Die Hitze war unerträglich. Zum ersten Mal bereute Rosenbach, sich damals ganz bewusst für Büroräume in einem Gebäude ohne Klimaanlage entschieden zu haben. Im Zimmer der Sekretärinnen surrte den ganzen Tag ein Ventilator auf höchster Stufe. Die Papiere auf den Schreibtischen waren mit Lochern, Wörterbüchern und Wasserflaschen beschwert. Rosenbach, den Ventilatoren nervös machten, hatte stattdessen in seinem Büro alle Fenster aufgerissen, und weil trotzdem kein Luftzug zu spüren war, stand gegen alle Gewohnheit auch die Tür zum Vorzimmer weit offen. Zunächst hatte das bewirkt, dass die beiden Damen ungewöhnlich schweigsam ihrer Arbeit nachgingen. Nur das leise Klappern der Tastaturen und hin und wieder das Schnarren des Telefons waren an Rosenbachs Ohr gedrungen, letzteres meistens gefolgt von Frau Herzogs höflicher Auskunft, Herr Rosenbach sei nicht da, und der Frage, ob der Anrufer eine Nachricht hinterlassen wolle. Bald jedoch schienen die Sekretärinnen selbst an seine Abwesenheit zu glauben, saß er doch wie von der Hitze gelähmt hinter seinem Schreibtisch und starrte auf das umfangreiche Dossier eines Spielzeugfabrikanten, der ihn zu einer Geschäftsbeteiligung überreden wollte. Nicht einmal Kaffee musste ihm gebracht werden. Neben ihm stand eine Isolierkanne mit Eistee, aus der er sich bereits drei Mal das Glas gefüllt hatte. Immer wieder schaute er gedankenlos aus dem Fenster, doch weil der gleißende Himmel ihn blendete, kehrte sein Blick bald wieder zu den Papieren zurück, auf die er sich beim besten Willen nicht konzentrieren konnte. Mit Spielzeug befasste er sich sonst nur kurz vor Weihnachten, wenn er sich ein Geschenk für sein Patenkind einfallen lassen musste –- nicht mitten im Sommer und bei dieser Hitze.

Rosenbach tupfte sich eben mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, als er Frau Keller, die Junior-Sekretärin, sagen hörte: „„Mir ist übrigens noch was eingefallen, was ich auf meine Löffelliste setzen werde. Ich möchte mal mit dem Fallschirm abspringen.““

„„Aus einem Flugzeug?““ fragte Frau Herzog.
„„Ja, natürlich aus einem Flugzeug. Dachtest du, vom Hochhaus?““
„„Ich dachte gar nichts. Ich bin nur überrascht. Du bist für mich irgendwie nicht der Typ für so was. Außerdem muss man das doch richtig gelernt haben.““
Rosenbach, der ebenfalls überrascht war, weil er Frau Keller nicht für „den Typ“ gehalten hätte, spitzte die Ohren.
„“„Was muss man denn für ein Typ sein? Und überhaupt irrst du dich, oder ich habe mich falsch ausgedrückt. Ich will ja nicht alleine springen. So einen Tandemsprung würde ich gerne machen mit jemandem, der dafür ausgebildet ist.““
„“Ganz schön mutig, sein Leben einem wildfremden Menschen anzuvertrauen.““
„„Tut man das nicht auch jedes Mal, wenn man als Passagier in ein Flugzeug steigt? Im Prinzip tut man es sogar, wenn man sich in ein Taxi setzt.““
„„Stimmt zwar, aber ein Fallschirmsprung ist doch etwas anderes, finde ich. Übrigens habe ich gestern Abend auch noch etwas auf meine Löffelliste gesetzt. Ich möchte eine Münze in den Trevi-Brunnen werfen. Ich war zwar schon in Rom –- für mich die schönste Stadt überhaupt, aber eine Münze habe ich nicht in den Brunnen geworfen. Das tut man doch, damit man zurückkehrt. Jetzt denke ich immer, dass ich nie wieder dorthin komme.““
„„Unsinn! Das ist doch kein Ding. Du musst dich nur dazu entschließen. Dann fährst du nach Rom oder fliegst hin und wirfst eine Münze in den Brunnen.““
„“Ein Tandemsprung ist, so gesehen, auch kein Ding. Man meldet sich an, bezahlt und springt. Aber es geht ja auch gar nicht darum, dass man Dinge tun möchte, die schwierig sind oder Mut erfordern. Es geht darum, dass man vieles nicht macht, obwohl man es gerne täte und durchaus tun könnte, aber man schiebt es immer wieder auf, und …““ Weiter kam sie nicht, denn sie musste das Telefon beantworten. „Es tut mir leid, Herr Wildner, aber Herr Rosenbach ist nicht im Büro, und ich weiß nicht, ob er vor dem Mittagessen…““

