Als Rosenbach das Büro seines Creative Directors betrat, vergaß er vor Überraschung den Grund, aus dem er ihn hatte sprechen wollen. Da stand ein griechischer Sklave hinter dem Sessel des jungen Mannes und schwenkte einen großen Fächer.
Christian Dieckmann, wegen der Doppelung der Initialen seines Namens mit denen seiner ambitionierten Position in der Firma von allen nur CD genannt, blickte von seinem Laptop auf und brauchte einen Moment, bevor er Rosenbachs verdutzten Gesichtsausdruck verstand. Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, grinste dann und sagte: „„Genial, oder?““
„„Ich weiß nicht““, sagte Rosenbach, immer noch verwirrt, obwohl er inzwischen mitbekommen hatte, dass es sich bei dem Sklaven um einen Automaten handelte. „„Ich würde eher sagen abstrus.““
CD lachte und klärte seinen Chef auf. „„Ein Freund von mir heiratet nächsten Monat. Er hat alle ehemaligen Klassenkameraden -– Grundschule und Gymnasium! -– zu einer Junggesellenabschiedsparty eingeladen. Für das Geschenk haben wir zusammengelegt. Etwas wirklich Lustiges sollte es sein. Und da er ein ziemlicher Pascha ist –. Den Burschen hier habe ich auf einer Skurrilitätenauktion gekauft.““
„„Die arme Frau!““ sagte Rosenbach.
„„Es ist ja ein Geschenk für ihn““, verteidigte sich CD.
„„Ja, aber sie wird auch damit leben müssen. Außerdem bezog sich mein Bedauern auf den Pascha, nicht auf den Sklaven.““
CD lachte. „„Ich kenne das Mädel ganz gut. Die kann damit umgehen. Ich glaube, ihr gefällt seine Attitüde sogar, was nicht heißt, dass sie ihm alles durchgehen lässt.““

„“Macht ganz schön Lärm, das Ding““, sagte Rosenbach, um das Gespräch wieder auf das Objekt seines Befremdens zu bringen.
„„Stimmt““, gab CD zu. „“Es erinnert mich an diese Maschinenskulpturen von Tinguely.““
„“Bei Tinguely gehört das Klappern und Quietschen zur Kunst. Das hier hört sich an wie ein Tretnähmaschine in Zeitlupe““, entgegnete Rosenbach kritisch, ohne dass es ihm gelang, CD zu verunsichern.
„„Es ist auch etwa dieselbe Mechanik. Geradezu unverwüstlich.““
„„Dann wird Ihr Freund ja lange Freude daran haben.““ Rosenbach konnte sich die Ironie nicht verkneifen. Trotzdem fühlte er sich gerade etwas überfordert mit den Dingen, mit denen sich seine Mitarbeiter außerdienstlich beschäftigten, und wollte sich schon wieder zum Gehen wenden, als ihm das Dossier, das er unter dem Arm trug, doch wieder einfiel. „„Ich wollte Sie bitten, sich das hier mal anzuschauen.““ Er legte die dicke Mappe auf CDs Schreibtisch. „„Mit Spielwaren haben wir praktisch keine Erfahrung – außer, dass wir alle mal Kinder waren. Ich bin mir noch nicht im Klaren, ob wir uns mit dem Mann ernsthaft zusammensetzen sollten. Wenn Sie damit durch sind, möchte ich wissen, ob Sie einen interessanten Ansatzpunkt entdeckt haben.““
CD erwiderte Rosenbachs Abschiedsgruß mit einem Lächeln und hatte das Dossier bereits aufgeschlagen, offenbar bereit, sich sofort damit zu beschäftigen.

Als Rosenbach in seinem Auto saß, das im Gegensatz zu seinem Büro eine Klimaanlage hatte, weil sie bei diesem Modell serienmäßig eingebaut war, wäre er am liebsten gar nicht mehr ausgestiegen oder zumindest direkt nach Hause gefahren, aber er hatte sich tatsächlich etwas vorgenommen. Er wollte sich den Film „“Das Beste kommt zum Schluss““, den Wildner ihm empfohlen hatte, besorgen, doch nachdem er drei Videotheken angesteuert hatte, ohne in deren Nähe einen freien Parkplatz zu entdecken, gab er es auf.

