Eine Kulisse – die einzig mögliche für Shakespeares Othello, die denkbar kitschigste für Hochzeitsreisen, das war für mich Venedig im ersten Drittel meines Lebens. Ein Traumort, den man besser nicht auf seine Realität hin überprüfte. Dann saß ich eines Abends mit der Ex eines Schweizer Geschäftsmannes in einer französischen Brasserie unweit des Kurfürstendamms, und wir sprachen über Venedig. Das Thema hatte sie aufgebracht, denn sie reiste oft dorthin, mindestens ein Mal im Jahr, wie sie sagte, am liebsten im Spätherbst, wenn die Touristenströme abgeebbt waren, und die Stadt wieder den Venezianers gehörte. Sie erzählte davon nicht schwärmerisch, sondern mit einer zarten Wehmut, einem Fernweh, das wie Heimweh klang, und von den beinahe lyrischen Sätzen blieben einige mir haften.

Etwa um dieselbe Zeit sah ich Fellinis „Casanova“, der gerade in die Kinos gekommen war, sah ihn aber nicht so sehr mit Blick auf die „Kulisse“, sondern voller Bewunderung dafür, wie Fellini diese orgiastische Szene im riesigen Himmelbett gelöst hatte. Ein geniales Drehbuch, genial umgesetzt. Und noch ein Jahrzehnt musste vergehen, bis ich dann schließlich doch nach Venedig fuhr. Es war ein spontaner Entschluss, dem sich einige Freunde ebenso spontan anschlossen, Eine Wochenendtour, die lustig hätte werden können, es vielleicht auch war, wovon ich aber nur durch den Schleier schwer erträglicher Kopfschmerzen etwas mitbekam.

Eine einzige Vorbereitung hatte ich mit Bedacht getroffen. Ich besaß damals nur eine Disc-Kamera, und diese Discs gab es lediglich mit Farbfilm. Ich aber wollte S/W-Fotos von Venedig machen, und so hatte ich mir einen normalen Fotoapparat ausgeliehen und einen S/W-Film dafür besorgt. Markusplatz, Dogenpalast, Campanile, Seufzerbrücke, Gondeln… alles S/W! Später war ich überrascht, wie klar die Fotos waren, hatte ich die vielgerühmten Sehenswürdigkeiten doch etwas verschwommen in Erinnerung. Meinem Kopf war es erst kurz vor der Abfahrt wieder besser gegangen, und so ist denn auch diese wunderbare Abendstimmung, die sich innerhalb einer Stunde über die Stadt legte, das was mir im Gedächtnis geblieben ist.

Darüber hinaus bleibt festzustellen: Ein Tag in Venedig ist definitiv zu wenig, und der Juni ist für mich die falsche Reisezeit. Ich möchte noch mal hin, das nächste Mal für drei oder vier Tage, und ich möchte an einem 21. November dort die castradina essen – an einem der Stände entlang des Prozessionsweges.

Jedes Jahr im November errichten die Venezianer zur „Festa della Madonna della Salute“ eine Holzbrücke, die den Platz S. Maria del Giglio mit der Basilica di S. Maria della Salute verbindet. Am 21. November pilgern Tausende über diese Brücke zu der barocken Marienkirche, zünden dort Kerzen an und danken der Heiligen Jungfrau für die Errettung von der Pest, womit nicht die Touristenströme gemeint sind (obwohl sich mancher Venezianer auch von diesen bis zum nächsten Jahr errettet fühlen mag). Historisch belegt ist, dass während der Seuche von 1630-1631 der damalige Doge Nicolò Contarini vor der versammelten Stadt die Heilige Jungfrau Maria anrief und gelobte, ihr eine Kirche zu errichten, wenn sie die Stadt von der Epidemie erlöste.

Ponte della Salute, 2008

Entlang der Prozessionsstrecke und am Markusplatz findet ein Jahrmarkt statt. An den Ständen werden Kerzen verkauft, auch venezianische Süßigkeiten in Hülle und Fülle und eben jene castradina.

Was mir schon an den Prozessionen in der Karwoche in Malaga gefallen hat, ist, dass eine Fröhlichkeit herrscht, die keineswegs wirkt, als hätten die Menschen den Sinn der Festlichkeiten vergessen, sondern wie eine frohe Dankbarkeit, ja, Freude, in eben diesem Sinne daran teilnehmen zu können. Von der „Festa della Madonna della Salute“ heißt es, sie wäre beinahe schon von einer vorweihnachtlichen Stimmung geprägt.

Markusplatz im Nebel Seufzerbrücke (Venedig) im Nebel

Ich möchte Venedig von den Herbstnebeln weichgezeichnet sehen, mich genüsslich jener leichten Melancholie hingeben, mich in den Museen und kleinen Restaurants aufwärmen und abends im Bett Donna Leon lesen – und dies nicht etwa in einem der modernen Hotels in Mestre.
Es muss ja nicht das Danieli sein. Das Hotel des Bains am Lido, dem Thomas Mann in „Tod in Venedig“ ein Denkmal gesetzt hat, täte es auch. [lacht] Nein, im Ernst, klein und fein, venezianisch aber nicht pompös wäre mir am liebsten: ein Boutique Hotel wie das Oltre il giardino oder das Novecento.

Die einzige Frage, in der ich mir noch sehr uneins bin ist, ob ich Gummistiefel gleich einpacken sollte, oder darauf vertrauen, dass ich in Venedig besonders modische in meiner Größe finde.

Acqua alta at Venice: tourists on footbridges waiting to visit San Marco Church

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