Da ich mehr als ein Mal darauf hingewiesen habe, dass ich eine leidenschaftliche Leserin des „Streiflichts“ in der Süddeutschen bin, hätte es wenig Zweck, zu verhehlen, dass eben dieses, genauer gesagt, das von gestern, mich zu dem Eintrag inspiriert hat, den Ihr gerade lest. Diesem „Streiflicht“ war zu entnehmen, dass man in der Welt der Duftwässerchen gerade den Atem anhält, denn Karl Lagerfeld bringt demnächst sein neues Parfum „Paper Passion“ heraus. Doch darüber hinaus lässt sich nichts wirklich Erhellendes in Erfahrung bringen. Nur dass die Idee Lagerfeld beim Blättern im neuen Chanel-Katalog gekommen sein soll.

Ich stelle mir vor, wie er da lässig-elegant in einem Fauteuil lümmelt, im Katalog blättert und plötzlich denkt: Dieser Chanel-Katalog riecht wirklich wunderbar. Die ganze Welt sollte so riechen. Dabei wird das Licht der Stehlampe so schön von den Buchrücken in den Regalen im Hintergrund reflektiert. Ja, ja, da kommt einiges zusammen an suggestiven Einflüssen. Und schon greift er zum Telefon und ruft seinen Freund den Verleger Gerhard Steidl an: „Sag mal, Gerhard, was hältst du denn davon, ein Parfüm zu verlegen?“ Und Steidl erinnert ihn dezent daran, dass er Bücher verlegt. Aber sie einigen sich dann darauf, das Parfum eben in ein Buch zu verpacken. Jetzt muss nur noch jemand den Duft richtig hinkriegen, und mit diesem Problem wenden sie sich an den Berliner Parfümemacher Geza Schön. Schön nimmt die Herausforderung an und hat inzwischen verlautbart, der neue Duft werde eine linolartige, fettige Note haben.

Bei Linoleum und Fett stelle ich mir allerdings eher den Geruch des Fußbodens in einer öffentlichen Bücherei vor. Nicht dass Bücher keinen Geruch hätten. Je nach Papier, Druck und Einband, riechen sie unterschiedlich. Mir sind schon Druckerzeugnisse in die Hände gekommen, die so abscheulich stanken, dass es mich einige Überwindung kostete, darin zu lesen. Hinzu kommen all die Gerüche, die Bücher in ihrer Umgebung annehmen können. Bei der Gelegenheit möchte ich dringend davon abraten, Bücher – auch nur vorübergehend – in einem feuchten Keller zu lagen. Dieser Modergeruch hält sich ewig und passt nur zu wenigen Inhalten. Auf dem Nachttisch verursacht so ein Buch Alpträume.

Zwei Dinge konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen: 1. ob die Seiten dieser Buchverpackung bedruckt sein werden und, wenn ja, womit, und 2. ob es sich bei „Paper Passion“ um einen Damen- oder Herrenduft handelt – oder etwa um (Schauder!) unisex. Unisex-Parfums sind, finde ich, das Hinterletzte. Zwar dusche auch ich gerne mit dem gleichen Zeugs, mit dem der Inniggeliebte sich einschäumt, aber mit unisex hat das absolut nichts zu tun. Im Gegenteil! Das Wort unisex sollte mangels Beispielen aus dem Wortschatz verschwinden oder höchstens noch mit Bindestrich geschrieben werden und Sex in der Uni bedeuten.

So rätsele ich also herum und frage mich, wer wohl lieber nach Büchern riechen möchte, Männer oder Frauen. Vielleicht ja extrem ungesellige Zeitgenossen, denen nichts Schlimmeres passieren könnte, als in den heiligen Hallen einer Bibliothek blöd angequatscht zu werden. So ein Bücherduft kommt da ja einer olfaktorischen Tarnkappe gleich. Menschen, die ihre Bücherregale nach laufenden Metern mit kostbaren Lederrücken füllen, könnten sich wünschen, dass ihre Wohnung nach Büchern riecht. Vielleicht hätte Herr Lagerfeld lieber ein Raumspray … Jedenfalls wird doch wohl niemand so blöd sein, sich einzubilden, mit einem Bücher-Parfüm beim anderen Geschlecht die Trefferquote zu erhöhen. Erstens ist es in der Anbandelphase eher hinderlich, wenn die Nase lieber in Bücher gesteckt wird, als zwischen Busen, in Achselhöhlen und sonstige gerade relevante Angelegenheiten, und zweitens… wenn schon die Literatur zur Annäherung herhalten muss, ist das richtige Buch die weit bessere Methode. „Wie süß! Sie liest Gedichte.“ – „Hey, der mag knallharte Krimis, genauso wie ich!“ – „Och, guck mal, der schmökert in einem Kochbuch. Wahrscheinlich kocht er gerne, und ich muss dann nicht mehr…“ … Ich meine, da wäre dann ein gemeinsamer Nenner schon mal gefunden, und vielleicht gibt es weitere. Jetzt fehlt nur noch ein halbwegs intelligenter Anmachspruch, und auch dafür bietet so ein Buch ja zumindest Anhaltspunkte.

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Und während ich all diese praktischen Erwägungen anstelle, hält die Duft-Schickeria vor lauter Gespannt-Sein den Atem an. Dazu kann ich nur sagen: Luftanhalten ist eine völlig falsche Strategie, wenn es um Düfte geht. Wer etwas riechen will, muss erst mal atmen.

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