Irgendwie hatte seine Haushälterin Angelika es geschafft, durch geschicktes Lüften und rechtzeitiges Herunterlassen der Jalousien die Wärme in der Wohnung erträglich zu halten. Von ihr selbst war allerdings nichts zu sehen. Rosenbach nahm an, dass sie sich auch einen frühen Feierabend gegönnt hatte. Mit einem dankbaren Seufzer nahm er zur Kenntnis, dass sie umsichtig ein großes Leinentuch über die Ledercouch gebreitet und in den Polsterritzen festgesteckt hatte. Rosenbach entledigte sich seiner Oberbekleidung, streckte sich lang aus, genoss die Berührung mit dem kühlen Stoff und war im nächsten Moment eingeschlafen.

Er träumte. Er saß an einer alten Nähmaschine und trat das Pedal, bis er merkte, dass nicht er das Pedal trat, sondern dass es sich von selbst bewegte, immer schneller, und je schneller es sich bewegte, desto schneller wedelte der Sklave, der neben ihm stand, mit einem Fächer. Dann kam seine Junior-Sekretärin an einem Fallschirm herunter geschwebt, konnte aber nicht landen, vielleicht weil der Fächer zu viel Wind machte. Sie warf ihm Münzen zu, so als wäre Rosenbach ein Bettler. Er versuchte, ihr zu erklären, er tue dies nur in Vertretung von CD, weil der dem Weihnachtsmann das Spielzeug bringen müsse, aber sie schien ihn nicht zu hören und warf weiter Münzen. Irgendwo klingelte ein Telefon.

Das Telefon klingelte wirklich, und als Rosenbrach begriff, dass er nur geträumt hatte und das Klingeln ihn geweckt hatte, war er zunächst erleichtert, erschrak aber, als er die eiligen Schritte seiner Haushälterin in der Diele hörte und dann ihr lautes „“Hier bei Rosenbach“.“
Er beeilte sich, Hose und Hemd wieder anzuziehen. Angelika war zwar daran gewöhnt, seine Unterhosen zu waschen, nicht aber, ihn darin zu sehen.

„“Himmel, jetzt haben Sie mich aber erschreckt! Ich wusste gar nicht, dass Sie zu Hause sind““, sagte die Haushälterin, als er in die Diele trat. Sie hatte gerade den Telefonhörer weder aufgelegt. „“Das war der Herr Dieckmann. Ich habe ihn gefragt, ob er möchte, dass Sie ihn zurückrufen, aber er meinte, es hat dann Zeit bis morgen, weil er jetzt auch nach Hause fährt.““
Rosenbach schaute auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass es bereits kurz vor sechs war. „“Warum ruft der jetzt noch an, wenn es dann doch nicht so dringend ist?““ murmelte er ärgerlich, doch dann fiel ihm ein, dass er seinem Creative Director für die Störung eigentlich dankbar war. Dieser Traum war wirklich zu verrückt gewesen, und ohne das Klingeln des Telefons wäre Angelika sicher irgendwann ins Wohnzimmer gekommen und hätte ihn fast nackt auf dem Sofa angetroffen. „“Ich dachte übrigens auch, dass Sie bei der Hitze früher Feierabend gemacht hätten““, sagte er.
„„Nein, ich war auf dem Friedhof““, erklärte sie. „“Die schöne Hortensie, die wir vor ein paar Wochen bei Ihrer Tante gepflanzt haben, sollte nicht verdursten. Aber den Weg hätte ich mir sparen können. Schauen Sie sich das an!““ Sie marschierte durchs Wohnzimmer und zog eine der Jalousien hoch, ohne dass es im Raum wesentlich heller wurde. Dicke Wolken waren aufgezogen, und der Wind, der die Bäume bewegte, kündete von einem Gewitter, das sich nicht weit entfernt bereits zu entladen schien. Rosenbach öffnete das Fenster und genoss den frischen Lufthauch, der ihm sofort unter das Hemd fuhr.
Seine Haushälterin schien weniger begeistert zu sein. „„Ich mache mich jetzt besser auf den Weg nach Hause, sonst erwischt mich das Unwetter noch. Ich habe eine Honigmelone für sie kaltgestellt, und Bündnerfleisch dazu. Sie müssen es nur noch aus dem Kühlschrank nehmen““, sagte sie. „“Und vergessen sie nicht, das Fenster zu schließen, bevor sie aus dem Zimmer gehen. Sonst sitzen Sie nachher an ihrem Schreibtisch, ganz in Ihre Arbeit vertieft, und hier gibt es eine Überschwemmung.““
Rosenbach schloss das Fenster sofort. „“Ich fahre Sie nach Hause.““ Den Protest der Haushälterin, das sei nicht nötig, und sie würde es schon noch schaffen, ließ er nicht gelten.

