Ein Sommer-Krimi, wie er im Buche steht. Brütende Hitze lastet über Venedig und den Ereignissen, die einfach nicht eintreten wollen -– auf den ersten 131 Seiten kein Mord, sondern nur Machenschaften an den Rändern der Legalität. Während Commissario Brunetti sich eher widerwillig mit einem Hinweis auf mehrere Fälle von möglicher Prozessverschleppung beschäftigt und mit seiner Familie den Urlaub plant, macht Inspektor Vianello sich Sorgen um seine Tante, die einem Wahrsager aufzusitzen scheint, der ihr das Geld aus der Tasche zieht. Der mitschwitzenden Leserin bleibt Zeit, sich dafür zu schämen, das sie hofft, es möge noch etwas die Urlaubspläne des Commissarios vereiteln. Dabei gönnt sie den Brunettis die ungetrübten Ferien natürlich. Auch wenn sie es ungern zugibt (Grund: der pure Neid), ist ihr diese Familie über 18 Fälle (Romane) doch ans Herz gewachsen, und in diesem Punkt enttäuscht Donna Leon die Leserin auch diesmal nicht.

Nach dem Essen saß Brunetti auf dem Sofa und blätterte im Gazzettino herum, aber die leicht verdaulichen Sätze dieser Zeitung halfen ihm auch nicht über das diffuse Unbehagen hinweg, das ihn nach Paolas auffälligem Themenwechsel befallen hatte. Rückzug war keine Taktik, die er von ihr gewohnt war.
Sie kam mit dem Kaffee, reichte ihm eine Tasse und setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel. Sie legte ihre Füße auf den Couchtisch und nahm einen Schluck. „“Sollte ich noch jemals irgendwann in meinem Leben sagen, wie schön es ist, in der obersten Etage zu wohnen, unterm Dach: Würdest du mich dann bitte in den Backofen stecken und so lange schmoren lassen, bis ich zur Vernunft gekommen bin?““
„“Wir könnten uns eine Klimaanlage anschaffen““, sagte er, um sie zu provozieren.
„„Damit Chiara auszieht?““ fragte sie. „“Auf das Thema reagiert sie allergisch. Der Vater einer Freundin von ihr hat eine einbauen lassen, und seitdem weigert Chiara sich, das Haus zu betreten.““
„“Meinst du, wir haben sie zur Fanatikerin gemacht?““ fragte Brunetti.
Paola trank ihren Kaffee aus und stellte Tasse und Untertasse ab. Nach einiger Zeit sagte sie: „“Wenn sie schon Fanatikerin sein muss, dann lieber in Sachen Ökologie als wegen irgendwas anderem.““
„findest du ihre Reaktion nicht ein bisschen übertrieben?““ fragte Brunetti.
Paola zuckte die Schultern. „“So mag es uns heut erscheinen, im Hier und Jetzt. Aber in zehn oder zwanzig Jahren sieht die Sache vielleicht ganz anders aus, und wir blicken auf die Exzesse unseres Lebens zurück und erkennen, wie verbrecherisch wir waren.““ Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück.
„“Und dann wird sie als Prophetin gelten und nicht mehr als Fanatikerin?““
„“Wer weiß?““ sagte Paola mit geschlossenen Augen. „“Oft läuft das auf dasselbe hinaus.““
„„Warum hast du das Thema gewechselt?““ fragte er.
„„Arbeit und Steuern?““ fragte sie.
Er betrachtete ihr Gesicht. Mehr als zwanzig Jahr waren vergangen, seit er sie kennengelernt hatte, aber für ihn war sie nicht gealtert. Eigenwilliges blondes Haar, Eine Nase, die für das weibliche Schönheitsideal dieser Epoche vielleicht etwas zu groß war, die Wangenknochen, die seine ersten Küsse angelockt hatten. Er antwortete mit einem Brummen.
„„Ich wollte einfach nicht über Steuern debattieren““, sagte sie schließlich.
„“Warum?““
„„Weil ich finde, dass wir verrückt sind, überhaupt noch welche zu zahlen. Wenn ich könnte, würde ich damit aufhören.““
