Es beginnt mit einer Postkarte aus Lissabon: Dear Phil, I cannot continue m.o.s.! — S.O.S.! — Come to Lisbon with all your stuff a.s.a.p.! Big hug, Fritz“ – Wer ist Phil? Wer ist Fritz? Und was bedeuten all diese Abkürzungen? S.O.S ist klar, und a.s.a.p. unterstreicht die Dringlichkeit: Komm AS SOON AS POSSIBLE. Aber m.o.s.? Nur wer im Filmgeschäft ist, weiß vielleicht, dass m.o.s. eine veraltete und ziemlich seltsame Bezeichnung für „stumm“ ist, aufgekommen Ende der 20er Jahre: mit-out sound.

Geschrieben hat die Postkarte der Filmregisseur Friedrich Monroe an seinen Freund Phillip Winter, einen Toningenieur. Friedrich ist in Lissabon, um dort einen stummen Schwarzweißfilm zu drehen „als hätte die ganze Geschichte des Kinos nie stattgefunden, ein Mann ganz allein auf der Straße mit einer alten Handkurbelkamera, genau wie Buster Keaton in THE CAMERAMAN.“ Aber Friedrich kommt mit seiner skurrilen Idee nicht zu Rande, und als ihm klar wird, dass er in eine Sackgasse geraten ist, bittet er Winter um Hilfe.

Durchaus nicht untypisch für Wim Wenders, erinnert die etwa zehnminütige Exposition des Films mit ihrer schnellen Folge von Bildern an ein Roadmovie. Rüdiger Vogler, dessen Name mit dem von Wim Wenders so eng verbunden ist, dass man von einem Alter Ego sprechen könnte, fährt als Toningenieur Phillip Winter in seinem klapprigen Auto von Berlin nach Lissabon, eine Reise, die das ohnehin schrottreife Gefährt nicht ohne diverse Pannen übersteht. Als er die portugiesische Hauptstadt schließlich doch erreicht, ändern sich Tempo und Tonart des Films.

Winter findet zwar Monroes Wohnung, dort aber nur dessen Ausrüstung, das ungeschnittene Filmmaterial und einige Bücher des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa. Eines seiner Zitate hat Monroe sogar an die Wand geschrieben: „Wenn es nur nicht überall Menschen gäbe!“ Von dem Regisseur selbst fehlt jede Spur. Sollte Fritz ein Phantom sein, gar identisch mit jenem Regisseur Friedrich Munro, der schon 1982 in „Der Stand der Dinge“ auf der Flucht vor der Mafia erschossen wurde, fragt sich der Zuschauer und Wenders-Kenner.

Um nicht tatenlos auf die Rückkehr seines Freundes zu warten, begibt sich Philip Winter auf die Straßen von Lissabon, zum alten Aquädukt, zum Platz des Feigenbaums, zu den Fähren und der Brücke über den Tejo, immer auf der Suche nach Tönen für den unvollendeten Film. Unweigerlich verliebt er sich zunächst in die Stadt, dann aber auch in die Sängerin Teresa.

Schließlich erwischt Winter seinen Freund, der mit einer Videokamera ausgerüstet durch Lissabon zieht und Pessoa zitiert. Monroe hat das Vertrauen in die Bedeutung des Kinos verloren. Doch alles wendet sich zum Guten nach einer Begegnung mit dem Filmregisseur Manoel de Oliveira. 1908 in Porto geboren, ist er eine lebende Legende, spricht ein paar Sätze in die Kamera und enteilt, mit jugendlichem Temperament Chaplins Gang imitierend. Winter überzeugt Monroe von der ungebrochenen Kraft des Kinos. Als seien sie selbst Darsteller in einem Film der 20er Jahre, stürzen die Freunde sich am Ende mit der alten Kamera in die Straßen Lissabons.

Der Film bezeugt Wim Wenders‘ Liebe zu seinem Metier und war mit den zahllosen Reminiszenzen sein Beitrag zum hundertjährigen Jubiläum des Kinos.

LISBON STORY (1994)
100 min. / 35mm Colour
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders
Musik: Madredeus
Darsteller: Rüdiger Vogler, Patrick Bauchau, Teresa Salgueiro und Madredeus
Gast-Auftritt: Manoel de Oliveira
Produktion: Road Movies Filmproduktion/Berlin

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