Tatsächlich hatte der Regen noch nicht eingesetzt, als er Angelika vor ihrem Haus aussteigen ließ, doch auf dem Rückweg musste er einmal sogar anhalten, weil ein richtiger Wolkenbruch niederging, und die Scheibenwischer die Wassermassen nicht mehr bewältigten. Als er schließlich seine Wohnung erreichte, hatte der kurze Weg von der Garage zur Haustür genügt, ihn bis auf die Haut nass werden zu lassen.

Während das Unwetter ihn in seinem Auto praktisch gefangen gehalten hatte, war ihm der wirre Traum nicht aus dem Kopf gegangen. Ob es auch heute Menschen gab, die sich Sklaven halten würden, wenn es möglich wäre? Rosenbach befürchtete, dass diese Frage mit einem Ja zu beantworten war. Also hatte er seine Gedanken lieber wieder der Löffelliste zugewandt. Was waren das für Dinge, die er in seinem Leben unbedingt noch tun wollte? Vieles, was ihm einfiel, betraf seine Geschäfte und gehörte eher auf eine To-do-Liste. Dann gab es Dinge, die konnte man auf gar keine Liste setzen in der Hoffnung, sie irgendwann abhaken zu können – Wünsche, die von anderen Menschen abhingen, und für deren Erfüllung bestimmte Voraussetzungen gegeben sein mussten, die sich der eigenen Kontrolle entzogen. Wünsche, für die nur Geld und etwas Zeit nötig waren, hatte er sich meistens bei der nächsten Gelegenheit erfüllt, so dass sich nichts angesammelt hatte. War er wunschlos glücklich? Diese scheinbare Wunschlosigkeit machte ihn eher – nein, nicht unglücklich, aber irgendwie unzufrieden.

Auch als Rosenbach später, in einen Bademantel gehüllt und nun wieder bei offenem Fenster, da der Regen fast aufgehört hatte, an seinem Schreibtisch saß, fiel ihm nichts ein, nicht einmal kulinarische Köstlichkeiten, von denen er gehört, die er aber noch nie probiert hatte. Das lag vielleicht an der Honigmelone und dem Bündnerfleisch, die genau seinen heutigen Bedürfnissen entsprachen, als könnte Angelika hellsehen. „Löffelliste“ hatte er oben auf das Blatt geschrieben. Darunter gähnten die leeren Zeilen auch noch, als er später zu Bett ging.

Am nächsten Morgen begab sich Rosenbach als Erstes in das Büro seines Creative Directors, um sich nach dem Grund seines Anrufs vom Vorabend zu erkundigen. Mit einer gewissen Erleichterung stellte er fest, dass der automatische Sklave verschwunden war. Allerdings war auch CD nicht an seinem Arbeitsplatz, und als Rosenbach seine Sekretärin fragte, ob sie wisse wo der Kollege sei, sagte sie, er sei nur kurz ins Büro gekommen und habe lediglich gesagt, er müsse zur Industrie- und Handelskammer. Bis zum Mittag hatte er sich nicht zurück gemeldet, und nun musste Rosenbach aus dem Haus. Er hatte eine Sitzung in einem Golfclub. Obwohl er selbst nicht Golf spielte, gehörte er dem Vorstand an, weil seine Firma finanziell nicht unerheblich beteiligt war. Die Sitzung zog sich bis in den späten Nachmittag. Es war zwar nicht mehr so heiß, wie an den vorangegangenen Tagen, dafür aber schwül, und Rosenbach fuhr direkt nach Hause, nachdem er sich hatte loseisen können, obwohl die Herren beschlossen hatten, dem Zusammentreffen noch einen gemütlichen Teil in der Bar folgen zu lassen.

