Folgende Situation hat es nie gegeben, aber zumindest theoretisch wäre sie denkbar gewesen, nämlich dass ich im Alter von, sagen wir mal, ……undzwanzig Jahren in einem Lokal gesessen hätte, und weil mein Blick gerade in die Richtung gegangen wäre, wäre mir ein Mann aufgefallen, der, von der Toilette kommend und während er zu seinem Tisch zurückkehrt, noch damit beschäftigt ist, den Reißverschluss seiner Hose und den Gürtel zu schließen. Das hätte ich auch im Alter von ……undzwanzig Jahren nicht eben korrekt gefunden, aber wenn ich dann bemerkt hätte, dass dieser Mann doch eigentlich wie ein ganz netter Typ aussieht, hätte ich womöglich gedacht: Sich die Hose zu schließen, während er, von der Toilette kommend, das Lokal durchquert, kann man ihm bestimmt abgewöhnen. Und dann wäre ich einem sich ergebenden Blickkontakt und auch allem Folgenden nicht abgeneigt gewesen.

Und wenn ich mir dieselbe Situation nun heute vorstelle -– absolut theoretisch, denn bei der Feststellung: Aha, auch einer von den Männern, die, von der Toilette kommend, auf dem Weg zu ihrem Tisch noch damit beschäftigt sind, ihre Hose richtig zu schließen, würde es bleiben -– dann weiß ich, aus dem Fundus meiner Lebenserfahrung schöpfend, dass niemand ernsthaft die Hoffnung haben sollte, ihm das jemals abzugewöhnen. Wenn zwei Menschen einander näher kommen, nicht nur körperlich, sondern auch vom Kopf her, ist es nicht ausgeschlossen, dass ein einziges gutes Gespräch ein Umdenken in einer ganz elementaren Frage bewirkt. Nicht denkbar ist, dem anderen eine kleine Unart abzugewöhnen –- wenn erstaunlicherweise doch, dann nach endlosem Genörgel.

Ich hasse es zu nörgeln. Schlimmer: Ich hasse mich selbst, wenn ich nörgele. Schon der Tonfall, in dem genörgelt wird, nervt, und wenn ich nörgele, höre ich mich selbst und finde es einfach grauenhaft. Darüber hinaus ist man sich über die Sinnlosigkeit durchaus im Klaren. Bei Genörgel auf Durchzug zu schalten, haben wir alle schon als Kinder gelernt – eben weil es so nervt.

Da macht man festtäglich gestimmt seinen Osterspaziergang und geht davon aus, dass all die anderen Osterspaziergänger ebenso festtäglich gestimmt sind, hinausgehoben über den schnöden Alltag, ein bisschen versöhnter mit sich und der Welt als sonst, und was hört man im Vorübergehen? „Das sagst du immer, wenn wir bei meinen Eltern sind. Kannst du dir das nicht mal verkneifen?“ Nörgel, nörgel, nörgel… – „Ich hab dir ja vorher schon gesagt, du solltest besser…“ … Nörgel, nörgel, nörgel… Selbst wenn man kein Wort versteht, hört man es am Ton: Nörgel, nörgel, nörgel… Und dann spüre ich plötzlich den Drang, tief Luft zu holen und, so laut ich nur kann, zu brüllen: „Hört endlich auf mit dieser Scheißnörgelei! Es hat eh keinen Zweck! Also haltet einfach die Klappe!“

Okay. Tief durchatmen und von einundzwanzig bis dreißig zählen. Ich sage es jetzt noch mal ganz ruhig: Nörgeln ist schrecklich, es ist mit größter Wahrscheinlichkeit erfolglos, und es macht garantiert unsympathisch. Von allen Unarten, die ein Mensch sich aus eigenem Antrieb abgewöhnen sollte, ist Nörgeln die erste.

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