahrhaftigkeit des Neins, das sie von jedem zur Antwort bekam, nicht zu zweifeln. Bis zur nächsten Haltestelle war sie an der hinteren Bustür angelangt und stieg aus. Und während der Bus sich schon wieder in Bewegung setzte, konnte ich beobachten, wie sie ihre Befragung auf der Straße fortsetzte, von einem zum nächsten hetzend. Kurz bevor ich sie aus den Augen verlor, hielt sie gerade einen Mann auf, der im Begriff war, ein Grundstück zu betreten, wandte sich aber gleich wieder ab, als er den Kopf schüttelte. Egal aus welchem Grund sie einen Mann namens Grünfinger suchte, entbehrte ihre Vorgehensweise doch eines logischen Systems, ja, erschien mir vollkommen absurd. Als ich mein Fahrziel erreicht und noch immer keine mögliche Erklärung gefunden hatte, beschloss ich, dass es sich um eine geistig verwirrte Frau handeln musste, auch wenn man ihr diesen Zustand nicht ansah, und sicher hätte ich das Vorkommnis schnell vergessen, wäre ich nicht am selben Abend mit einem Klienten verabredet gewesen.

Der Mann hieß Krück, „wie Krücke ohne e“, das hatte er am Telefon gesagt und war Inhaber einer Fabrik, die Fensterheber herstellte, das hatte ich selbst herausgefunden. Wir trafen uns in einem Restaurant. In meinem Büro hatte er mich nicht aufsuchen wollen, und meinen Vorschlag, uns in seinem Büro zu treffen, hatte er ebenso abgelehnt. Ich mag diese übertriebene Geheimniskrämerei nicht, zumal ich die Erfahrung gemacht habe, dass sie der Diskretion eher abträglich ist. Wie recht ich damit habe, erwies sich in diesem Fall schon, während er mir Dinge mitteilte, die ich ohnehin schon wusste, ohne das eigentliche Problem bisher zur Sprache gebracht zu haben.
Ich hatte dafür gesorgt, selbst mit dem Rücken zur Tür des Lokals zu sitzen. Das tue ich bei solchen Verabredungen immer, damit ich am Gesichtsausdruck meines Klienten erkennen kann, wenn jemand hereinkommt, der uns nicht zusammen sehen und noch weniger den Grund des Treffens erfahren sollte. Während sich in Krücks Gesicht der Wechsel von Erschrecken, über Unwillen zu einem erzwungenen Lächeln abspielte, wechselte ich also das Thema: Guinness Buch der Rekorde. Das finde ich zwar vollkommen blödsinnig, aber für einen Themenwechsel ist es optimal. Das Essen oder das Wetter sind als Themenwechsel verdächtig unverfänglich. Beim Guinness Buch der Rekorde bin ich immer ein bisschen stolz darauf, wenn mir ein Rekord einfällt, der einen Bezug hat zu etwas, das sich auf dem Tisch oder sonst im Raum befindet, oder zu einem Begriff, der kurz zuvor erwähnt wurde. Aber auch wenn mir das nicht gelingt, ist es für den Gesprächspartner, der diese Wendung mitmachen muss, ein Leichtes, etwas zu erwidern, und sei es nur, dass er Rekorde und dieses Buch vollkommen blödsinnig findet. In diesem Fall sagte ich: „“Seit ich gelesen habe, dass ein Schweizer ins Guinness Buch der Rekorde gekommen ist, weil er sich 259 Strohhalme gleichzeitig in den Mund gesteckt hat, weigere ich mich, etwas mit Strohhalm zu trinken.““ Dabei war ich weniger gespannt darauf, was Krück darauf erwidern, als wie er mich vorstellen würde, und hoffte inständig, ihm fiele etwas Besseres ein als zu behaupten, ich sei am Kauf von Fensterhebern in größerer Menge interessiert. Ich brauche keinen einzigen. Ich weiß nicht einmal, wie das aussieht, was im Hohlraum einer Autotür die Fenster hebt und senkt. Tatsächlich bedurfte Krück des Strohhalms gar nicht, den ich ihm hingehalten hatte, denn wir saßen nicht weit von der Tür, und der Hereingekommene hatte unseren Tisch bereits erreicht – ein Mann, etwa in Krücks Alter doch wesentlich besser aussehend.
„“Guten Abend, Lutz““, sagte Krück. „“Ich sitze hier gerade mit einer Journalistin, die etwas über betriebliche Altersversorgung schreiben will. Setzt dich doch zu uns. Frau Bach –- mein Teilhaber.““ Die letzten Worte begleitete er mit einer knappen Handbewegung von mir zu seinem Kompagnon.
Als Journalistin vorgestellt zu werden, bin ich gewöhnt, in ihre Familie nehmen mich nur wenige Klienten auf, und betriebliche Altersversorgung war ein Thema, bei dem ich mir zu helfen wüsste.
„„Wenn ich nicht störe, gern.““ Krücks Teilhaber verneigte sich leicht in meine Richtung. „„Grünfinger mein Name.““

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