Mit einer Geschwindigkeit, die er sich in Anbetracht seiner Lethargie selbst nicht zugetraut hätte, sprang Rosenbach vom Sessel auf. Auch die Sekretärin zuckte zusammen, als er plötzlich durch die Tür geschossen kam und ihr Zeichen machte.
„„Moment, gerade kommt er herein. Ich reiche Sie weiter““, sagte sie geistesgegenwärtig und gab Rosenbach den Hörer in die ausgestreckte Hand.

Wildner und er waren zwar nicht eng befreundet, aber Rosenbach schätzte die Gesellschaft des Journalisten, der den Meldungen, die durch die Presse gejagt wurden, immer noch ein paar Hintergrundinformationen und pikante Details hinzuzufügen wusste. Da Rosenbach das Gefühl hatte, in eine Art Koma zu fallen, wenn nicht schnellstens etwas Anregendes geschah, erschien ihm Wildner als Rettung. Auf die Frage, ob er Zeit und Lust habe, ihn zum Lunch zu treffen, stellte Rosenbach trotzdem die Bedingung, dass sie in ein Lokal gingen, in dem die Klimaanlage einwandfrei funktionierte.
Wildner schlug ein neu eröffnetes Restaurant ganz in der Nähe vor. „“Sie sind dort nicht nur perfekt klimatisiert, sie servieren auch einen ausgezeichneten Gazpacho und die beste Seezunge, die du in der Stadt bekommen kannst.““

Keine halbe Stunde später saßen sie einander gegenüber, und Rosenbach fühlte sich zum ersten Mal an diesem Tag wohl, weil sein Hemd nicht mehr an ihm klebte. Das anhaltende Sommerwetter aber schien Wildner eine Sauregurkenzeit beschert zu haben, und das Gespräch schleppte sich etwas dahin. Offenbar hatte auch Wildner nur einen Grund gesucht, seinem Büro zu entkommen. So geschah es, dass Rosenbach, von der mit Semmelbröseln angedickten kalten Gemüsesuppe schon fast gesättigt, das Gespräch der Sekretärinnen wieder einfiel.
„„Kannst du dir unter einer Löffelliste etwas vorstellen?““
Wildner gab ein abfälliges Grunzen von sich. „„Jetzt kommst du mir mit diesem blöden eingedeutschten Begriff für Bucket List.““ Er hatte nicht nur keine Vorbehalte gegen Anglizismen, sondern nannte sich selbst einen Anglizismenhasserhasser, und dass er es damit manchmal zu weit trieb, war das Einzige an ihm, was Rosenbach ein wenig auf die Nerven ging. „“Haben wir so eine Liste nicht alle geschrieben, zumindest in Gedanken, nachdem der Film damals in die Kinos gekommen war? Und Bücher über tausend Dinge, die man getan haben sollte, bevor das Leben vorbei ist, waren immer gleich unter den Top Ten. Aber worauf willst du hinaus?““
Rosenbach ließ die Frage unbeantwortet, gab aber zu, dass er weder den Film gesehen, noch solche Bücher gelesen hatte.
„“Solltest du bei Gelegenheit nachholen -– den Film anschauen, meine ich. Ich fand es übrigens lustig, meine eigene Bucket List zu schreiben. Sie war so lang, dass ich hundert Jahre alt werden müsste, um sie abzuarbeiten. Dabei bin ich nicht mal jemand, der sich viel versagt.“ “ Wildner lachte.
Auch wenn das für ihn selbst wohl ebenso zutraf, hatte Rosenbach keine Lust, sich zu dem Thema zu äußern, ohne vorher länger darüber nachgedacht zu haben. Dass in diesem Moment das Hauptgericht serviert wurde, enthob ihn der Notwendigkeit, etwas zu sagen. Nicht eine, sondern drei kleine Seezungen lagen gefächert auf den Tellern. Sie zu filetieren, erforderte die ganze Aufmerksamkeit der beiden Männer. Die Fische waren köstlich, und Rosenbach ließ kein Fitzelchen davon übrig, nur auf die Kartoffeln musste er verzichten. Wenn die Hitze anhielte, würde er am Ende des Sommers seinen Gürtel zwei Löcher enger schnallen können.

