Alfred_Hitchcock_by_Jack_MitchellFrançois Truffauts „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ erschien zum ersten Mal 1966 und gehört zu den Klassikern der Filmliteratur. Truffaut, den meisten hauptsächlich als Regisseur bekannt, hatte seine berufliche Laufbahn 1951 als Filmkritiker bei Les Cahiers du cinéma begonnen. In dieser Eigenschaft hatten ihn 1962 Journalisten in New York angesprochen, wo er war, um seinen Film „Jules und Jim“ vorzustellen: Warum nehmen die Kritiker der Cahiers du cinéma Alfred Hitchcock ernst? Zu einem dieser Hitchcock-Kritiker hatte Truffaut über die Großartigkeit von „Das Fenster zum Hof“ gesprochen, nur mit dem Ergebnis, dass der Amerikaner befand: „Sie mögen ‚Rear Window‘, weil Sie New York nicht kennen, weil Sie Greenwich Village nicht kennen.“ Truffaut antwortete: „‚Rear Window‘ ist kein Film über Greenwich Village, sondern ein Film übers Kino, und ich kenne das Kino.“
Eine passendere Antwort hätte er nicht geben können und auch nichts Richtigeres sagen, wenn es darum geht, jemandem klarzumachen, dass, wer einen Spielfilm anschaut mit dem Anspruch an einen Dokumentarfilm, einen grundsätzlichen Fehler macht.
Truffaut hatte schnell begriffen, dass Hitchcock, ungeachtet seiner Erfolge, bei den Intellektuellen in Amerika ein Opfer seiner witzigen und absichtlich unernsten Interviews geworden war, denn zu jener Zeit produzierte er in den USA die Fernsehreihe „Alfred Hitchcock presents“, in der er andere Filme vorstellte. François Truffaut war sicher, dass, wenn man Alfred Hitchcock vernünftige Fragen stellte, er über die Mittel seiner Kunst mehr zu sagen haben würde, als irgendein anderer Regisseur über seine Filme. Den Altmeister zu interviewen und mit einem Buch in den USA zu „rehabilitieren“ wurde ihm zu einer Herzensangelegenheit.

Weil ich heute im babylon Hitchcocks „Eine Dame verschwindet“ gesehen habe – für mich ein absoluter Kultfilm, obwohl ich lieber die deutsch synchronisierte Fassung analog, als das Omu von DVD angeschaut hätte, hier aus Truffauts Buch ein Auszug, in dem er Hitchcock zu diesem Film befragt:

Sprechen wir nun über The Lady Vanishes. Man kann ihn in Paris sehr oft sehen, und es kommt vor, daß ich ihn mir zweimal in einer Woche anschaue. Und jedesmal sage ich mir: Da ich ihn ja auswendig kenne, werde ich mich nicht um die Geschichte kümmern, ich werde nur auf den Zug achten. Ob der Zug sich bewegt. Wie die Rückprojektionen sind. Ob es in den Abteilen Kamerabewegungen gibt. Und jedes Mal bin ich wieder so gefesselt von den Personen und der Handlung, daß ich immer noch nicht weiß, wie der Film gemacht ist.**

Er ist 1938 in dem kleinen Islington-Studio entstanden, in einem Atelier von dreißig Metern Länge, mit einem einzigen Eisenbahnwagen, alles andere ist mit Rückprojektionen und Modellen gemacht. Technisch gesehen, war das ein sehr interessanter Film. Ich hatte zum Beispiel die bekannte Szene um ein Getränk, in das man ein Schlafmittel getan hat. Was macht man gewöhnlich in so einem Fall? Man hilft sich irgendwie mit dem Dialog. „Hier, trinken Sie das.“ – „Nein, danke.“ – „Aber es wir Ihnen bestimmt guttun.“ – „Jetzt nicht, vielleicht später.“ – „Aber bitte.“ – „Sie sind zu freundlich.“ Und der Betreffende nimmt das Glas, führt es zum Mund, zögert, stellt es wieder hin, beginnt von neuem zu sprechen, ehe er trinkt. Ich habe mir gesagt, so werde ich es nicht machen, versuchen wir mal etwas Neues. Ich habe einen Teil der Szene zwischen den Gläsern durch fotografiert, damit das Publikum sie ständig sieht, aber erst am Schluß der Szene haben die Personen die Gläser berührt. Ich hatte dafür besonders große Gläser herstellen lassen.
Ich arbeite heute häufig mit vergrößerten Requisiten. Das ist ein guter Trick, nicht? […]

Das hat uns sehr weit weggeführt von The Lady Vanishes. Das Drehbuch war ausgezeichnet.

Ja, von Sidney Gilliat und Frank Launder. Aber denken wir mal einen Augenblick an unsere Freunde, die Wahrscheinlichkeitskrämer. Sie könnten sich fragen, weshalb die Botschaft einer alten Dame anvertraut wird, die jeder ohne weiteres niederschlagen kann. Weshalb schicken diese Leute von der Spionageabwehr ihre Botschaft nicht mit einer Brieftaube? Wenn man bedenkt, welche Mühe sie sich gemacht haben, die Dame in den Zug zu bringen, mit soviel Komplizen rundherum, sogar mit einer Frau, die bereitsteht, mit ihr die Kleider zu tauschen, ganz zu schweigen davon, daß man den Wagen abhängt und im Wald verschwinden läßt.

