Dass Geräusche uns dazu bringen, etwas zu visualisieren, kennt jeder. In der Musik ist dies sogar beabsichtigt und von den meisten Musikliebhabern auch erwünscht. So soll, darf und kann man zu den Klängen von Smetanas „Moldau“ die Moldau „hinunter fahren“, beginnend bei den Quellen, die von zwei Flöten dargestellt werden, vorbei an einer Bauernhochzeit, wonach die Moldau endlich zu einem breiten Strom wird und an den Sankt-Johann-Stromschnellen mit Pauken und Blech ihren dramatischen Höhepunkt erreicht, bevor sie wieder zur Ruhe kommt, majestätisch durch Prag fließt, um endlich mit sacht verklingenden Wogen in die Elbe zu münden. Soviel also zur Musik, und es ließen sich unzählige Beispiele mehr anführen.

Auch bei Stimmen kennen wir dieses Phänomen. Nicht nur eine uns vertraute Person haben wir vor dem geistigen Auge, wenn wir ihre Stimme hören, nein, auch fremde Stimmen, deren Besitzer sich außerhalb unseres Blickfeldes befindet, erzeugen eine visuelle Vorstellung. Sie haben ein spezifisches Geschlecht, lassen das Alter der Person schätzen, klingen gepflegt oder vulgär, schön oder hässlich. Diese Eindrücke können täuschen, entstehen jedoch unweigerlich, noch bevor wir sie überprüfen können.

Dass allerdings ein Geräusch riecht… Mir jedenfalls ist das neulich zum ersten Mal passiert. Natürlich kann ich mir bei Meeresrauschen im Radio den Geruch von Meer vorstellen. Aber ich rieche ihn nicht wirklich, dazu müsste ich schon in der Nähe des Meeres sein und der Wind günstig stehen. Neulich – und mit dem Meer hat das nun gar nichts zu tun – hörte ich, dass der Nachbar unter mir seinen Staubsauger in Betrieb nahm. Das störte mich weder, noch geschah es zu einer Uhrzeit, die ungewöhnlich für den Hausputz war. Das Ungewöhnliche: Kaum hörte ich den Staubsauger, „roch ich ihn“. Es ist nun mal leider wahr: Staubsauer stinken. Wenn sie einigermaßen gepflegt sind, Filter und Staubbeutel angemessen gewechselt werden, hält sich die Geruchsbelästigung in Grenzen. Es gibt Staubsauger-Deos, und ich habe mal eines ausprobiert, fand aber den chemischen Gestank, der den Staubmief lediglich „übertönt“, mindestens genauso störend, so dass ich mir angewöhnt habe, bei weit geöffneten Fenstern staubzusaugen. – Bleibt das Phänomen, dass ich einen Staubsauger roch, den ich lediglich hören konnte. Es mögen meine extrem geruchsempfindlichen Tage gewesen sein, die an denen ich es, wenn möglich, vermeide, in überfüllte Busse einzusteigen und mich in der Nähe von Frittenbuden aufzuhalten, aber selbst an solchen Tagen bin ich nicht so hysterisch, zu glauben, der Geruch eines Staubsaugers würde innerhalb von Sekunden durch den Fußboden von der Wohnung des Nachbarn in meine dringen. Und da ich diesem Phänomen wohl heute nicht mehr auf den Grund gehen werde, krempele ich jetzt die Ärmel hoch, reiße die Fenster auf und…

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