Der kurze Weg vom Restaurant zum Büro hatte ausgereicht, Rosenbach den Schweiß wieder aus sämtlichen Poren zu treiben. Als er das Vorzimmer betrat, waren die ersten Worte, die er aufschnappte: „“…Kaviar und Krimsekt in der russischen Botschaft.““
„“Noch immer bei der Löffelliste?““ fragte Rosenbach, und obwohl es weder missbilligend geklungen hatte, noch so gemeint war, wurde Frau Keller rot vor Verlegenheit. Frau Herzog rettete die Situation.
„„Nein, wir sprachen gerade von einer Gästeliste, auf der Sie offenbar stehen. Das hier ist heute für Sie mit der Post gekommen, eine Einladung zu einem Empfang in der russischen Botschaft.““ Sie hielt ihm die edel aussehende Karte hin.
Rosenbach schüttelte den Kopf. Ihm kam spontan eine Ahnung, wer ihn auf die Gästeliste hatte setzen lassen: der Spielzeugfabrikant. Rosenbach erinnerte sich dunkel, etwas von Absatzmöglichkeiten in Russland gelesen zu haben – aber wo in diesem Packen von Konzepten, Bilanzen, Finanzierungsplänen, Produktlisten und fotokopierten Presseberichten?
„„Stellen Sie doch bitte fest, ob unser Creative Director in seinem Büro ist.““
Daraus, dass er vor ihrem Schreibtisch stehenblieb, schloss die Sekretärin, dass die Frage nicht den geringsten Aufschub duldete, und griff sofort zum Telefon. Tatsächlich aber wollte Rosenbach nur noch für einen Moment den Luftzug des Ventilators auskosten.
„„Herr Dieckmann ist da. Soll er zu Ihnen kommen?““ fragte sie.
„„Nein, ich gehe rüber.““ Rosenbach holte das Dossier von seinem Schreibtisch. Schon an der Tür, drehte er sich noch einmal um. „„Ich habe danach noch einen Termin in der Stadt und komme nicht mehr rein.““ Und weil er sah, dass der Blick der Sekretärin zum Terminkalender ging, in dem nichts eingetragen war, fügte er schnell hinzu: „“Keine Sorge, Sie haben nicht vergessen, mich zu erinnern. Der Termin hat sich gerade erst ergeben. Ach, und schreiben Sie eine höfliche Absage an die russische Botschaft, ich sei an dem Tag leider verhindert.““
„“Aber ich habe Ihnen doch noch gar nicht gesagt, wann der Empfang stattfindet““, wandte die Sekretärin ein.
„„Das spielt keine Rolle. Auf meiner Kaviarlöffelliste steht: ‚Eine Einladung in die russische Botschaft ausschlagen. Meinen Sie, da würde ich mir eine solche Gelegenheit entgehen lassen?““ sagte Rosenbach und verabschiedete sich mit einem Grinsen bis zum nächsten Morgen.

Advertisements