Nostalgie ist gewöhnlich nicht ironisch, sondern eher ein bisschen wehmütig gestimmt. Wenn man diesen reizvollen Gefühlsmix aus Ironie und Wehmut genießen möchte, empfiehlt es sich, alte Kolumnen zu lesen, z.B. die von Max Goldt aus den Jahren 1993-1994.

Es gibt ja Leute, hinter deren Namen regelmäßig was in Klammern steht, z.B. Helmut Kohl (CDU) oder Johann Wolfgang Goethe (1749-1832). Eine Zeitlang fraß die Ambition an mir, eine utopische Situation zu konstruieren, in welcher alles durcheinandergewirbelt wird, die Menschen von ihren angestammten Klammerinhalten separiert werden, so daß es plötzlich heißt Helmut Kohl (1749-1832) und Goethe (CDU).
Das gewagte erzählerische Projekt sollte heißen „Deutschland atmet auf“. Ich dachte; Ach, selbst in den rückständigsten Mauselöchern unseres Landes hat sich inzwischen herumgesprochen, daß Kohl-Witze nerven, so daß man durchaus schon wieder ein wenig Richtung Revival experimentieren könnte. Dann fiel mir aber erstens ein, daß nationales Aufatmen auch im Science-Fiction-Milieu nie wieder an Einzelpersonen gebunden sein darf, und zweitens konnte ich der Konstellation Jay Jay Okocha (Marie-Luise Marian) und Helga Beimer (Eintracht Frankfurt) gar nichts abgewinnen. Fröhlich ließ ich die schauderhafte Idee sausen.

Ich weiß nicht, wer von Euch sich noch an Jay Jay Okocha erinnert. Ich selbst kann mich nicht einmal erinnern, seinen Namen jemals gehört zu haben. Aber das tut meinem Vergnügen beim Lesen nicht den geringsten Abbruch. Nur dass hinter meinem Namen nichts in Klammern… das nagt jetzt ein bisschen an mir. Aber… ach, was! Tochter #1 meinte neulich, ein wirklich wichtiger Schriftsteller ist einer erst, wenn er bei Reclam verlegt wird. Ich sage: Eine wirklich große Persönlichkeit ist man erst, wenn man keine Klammer hinter dem Namen braucht.

Max Goldt
Die Kugeln in unseren Köpfen
ISBN 3-453-12518-5

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