„Ganz schön mutig!“ dachte ich, schon bald nachdem ich begonnen hatte, den Roman zu lesen. „Ein Buch zu erfinden und zu schreiben, es eine Romanfigur in einem Antiquariat entdecken und davon so beeindruckt sein zu lassen, dass sie von einem Moment zum nächsten ihr wohlgeordnetes Leben zurücklässt und sich auf eine Reise auf den Spuren des fiktiven Verfassers aber auch ins Ungewisse begibt, dazu gehört schon eine Portion Selbstbewusstsein. Das ist ja, als schriebe ein Autor sich seinen größten Verehrer gleich selbst in den Text.“

Nun muss man wissen, Pascal Mercier ist das Pseudonym, unter dem der Schweizer Philosoph Peter Bieri vier Romane veröffentlicht hat. Bieris Forschungsschwerpunkte sind Philosophische Psychologie, Erkenntnistheorie und Moralphilosophie. Er war Professor für Geschichte der Philosophie an der Universität Marburg und lehrte Sprachphilosophie an der Freien Universität Berlin. Einer der vier von ihm verfassten Romane ist „Nachtzug nach Lissabon“.

Die Geschichte beginnt an dem Gymnasium in Bern, an dem Bieri einst selbst die Matura abgelegt hat. Hier unterrichtet Raimund Gregorius, siebenundfünfzig Jahre alt und von seinen Schülern liebevoll „Mundus“ genannt, alte Sprachen. Auf dem Weg zum Unterricht begegnet er im strömenden Regen einer Frau, die im Begriff zu sein scheint, von der Kirchenfeldbrücke zu springen. Er nimmt sie mit in seine erste Unterrichtsstunde, doch während dieser Stunde verschwindet die Frau, von der Gregorius bisher nichts erfahren hat, als dass sie Portugiesisch spricht. Am Ende des Unterrichts lässt der Lehrer seine Bücher auf dem Pult zurück und verlässt die Schule. Bereits mit dem Gefühl, auch sein bisheriges Leben zurückzulassen, versteckt er sich vor Schülern in einem Antiquariat, und hier gerät, wie durch eine weitere Fügung des Schicksals, ein in portugiesischer Sprache verfasstes Buch in seine Hände. Der Antiquar übersetzt ihm eine Passage, schenkt Gregorius das Buch sogar, und hier beginnt der Wechsel zwischen den poetisch-philosophischen Texten eines Amadeu de Prado und der eigentlichen Handlung, die Gregorius nach Lissabon führt.

Kaum dort angekommen, sich keineswegs darüber im Klaren, was er wirklich sucht, und wo er diese Suche beginnen soll, seine Reaktion auf eine zufällige Begegnung und ein ebenso zufällig entdecktes Buch für überzogen haltend und deshalb entschlossen, am nächsten Morgen nach Bern zurückzufahren, wird Gregorius das Opfer eines kleinen Unfalls: Bei einem nächtlichen Spaziergang rempelt ihn unabsichtlich ein Jogger an und reißt ihm die Brille herunter, der extrem kurzsichtige Gregorius tritt auch noch darauf, und ist nun völlig hilflos. Nur mit Mühe findet er zu seinem Hotel zurück, wo er zwar eine Ersatzbrille hat, doch ohne Ersatz für die Ersatzbrille will er sich nicht auf die Reise machen. So sucht er am folgenden Tag eine ihm empfohlene Augenärztin auf, erzählt ihr auch den Grund für seine Reise nach Lissabon und zeigt ihr das Buch. Sie benennt ihm ein Antiquariat, in dem er sich nach dem Verfasser und dem Verlag erkundigen könnte, und obwohl man ihm auch dort nicht weiterhelfen kann, erhält er doch eine Empfehlung nach der anderen, wird praktisch weitergereicht. Er findet die Gräber des Buchautors, seiner Ehefrau und seines Vaters, der Richter gewesen sein muss, und stöbert in Zeitungsarchiven. Immer engere Kreise zieht er um den Gegenstand seiner Nachforschungen, doch mit jeder neuen Entdeckung tun sich auch neue Fragen auf.

„Geradezu atemlos liest man dieses Buch, kann es kaum aus der Hand legen“, schrieb nach dem Erscheinen ein Rezensent in der Welt. Ich selbst war beim Lesen keinen Moment lang atemlos vor Spannung und hatte bei der Lektüre mehrmals das Bedürfnis, eine Pause einzulegen, um über die „zitierten“ Texte des Amadeu de Prado nachzudenken, von dem wir nach und nach erfahren, dass er einst ein hochintelligenter aber auch schwieriger Gymnasiast war, der dann auf Wunsch seines an starken Schmerzen leidenden Vaters Arzt wurde – ein Arzt, der sich zwei „Verfehlungen“ vorwirft: den viel zu frühen Tod seiner Frau an einem von ihm nicht erkannten Herzleiden nicht verhindert, dafür aber einem berüchtigten Geheimdienstoffizier Salazars das Leben gerettet zu haben. Um seine Unentschiedenheit zwischen ärztlicher Ethik und moralischem Gewissen zu sühnen, trat er dem portugiesischen Wiederstand gegen die Diktatur bei und leistete hier gute Dienste, bis sein bester Freund seine eigene Frau töten lassen will, weil sie eine Gefahr für die Untergrundorganisation darstellt. Amadeu, der an der Frau Gefallen gefunden hat, bringt sie über die Grenze in Sicherheit, und obwohl die Sache des Widerstands dadurch keinen Schaden nimmt, zerbricht die Freundschaft an diesem „Verrat“.

Steckte man hier nicht tief in der Romanistik, man wäre geneigt, mit Goethes Faust zu sagen: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt“ und hinzufügen, dass sich wieder einmal erweist, wie schwer es trotzdem sein kann, dem als richtig erkannten Weg immer zu folgen.

Die Ereignisse und Wendungen böten durchaus Stoff für einen historischen Politthriller, hätte der Schriftsteller Pascal Mercier sie unmittelbar geschildert, statt in der Form von Erinnerungen der Personen, denen Gregorius begegnet, und Briefen, die man ihm zu lesen anvertraut, nach und nach jene Geschichte zusammenzufügen, die in ihren Widersprüchen und Entsprechungen im bald harmonischen, bald kontroversen Dialog mit Amadeus Texten steht. Um diesen Dialog aber ist es dem Philosophen Peter Bieri wohl weit mehr gegangen, als um das reißerische Potenzial der fiktiven Biographie. Wer in Erwartung eines atemberaubenden Abenteuers enttäuscht wird, sollte dafür nicht den Autor, sondern die solches versprechenden Rezensenten verantwortlich machen. Wer schön formulierte und verständliche philosophische Betrachtungen zu schätzen weiß, wird beim Lesen auf seine Kosten kommen. Ich selbst hätte mir nur ein bisschen mehr für die Sinne gewünscht, mehr Lissabon, mehr Nachtzug …

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Pascal Mercier
Nachtzug nach Lissabon
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN-10 3446205551
ISBN-13 9783446205550