Neulich habe ich mich im Supermarkt vergriffen. Nein, nicht an jemandem, obwohl das in Anbetracht des Benehmens mancher Supermarktkunden durchaus im Bereich des Vorstellbaren läge. Ich habe mich beim Griff ins Warenregal vertan und statt Sternchennudeln Buchstaben erwischt. Gemerkt habe ich es erst zu Hause, und obwohl ich finde, dass man Buchstabensuppe eher kocht, wenn man Kinder zu beköstigen hat, und man ihnen das Erlernen des Alphabets buchstäblich schmackhaft machen möchte, so war das für mich doch kein Grund, die Nudeln zurück zu tragen und umzutauschen. Buchstaben würden genauso schmecken wie Sternchen, dachte ich mir.

Später saß ich dann vor meinem Teller, schaute auf die fertige Suppe und… hatte plötzlich keinen Appetit mehr, weil mir Zweifel kamen. – Ich glaube nun mal fest an die Ewigkeit und außerdem an Murphys Gesetz, nach dem alles, was passieren kann, auch irgendwann tatsächlich passieren wird. Metapher für diesen Glauben ist seit März 2008 (siehe „Lebenskraft“) die Buchstabensuppe, in der nicht nur irgendwann das Wort „Lebenskraft“ entstehen wird, sondern (man hat ja eine Ewigkeit Zeit, Teller mit Buchstabensuppe zu füllen) auch Schillers „Glocke“. Nach Murphys Gesetz wird nicht nur jede erdenklich Katastrophe, ungeachtet ihrer Unwahrscheinlichkeit, irgendwann eintreten. Nein, es wird nach derselben Regel auch einfach mal alles genau richtig sein – wenn es überhaupt richtig sein kann. Vor meinem Teller Buchstabensuppe ging es mir nicht etwa um ein kleinliches Misstrauen gegen die Sorgfalt beim Herstellen und Abfüllen der Nudeln, es ging um weit mehr – um etwas wirklich Großes.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich nicht an einem Zählzwang (Arithmomanie) leide. Als ich einmal Süßstofftabletten kaufte, um sie für Gäste, die solches wünschen, bereitzuhalten, erstaunte es mich zwar, dass das Etikett behauptete, der kleine Spender enthalte 1.200 Tabletten, ich fragte mich auch, ob dies einer Überprüfung standhalten würde, aber einen Teufel hätte ich getan und die Dinger… klick, klick, klick… nachgezählt. Gefragt, wie viele Stufen man zu meiner Wohnung erklimmen muss, könnte ich nur eine Schätzung abgeben, obwohl ich diese Treppen schon mit einem verstauchten Fuße hinauf und hinunter gehinkt bin. Ich zähle keine Autos, während ich auf den Bus warte. Ich zähle nicht einmal Schäfchen, um einzuschlafen. Ich zähle nur, wenn ich es aus unabweisbaren Gründen muss. Meine Sorge wegen der Buchstabensuppe war ein u-n-a-b-w-e-i-s-b-a-r-e-r Grund.

Angefangen habe ich mit Schillers „Glocke“. Schreibt man sie in Großbuchstaben und verwandelt (mit Rücksicht auf die Nudeln) alle Umlaute in AE, OE und UE und alle Eszett in SS, so besteht die „Glocke“ (vollständig, ohne Überschrift) aus 10.392 Buchstaben (499 A, 187 B, 333 C, 631 D, 1.953 E, 189 F, 280 G, 553 H, 717 I, 17 J, 120 K, 442 L, 313 M, 916 N, 231 O, 49 P, 2 Q, 715 R, 827 S, 633 T, 420 U, 51 V, 194 W, kein einziges X, ein Y und 119 Z).

Nun zu den Nudeln, die sich leider nicht digital, sondern nur analog zählen ließen:

Buchstabennudeln_sortiert

Wirklich zeitraubend und auch anstrengend war das Sortieren. Wenn es, wie den „Tennisarm“, auch einen Buchstabennudelsortierarm gibt, dann habe ich den jetzt. Außerdem habe ich aber auch ein Ergebnis, denn nach dem Sortieren kam das Zählen.

