Straße in Venedig mit Wäscheleinen zwischen den Häusern

Genau zwei Wochen ist es her. Am 14. Juni las Peter Härtling in der Akademie der Künste aus seinem neuestes Buch „Liebste Fenchel!“

Härtling, der vielen hauptsächlich als Kinderbuchautor bekannt sein mag, hat bereits Romane über Hölderlin, Schubert, Hoffmann und Schumann geschrieben. Diesmal erzählt er aus der Perspektive Fannys die Geschichte ihres Lebens, von der Geburt des kleinen Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy, dem die vierjährige „große“ Schwester den Mund abwischen darf, wenn er sabbert (aber ganz vorsichtig), über den gemeinsamen Eintritt des Geschwisterpaares in die wunderbare Welt der Musik, hin zu den verschiedenen Lebenswegen der beiden. Bedingt durch die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit und auch dank der Förderung durch seine Schwester, gilt Felix bald als Wunderkind und erfährt früh öffentliche Anerkennung, während die nicht weniger talentierte Fanny nur im Familienkreis wirkt und nie aus dem Schatten des Bruders heraustritt.

Sehr einfühlsam geht Peter Härtling mit der Gefühlsgemengelage zwischen den Geschwistern um, die nicht immer einfach aber doch von großer Liebe zueinander bestimmt war. Darüber hinaus aber ist der Roman auch ein Familien- und Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts. Der Großvater Moses Mendelssohn war ein Vordenker der Aufklärung, Vater Abraham Stadtrat in Berlin. Man verkehrte mit Heine, Kleist und sogar Goethe.

Peter Härtling
Liebste Fenchel!
Kiepenheuer & Witsch, 19. Mai 2011
384 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-462-04312-9

Genau zwei Tage ist es her. Am Sonntag nahm ich ein Buch zur Hand, das mir vor über zwanzig Jahren als Erinnerung an eine gemeinsame Reise geschenkt wurde: Das dtv Reise Textbuch Venedig. Und wie es der Zufall so will, entdeckte ich, kaum dass ich es aufgeschlagen hatte (auf Seite 11) einen Text von eben jener Fanny, hier mit ihrem Mädchennamen Mendelssohn-Bartholdy zitiert:

Ich erinnere mich in meinem Leben nicht leicht, in 24 Stunden soviel Erstaunen, Bewunderung, Rührung, Freude empfunden zu haben als in diesem wunderbaren Venedig! Seit wir hier sind, hab‘ ich fast noch keine trocknen Augen gehabt – völlig bezaubernd ist der Anblick dieser Wunderstadt. Schon wenn man sich nähert und sie auf dem Wasser schwimmend erblickt, sieht es sich großartig und märchenhaft zugleich an. Wenn man nun in die ersten Wasserstraßen hineinfährt und rechts und links die andern Wasserstraßen weitergehn, da muss man die Hemden und Schürzen ansehn, die in den Vorstädten von allen Häusern zum Trocknen hängen, um sich zu überzeugen, daß man nicht träumt.

dtv Reise Textbuch Venedig
Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1988
303 Seiten
ISBN 3-423-03906-X

Was mir unmittelbar nach dem Lesen durch den Kopf ging war: Ich möchte ja genau von Wäsche auf der Leine träumen, von einer Wirklichkeit, die im Verschwinden begriffen ist, denn der Budenzauber, der heute allgemein für die Wirklichkeit genommen wird, das kann das wirkliche Leben nicht sein, bewirkt es doch nichts als unendlichen Überdruss.

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