Aus langjähriger Erfahrung fragte er: „“Ist das eine rhetorische Übertreibung?““
Sie machte die Augen auf und lächelte ihm zu. „“Wahrscheinlich. Aber vor ein paar Tagen habe ich zu meiner Überraschung festgestellt, dass ich manches von dem, was die Lega sagt – genau die Sprüche, über die ich mich vor zehn Jahren fürchterlich aufgeregt habe –, inzwischen gar nicht mehr so unvernünftig finde.““
„„Wir werden wie unsere Eltern““, sagte Brunetti -– eine Bemerkung, die seine Mutter oft gemacht hatte. „“Was für Sprüche?““
„„Dass unser Steuergeld in den Süden geht und dort auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Dass der Norden fleißig arbeitet und seine Steuern bezahlt und nur sehr wenig dafür bekommt. Dass der Vatikan uns predigt, den Einwanderern gegenüber großzügig zu sein, aber selbst keine aufnimmt.““
„„Wirst du als Nächstes verlangen, dass man zwischen dem Norden und dem Süden eine Mauer errichtet?““ fragte er.
Sie lachte auf. „„Natürlich nicht. Ich wollte bloß nicht so vor den Kindern reden.““
„„Du meinst, die ahnen nichts davon?““
„„Natürlich ahnen sie etwas““, sagte Paola. „„Sie entnehmen es dem, wie wir oder die Eltern ihrer Freunde sich verhalten.““
„“Zum Beispiel?““
„„Dass wir, wenn wir in einem Restaurant essen, mit dessen Inhaber wir befreundet sind, keine ricevuta fiscale bekommen und also keine Steuern gezahlt werden.““
Wie immer, wenn er glaubte, man unterstelle ihm Knauserigkeit, ging Brunetti unwillkürlich in Verteidigungsstellung. „„Ich mache das nicht, damit die Rechnung kleiner wird. Das weißt du genau.““
„“Darum geht es doch gerade, Guido. Das wäre ja immerhin vernünftig, weil du dadurch Geld sparen würdest. Aber du machst es nicht aus Habgier, sondern aus Prinzip, damit diese unsere widerliche Regierung wenigstens dieses bisschen Geld nicht bekommt und in die eigene Tasche oder die ihrer Freunde steckt.““
Er nickte. Ganz genau darum ging es.
„“Und deswegen will ich nicht vor ihnen über Steuern reden. Wenn sie am Ende auch so über die Regierung denken, in Ordnung, aber sie müssen von allein draufkommen: Sie sollen es nicht von uns übernehmen.““
„„Auch wenn es, wie du sagst, eine ‚widerliche‘ Regierung ist?““
„„Sie ist nicht so schlimm wie manche andere““, lenkte sie nach kurzem Zögern ein.
„„Ich bin mir nicht sicher, ob das die eloquenteste Verteidigung unserer Regierung ist, die ich je gehört habe““, sagte er.
„„Ich versuche nicht, sie zu verteidigen““, sagte sie wütend. „“Sie ist widerlich, aber immerhin ist sie widerlich auf eine gewaltlose Weise. Falls das einen Unterschied macht.““
Brunetti überlegte kurz, bevor er antwortete: „“Ich glaube schon.““ Er stemmte sich hoch, ging um den Tisch herum, beugte sich zu ihr runter, gab ihr einen Kuss und sagte, er sei zur üblichen Zeit zum Abendessen wieder da.

So muss es sein! So ist es richtig! Daran könnten sich Paare, Eltern und Kinder, die der Leserin sonst in Romanen und manchmal auch im Leben begegnen, ein Beispiel nehmen. Und schon auf der übernächsten Seite geht es weiter, mit einem sich ebenfalls regelmäßig bei Donna Leon wiederholenden Thema: Die Schönheit Venedigs und Commissario Brunettis Liebe zu seiner Heimatstadt, die unbestreitbar zu den schönsten der Welt zu zählen ist, wenn man es schafft, sich die Touristenmassen und die mit Massentourismus immer und überall einhergehende Abzocke wegzudenken.