„„Ich habe Ihnen die Liste auf den Schreibtisch gelegt““, sagte Angelika, als er den Kopf zur Küche hinein steckte, um sie zu begrüßen.
Rosenbach nahm an, es handle sich um eine Liste nötiger Anschaffungen für den Haushalt, und war nicht wenig überrascht, als er sah, dass seine Haushälterin ihm das Schreiben der Löffelliste abgenommen hatte:

12 Esslöffel (geerbtes Besteck von der Tante)
12 Teeloffel (dito)
12 Mokkalöffel (dito)
6 Esslöffel (unser altes Besteck)
6 Teelöffel (dito)
4 Eierlöffel (Horn)
4 Eierlöffel (Plastik)
4 Yoghurtlöffel
6 Kaviarlöffel (Perlmutt)
1 Kinderlöffel (für Albert, als er noch klein war)

Rosenbach rief nach Angelika. Er konnte sich das Lachen kaum verhalten, platzte dann doch heraus und entschuldigte sich bei ihr, denn er wollte sich keineswegs über sie lustig machen. Schließlich hatte „Löffelliste“ auf den Block geschrieben, auf dem er sonst die Anweisungen notierte, was sie für ihn erledigen sollte. Wie sonst hätte sie das also verstehen sollen? Er selbst hatte ja bis vor kurzem nicht gewusst, was eine Löffelliste war. Rosenbach erklärte es ihr.
„„Und ich habe mich schon gewundert, warum ich die Messer und Gabeln nicht auch zählen soll““, sagte Angelika.
„„Was würden Sie denn auf Ihre Löffelliste schreiben?““ wollte Rosenbach wissen.
„„Du liebe Güte, Herr Rosenbach““, sagte sie, „„ich hab‘ doch alles, und was ich mir sonst wünschen könnte, könnte ich nicht bezahlen. Wozu da eine Liste schreiben?““
„“Es gibt Leute, die denken sich aus, was sie mit einem Lottogewinn machen würden““, versuchte Rosenbach ihr zu helfen.
„„Ich spiel‘ doch gar kein Lotto““, entgegnete sie, dachte dann aber doch über die Möglichkeit nach. Schließlich fiel ihr etwas ein. „Als ich damals den Film gesehen habe ‚Mord im Orient-Express‘, da hab‘ ich hinterher gedacht, in diesem Orient-Express möchte ich auch mal fahren. Aber ich weiß gar nicht, ob es den überhaupt noch gibt, und außerdem, wie gesagt, ich spiel‘ ja nie Lotto.““
„„Na, das ist doch schon mal was““, sagte Rosenbach. „„Und wenn Sie noch eine Weile nachdenken, fällt Ihnen bestimmt noch mehr ein.““
Weil er merkte, dass sie sich unbehaglich fühlte, ließ er sie wieder an ihre Arbeit gehen. Dann fuhr er den Computer hoch, suchte im Internet nach „Orient-Express“ und fand die Seite fast sofort. Der Zug war ein Prachtstück. Der Speisewagen entlockte ihm einen leisen Seufzer. Und dann entdeckte er den Link, hinter dem sich eine Animation verbarg, in der das Abteil mit zwei Sitzplätzen sich in ein Abteil mit zwei Betten verwandelte.
Warum war ihm das nicht früher eingefallen? Schließlich hatte er, nachdem er „’Mord im Orient-Express“‘ gesehen hatte, genau dasselbe gedacht wie seine Haushälterin.

Und für Interessierte Leser hier noch der Link, den Rosenbach entdeckt hat.

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