Ich lese gerade „Was davor geschah“ von Martin Mosebach. Auf Seite 78 (von 336) angelangt, kann ich nur sagen, dass bisher nicht viel geschah. Als literarische Form hat Mosebach die Ich-Erzählung gewählt. Man denke sich ein junges Paar. Irgendwann fragt sie ihn: Wie war das eigentlich, als es mich noch nicht gab? Wer wüsste nicht, dass der, welcher auf solche Fragen ehrlich antwortet, ein Minenfeld betritt. – Er erzählt also, erzählt von seiner ersten Zeit in Frankfurt, von der neuen Wohnung und der Bekanntschaft mit den sehr wohlhabenden Hobstens, vom Besuch bei einer Tante im Wiener Waldviertel, die ihm eine Jagdhütte vermachen will… Über all dem liegt sommerliche Trägheit und vermischt sich mit einer gewitterigen Spannung, dem Gefühl, dass im nächsten Moment etwas ganz Unerhörtes geschehen könnte. Das mag an der Beobachtungsgabe des Autors liegen, an der Art, wie er Personen und Situationen schildert und damit den Blick des Leser immer wieder auf Einzelheiten lenkt, wie eine Filmkamera, die immer wieder den berühmten MacGuffin einfängt.

Und dann ist da auch jene Passage, wie geschrieben für Sympathisanten des Separatismus:

Die Pracht der heißen Spätsommertage riß nicht ab. Die Smaragdwiesen begannen müde zu werden, nicht geradezu gelb, das verhinderten die Wasserwölkchen im Regenbogenschimmer aus den vielen Sprengern, aber von dumpferem, weniger phosphorzierendem Grün. Und dann war etwas Überraschendes eingetreten. Ich bekam tatsächlich einmal Phoebe ans Telefon, zufällig natürlich, hätte ich nach ihr gefragt, dann hätte allein die Frage sie schon vertrieben, so kam mir das inzwischen vor. Aber als ich ihr jetzt sagte, daß ich am kommenden Sonntag nicht zu ihnen hinauskäme – eine vor allem an ihre Eltern gerichtete Botschaft, daß sie selber sich dafür interessieren könne, hoffte ich nur zaghaft -, verriet ihre Stimme eine solche Enttäuschung, daß ich die gesamte Wien-Unternehmung am liebsten abgesagt hätte. Es war, als sähe sie einen Akt tiefster Treulosigkeit in meiner Reise. Und es war auch darüber hinaus – oder durch die entsprechende Gemütsanwärmung bewegt – eine neue Haltung zu jener Frankfurter Situation, in der ich mich seit neuestem befand, in mir entstanden. Die Landschaft, in die Frankfurt eingebettet ist, das sanft hügelige, nie schroff, aber doch beträchtlich ansteigende Bergland, das die weite Flußebene begrenzte, das Bergland, das in der Ferne jenseits des Flusses wiederkehrte, dieser satte, fruchtbare Raum mit Wein, Erdbeeren, Kastanien und Äpfeln mußte einmal von einer beglückenden Festlichkeit gewesen sein. Die Stadt mit Kirchtürmen und Befestigungstürmen hielt den Fluß umarmt, dieser Fluß hatte genau die richtige Größe, er zerriß die Stadt nicht durch Überbreite, und er war doch bedeutend genug, um das Erlebnis, in einer Stadt am Fluß zu sein, zu erzeugen. Die Gegend war immer schon dicht besiedelt, alte Dörfer säumten den Flußlauf, an den Hügelhängen standen Burgen und erinnerten an die politische Kleinteiligkeit des übermäßig mit Wohlstand beschenkten Beckens. Die politischen Entitäten hatten sich hier geradezu gedrängelt wie in einem übervölkerten Fischteich die Forellen, auf wenigen Quadratkilometern gab es nicht nur die freie Reichsstadt, sondern die Territorien von Herzogtümern, Landgrafschaften, Fürstentümern, Bistümern, Grafschaften bis hinab zum freien Reichsdorf Soden, und diese Kleinteiligkeit hatte einen Geist der Freiheit entstehen lassen – eine Bemerkung Joseph Salams fiel mir ein, der von seinen Unternehmungen in den Staaten des Nahen Ostens sprach und von der Freiheit bemerkte: Damit sei es schön und gut, er beglückwünsche jedes Land, das seinen Bürgern Freiheit garantiere, aber am allerwichtigsten sei doch, daß der Arm des Staates kurz sei, dann möge es sich sonst daran verhalten wie es wolle. Das Verblüffende für mich war, daß ich all diese historischen Reminiszenzen, die so gründlich von Autobahnkreuzen, Flughäfen und der lückenlosen Zersiedlung der Ebene und der Berghänge weggedrängt wurden, jetzt plötzlich als immer noch wirkungsvoll und anwesend erlebte. Die Riesenstadt, die sich im Sonnenglast blinkend zu Füßen der Taunuskette ausbreitete, war vom Schwimmbadrand der Hopstens aus gesehen wie von einer Verheißung der in ihr waltenden Energien erfüllt, nicht formlos, sondern trotz der weiten Ausdehnung zusammengeballt erscheinend. Das alles war gewiß einmal sehr viel schöner gewesen, aber kaum so aufgeladen wie heute. Nein, eine Verliebtheit speziell in Phoebe Hopsten kann allein zu dieser schon geradezu berauschten Sicht auf Frankfurt nicht die Grundlage hergegeben haben, die erzeugte mehr eine angeregte Interessiertheit und forderte meine Eitelkeit heraus, die dieses sehr kleine Feuerchen nährte. Es war vielmehr im Angesicht meines sehr kurzen Landaufenthalts in der zu erbenden Jagdhütte die plötzliche Einsicht, daß mich an einer solch vergessenen Ländlichkeit aber auch gar nichts verlockte, daß ich da regelrecht einen Ausflug ins Schattenreich vor mir sah, mochte auch das Waldviertel ebenso spätsommerlich prangen, mit hochbeladenen Apfel- und Birnbäumen, wie ich es hier in der heißen Mainebene nun schon ganz selbstverständlich fand.

Martin Mosebach
Was davor geschah
Gebundene Ausgabe: 336 Seiten
Verlag: Hanser; Auflage: 8 (16. August 2010)
ISBN-10: 9783446235625
ISBN-13: 978-3446235625

Leseprobe bei amazon