Als das Boot an der Piazza vorbeifuhr, sah Brunetti die endlosen Schlangen vorm Eingang der Basilika, sogar jetzt, um drei Uhr nachmittags. Was trieb die Menschen dazu, in der prallen Sonne zu stehen? Es fiel ihm schwer, sich die Basilika als fremde Attraktion vorzustellen. In seiner Jugend hatten ihn Lehrer und seine Mutter unzählige Male dorthin mitgenommen: Die Lehrer wollten ihren Schülern die Schönheit des Bauwerks nahebringen, und seine Mutter hatte ihm wohl die Wahrheit und Macht ihres Glaubens vor Augen führen wollen. Er versuchte, sich von der Vertrautheit mit der überwältigenden Pracht dieses Kirchenraums freizumachen, und fragte sich, wozu er bereit wäre, wenn er in seinem Leben nur eine einzige Chance hätte, ins Innere der Basilica San Marco zu gelangen. Ob er dafür eine Stunde lang in der Nachmittagssonne anstehen würde.
Er wandte sich nach rechts und fragte den Engel auf dem Glockenturm von San Giorgio um Rat. „Ich würde es machen“, sagte Brunetti schließlich und nickte bestätigend, sehr zur Verwirrung von zwei spärlich bekleideten Mädchen, die zwischen ihm und dem Fenster saßen.

Familie Brunetti sitzt bereits im Zug nach Norden, auf dem Weg in die Alpen, freut sich darauf, Pullover anzuziehen, am Kamin zu sitzen und unter Federbetten zu schlafen, die Kinder haben sich mit mitreisenden Jugendlichen angefreundet… Da klingelt das telefonino des Kommissars: In Venedig hat es einen Mord gegeben. Er kehrt um, lässt Frau und Kinder allein in den Urlaub reisen und erfährt, am Tatort angekommen, dass es sich bei dem Toten um jenen Gerichtsdiener handelt, den er im Verdacht hatte, bei den oben erwähnten Prozessverzögerungen mit einer Richterin gemeinsame Sache gemacht zu haben.

Und nun wird es spannend – nicht nur, weil endlich passiert ist, was in einem anständigen Krimi einfach passieren muss, sondern weil Donna Leon in Gesprächen mit Freund und Bruder des Opfers ein Psychogramm skizziert, wie es den Schwarz-Weiß-Malern unter den Kriminalautoren selten gelingt – in knappen Sätzen die Geschichte eines Lebens und einer Freundschaft, die Liebe ist und in ihrer Delikatesse und gleichzeitigen Unverbrüchlichkeit an Sinclair und Demian, Narziss und Goldmund denken lässt. Was zunächst aussieht wie ein sehr gewöhnlicher Mord (Penzo: „Die Leute werden nur in Erinnerung behalten, dass er schwul war und von irgendeinem Freier, den er abschleppen wollte, unten auf dem Hof getötet wurde.“), erweist sich als komplizierter, und die Aufklärung enthüllt die Geschichte eines Mannes, von dem bislang jeder nur zu sagen wusste, er sei ein guter Mensch, ein fürsorglicher Sohn und ein sehr fleißiger und überkorrekter Beamter, und dessen wahre Tragödie darin lag, dass er mit dem Menschen, den er liebte, nicht zusammen sein konnte – nicht nur mit Rücksicht auf seine egozentrische Mutter, sondern weil er Ordnung brauchte, auch in seinen Gefühlen, und die Dinge (Liebe und Sex) gerne auseinander hielt.

Die Leserin, die auf Seite 100 noch dachte, dass es sich diesmal nicht gelohnt habe, das Buch zu kaufen, wird zwar weiterhin über Donna Leons manchmal zu deutlich erhobenen Zeigefinger grummeln, die Romane dieser intelligenten Autorin aber auch zukünftig lesen.

Donna Leon
Auf Treu und Glauben
Diogenes Verlag, Zürich, 2011
316 Seiten
ISBN 978-3-257-06776-7

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