Die Reise nach Rom hat sich gelohnt!

„Gruppenbild mit Dame“ (1971) ist der Roman Heinrich Bölls, der ausschlaggebend war für seine Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur. Schon 1969 hatte Heinrich Böll, der während des Zweiten Weltkriegs selbst sechs Jahre lang Soldat gewesen war, in einem Rundfunkinterview erklärt: „Der eigentliche Aspekt des Krieges war für mich die Bombardierung der Städte. Das war vollkommener Irrsinn. Die Frauen und Kinder in den Städten hatten es ja viel, viel schlimmer als sogar ein Soldat an der Front.“ Im Juni 1971 sagte er über seinem Roman: „Die Idee zu diesem Buch hat mich schon sehr lange beschäftigt, wahrscheinlich schon bei den meisten Romanen und Erzählungen, die ich bisher geschrieben habe. Ich habe versucht, das Schicksal einer deutschen Frau von etwa Ende Vierzig zu beschreiben oder zu schreiben, die die ganze Last dieser Geschichte zwischen 1922 und 1970 mit und auf sich genommen hat.“

Der stets von sich selbst in der 3. Person als Verf. sprechende Erzähler rekonstruiert anhand von Gesprächen mit Augen- und Zeitzeugen das Leben der Leni Pfeiffer, geborene Gruyten – ein pseudodokumentarischer Roman also, in dem Böll jedoch auch authentische Dokumente verarbeitet hat, z.B. aus den Akten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, sowie Kriegsprosa aus „Kampferlebnisse aus dem Kriege an der Westfront 1940“ nach Schilderungen von Frontkämpfern hrsg. vom Generalstab des Heeres, Berlin 1941. Obwohl Heinrich Böll den Ball der Gefühligkeit denkbar flach hält, u.a. indem er lexikalische (auf den Seiten 113-115 erklärte) Abkürzungen verwendet: T für Tränen, L1 für Lachen, L2 für Leid, W für Weinen, G für Glück, und S für Schmerz, bewirkt die Subjektivität der verschiedenen Aussagen, dass der Leser tief hineingezogen wird in die Geschichte eines jungen Mädchens, später einer jungen Frau, gutherzig aber ungebildet, deren Familie nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von mehreren Schicksalsschlägen getroffen wird, so dass Leni nach einer eher unglücklichen Zeit in einer Klosterschule, in der die jüdische Nonne Rahel ihre einzige Verbündete war, der Verhaftung ihres Vaters, dem Tod ihrer Mutter und der Hochzeit mit Gruyten, der gleich darauf als Soldat fällt, schließlich fast allein dasteht und gegen Ende des Krieges in einer Blumen- und Kranzbinderei arbeitsverpflichtet ist, wo sie sich in den russischen Kriegsgefangenen Boris verliebt und, obwohl beide damit ihr Leben aufs Spiel setzen, kurz vor Kriegsende ein Kind von ihm bekommt. Durch unglückliche Umstände gerät Boris dann doch noch in ein alliiertes Kriegsgefangenenlager und stirbt in einem französischen Bergwerk. Leni, auf so rührende wie naive Weise wahre Sozialistin, verpasst die Chancen, die sich ihr durch das von den Eltern ererbte Haus bieten. Viel zu billig verkauft sie es an Hoyser, der ihr Mietkonditionen einräumt, die ihm später, in Wirtschaftswunderzeiten, als nicht mehr angemessen erscheinen. Leni, während des Krieges und in der Nachkriegszeit als „Sowjet-Hure“ beschimpft, später wegen ihres Zusammenlebens mit einem türkischen Gastarbeiter geächtet, obwohl sie sittsamer und monogamer lebt als die, die sie verachten, gibt ihre Arbeit in der Gärtnerei auf, um die Kinder ihrer portugiesischen Nachbarn zu hüten, und gerät in immer tiefere Schulden. Hoyser bringt Lenis Sohn, der versucht hat, durch das Fälschen von Wechseln einen Teil des Familienvermögens zurückzugewinnen, ins Gefängnis und betreibt die Exmittierung Lenis und ihrer Untermieter – ein rechtmäßiges Unrecht, das durch das von Freunden und Nachbarn gegründete „Helft-Leni-Komitee“ verhindert wird.

Was der – wohl zu Recht – überwiegend negativ kritisierten Verfilmung 1976/77 mit Romy Schneider als Leni Gruyten/Pfeiffer vorgeworfen wird, nämlich u.a., dass die Person, um die es doch eigentlich geht, oft in den Hintergrund tritt, gilt auch für den Roman. Einerseits arbeitet Böll sehr wohl an der von ihm verehrten Frauen-Trinität, andererseits aber ist jenes „Gruppenbild“ ein Gesellschaftsporträt und dem Schriftsteller so hervorragend gelungen, dass „Gruppenbild mit Dame“ auf der Liste der unbedingt zu lesenden Bücher keinesfalls fehlen darf. Somit ist es als positiv anzusehen, wenn man hin und wieder beim Lesen die „“Dame““ (hier nicht ironisch, sondern mit Bezug auf den Titel apostrophiert) aus den Augen verliert.

Nun fehlt noch die Erklärung, warum ich mit „“Die Reise nach Rom hat sich gelohnt!““ untertitelt habe: Einerseits weil ich mir vorgenommen hatte, jetzt, in der Ferien-, Urlaubs- und deshalb Hauptreisezeit möglichst viel über traumhafte Reiseziele zu schreiben, aber auch weil eine Passage des Romans, mich so entzückt hat, dass ich glücklich glucksend die Nachttischlampe löschte. – Man kann wirklich alles schreiben, wenn man es denn kann, und Böll konnte es eben.

Heinrich Böll
Gruppenbild mit Dame
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH, 2007
488 Seiten
ISBN 978-3-462-03909-2

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