255_As

255 A, 223 B, 295 C, 272 D, 249 E, 271 F, 237 G, 262 H, 276 I, 269 J, 80 K, 257 L, 233 M, 267 N, 254 O, 268 P, 256 Q, 267 R, 274 S, 250 T, 216 U, 271 V, 296 W, 243 X, 273 Y, 264 Z. Im Durchschnitt ist jeder Buchstabe 260-mal vorhanden. Die deutlichste Ausnahme bildet das K, was daran liegt, dass es offenbar extrem zerbrechlich ist, denn zu den 80 heil gebliebenen Ks, habe ich 96 Buchstabenfragmente gefunden, die recht eindeutig mal ein K waren.

Invalide_Ks

Mit Sicherheit befindet sich darunter kein schiefes Y, denn ein Y sieht so aus:

Ypsilon

Das Y zählt neben dem T, das so stabil ist, als könnte man es wie einen Nagel in die Wand klopfen, und dem Z zu den am wenigsten fragilen Buchstaben des Suppenalphabets. Das müssen Sonderanfertigungen sein, denn andernfalls würden sie aufgrund ihrer Form das Schicksal der Ks teilen, für die den Nudelmachern scheinbar noch keine Lösung eingefallen ist. Glücklicherweise liegt das K in der Buchstabenhäufigkeit ziemlich weit hinten, was für das Y (an drittletzter Stelle) aber noch weit mehr gilt. Noch seltener kommen im Text nur Q und X vor. Aus diesem Grund hatte ich mir um die Qs keine Sorgen gemacht, obwohl ich dachte, der kleine Q-Strich würde nur schwer zu erkennen und oftmals abgebrochen sein. Aber, siehe da!

Perfekte_Qs

Sie sind perfekt. Allerdings gehören sie mit den Gs zu den Klammeräffchen, die enge Verschlingungen mit anderen Buchstaben lieben.

Hier wurde die „wissenschaftliche Analyse“ zum Geduldspiel. Sechs Pärchen wollten sich überhaupt nicht trennen lassen. Ich habe sie unter die Lupe genommen (und natürlich mitgezählt).

Unzertrennliche
Von oben links, nach unten rechts: Q+S, G+N, B+N, G+R, Q+Z, D+Z

Aus alledem ist zu schließen, dass man bei „3 Glocken“ vollständige Alphabete herstellt, ca. 260 pro Nudeltüte, und die Häufigkeit im Gebrauch der Buchstaben keine Rolle spielt. Um jedenfalls die eine Glocke, die von Schiller, zu buchstabieren, bräuchte man schon mengenmäßig zwei Tüten Nudeln und wäre mit Ds, Hs, Is, Ns, Rs, Ss und Ts immer noch unterversorgt. Knapp würde es bei den Us, die trotzt ihrer „Elastizität“…

Underground_Us

…bruchanfällig zu sein scheinen. Geradezu dramatisch aber wäre der Mangel an Es, dem häufigsten Buchstaben. Acht (!) Packungen Buchstabennudeln müsste man in eine Suppe schütten, damit Murphys Gesetz sich erfüllen kann.

Buchstabenbruch

Aus dem Bruch ließe sich zwar einiges basteln, sicher aber nicht alle fehlenden Es. Meine Zweifel waren also nicht unbegründet. Aber was wissen wir schon über die Größe der Suppenteller in der Unendlichkeit des Universums? Ich sollte mich an den Pharaonen und anderen alten Kulturen orientieren und in meinem „Letzten Willen“ um zwei Kilo Buchstabennudeln als Grabbeigabe bitten. Ich werde sie brauchen.

Besagten „Letzten Willen“ jedoch noch gar nicht geschrieben habend, tröste ich mich hiermit:

Das Wort "Lebenskraft" in einem Teller Buchstabensuppe

Diese Chance besteht immer – nicht nur digital mit dem Alphabet Soup Word Generator, sondern auch analog mit einer Handvoll Buchstabennudeln und auf einem gewöhnlichen Teller.

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