Noch dazu, wenn man bedenkt, daß die Botschaft einfach aus den ersten fünf oder sechs Takten eines Liedes besteht, die die alte Dame behalten muß. Das ist lächerlich und wirklich hübsch.

Ein Hirngespinst, ein reines Hirngespinst. Wissen Sie eigentlich, daß dieselbe Geschichte drei- oder viermal verfilmt worden ist?

Meinen Sie, man hat Remakes davon gemacht?

Nein, keine Remakes, sondern Geschichten nach demselben Prinzip, nur in verschiedener Form. Allem zugrunde liegt eine Geschichte, die 1889 in Paris passiert sein soll. Eine Frau kommt mit ihrer Tochter in Paris an. Sie steigen in einem Hotel ab. Da wird die Mutter krank. Der Arzt kommt, untersucht die Frau, nimmt den Hotelbesitzer beiseite und redet mit ihm. Dann sagt er zu der Tochter: „Ihre Mutter braucht bestimmte Medikamente“, und schickt sie mit einer Kutsche ans andere Ende von Paris. Als sie nach vielleicht vier Stunden zurückkommt und fragt: „Wie geht es meiner Mutter?“ antwortet der Hotelier: „Welcher Mutter? Wir kennen Sie nicht. Wer sind Sie?“ Das Mädchen sagt: „Meine Mutter ist in dem und dem Zimmer.“ Man führt sie zu dem Zimmer, aber da wohnen ganz andere Gäste, die Möbel stehen nicht mehr am selben Platz, und die Tapeten sind anders. Nach diesem Prinzip habe ich auch einen Halbstundenfilm fürs Fernsehen gemacht, und die Rank hat mit Jean Simmons einen Film mit dem Titel So Long at the Fair produziert. Der Witz bei dieser angeblich wahren Geschichte ist, daß sie zur Zeit der großen Weltausstellung passierte, damals, als der Eiffelturm gebaut wurde. Die beiden Frauen kamen aus Indien, und der Arzt merkte, daß die Mutter die Pest hatte. Da hat er gedacht, wenn sich das rumspräche, käme es zu einer Panik, und alle Touristen, die zur Ausstellung gekommen waren, würden abreisen. Das war der Grund.

Geschichten dieser Art sind meist am Anfang recht aufregend, aber dann flauen sie ab, und meistens wird es, wenn es zur Aufklärung kommt, fürchterlich. Beim Finale von The Lady Vanishes gibt es diese Enttäuschung nicht. Das Drehbuch war wirklich gut.

Dem Film lag ein Roman von Ethel Lina White zugrunde, The Wheel Spin, und Sidney Gilliat und Frank Launder, die sehr begabt sind, haben das erste Drehbuch geschrieben. Ich habe ein paar Änderungen gemacht, und ich habe die allerletzte Episode hinzugefügt. Für die Kritiker war es vor allem ein Hitchcockfilm, und das hat Launder und Gilliat dazu gebracht, von da an ihre eignen Produzenten und Regisseure zu werden. Kennen Sie ihre Filme?

[…]

The Lady Vanishes war Ihr vorletzter englischer Film. Ich nehme an, daß Sie damals schon Kontakte mit Hollywood hatten, vielleicht, nach dem Erfolg der ersten Fassung von The Man Who Knew Too Much, sogar schon Angebote.

Während ich The Lady Vanishes drehte, bekam ich ein Telegramm von Selznick, der mir anbot, nach Hollywood zu kommen und einen Film zu drehen über den Untergang der Titanic. Nach Beendigung der Dreharbeiten von The Lady Vanishes bin ich zum erstenmal nach Amerika gefahren und zehn Tage dortgeblieben. Das war im August 1938. […]

** Als sie im Balkanexpreß aus den Ferien heimkehrt, lernt Iris (Margaret Lockwood), eine junge Engländerin, eine charmante alte Dame, Miss Froy (Dame May Whitty) kennen. Während der Fahrt verschwindet diese auf geheimnisvolle Weise, und als Iris sie sucht, leugnen alle Fahrgäste, sie gesehen zu haben. In Wahrheit ist der Zug voller Agenten, und Miss Froy, die eine Geheimagentin ist, wurde geknebelt und gefesselt. Iris fürchtet, verrückt zu werden, und alle bemühen sich, sie in diesem Glauben zu bestärken. Glücklicherweise hilft ihr bei ihren Nachforschungen ein junger Spezialist für Volkslieder (Michael Redgrave). Der Zug wird auf ein Nebengleis gestellt und angegriffen. Miss Froy taucht wieder auf und kann fliehen. Alle treffen sich gesund im Foreign Office wider, wo Miss Froy die Botschaft abliefert, für die sie ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat, die ersten Takte einer Mandolinenmelodie.
(Deutscher Verleihtitel des Films: Eine Dame verschwindet. A. d. Ü.)

aus François Truffaut
Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?
Wilhelm Heyne Verlag, München, 6. Auflage, 2010
Taschenbuch, 400 S.
ISBN 978-3-45386141-1

Wer eine ausführlichere Inhaltsangabe von „Eine Dame Verschwindet“ lesen möchte, kann dies bei Wikipedia tun.


Bildnachweis:

Alfred Hitchcock by Jack Mitchell, vermutlich 1972
Jack Mitchell [CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Alfred_Hitchcock_by_Jack_Mitchell.jpg