Einen Roman, der als eines der bedeutendsten literarischen Werke des ausgehenden 20. Jahrhunderts gilt, und dessen Autor Gabriel García Márquez mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, zu besprechen, erübrigt sich. Eine gut gefasste Inhaltsangabe findet sich bei Wikipedia. Wer Kritisches lesen möchte, kann dies zum Beispiel bei Thomas Liehr tun.

„Ein literarisch hochwertiger Liebesroman, der keiner ist“, lautet Liehrs letzter Satz und weckt in mir keinen Widerspruch. Ich würde keinen von García Márquez‘ Romanen als Liebesroman bezeichnen. Ganz abgesehen davon, dass der Altmeister weit mehr tut, als Liebesgeschichten zu erzählen; es geht um Südamerika, um Gesellschaftsporträts, Sittengemälde, politische Geschichte … selbst wo, wie in diesem Roman, die Geschichte einer Liebe über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren hinweg erzählt wird, geht es nicht eigentlich um diese Liebe, sondern um Liebe schlechthin, als etwas, dass großen Einfluss auf das menschliche Schicksal nimmt. Immer wieder wird sie zum Gegenstand von García Márquez‘ Betrachtungen. Die Liebe, ihre Erscheinungsformen und Zustände. Und so interessiert mich beim Lesen mehr die Liebe als das Schicksal der Liebenden. Sie (Florentino Ariza und Fermina Daza) „kriegen sich“ am Ende, aber das ist mir kaum wichtig. Wäre der Roman schlechter geschrieben, würde alles davon abhängen. So aber strahlt jedes amouröse Abenteuer Florentinos für einen Moment in seinem eigenen Glanz auf, entwickelt sich sie Ehe von Fermina mit Dr. Juvenal Urbino von einer Vernunftheirat, nach dennoch lustvollen Flitterwochen, über alle Tiefen und Untiefen einer langen Ehe hinweg zu einer Beziehung voller Zärtlichkeit und Mitgefühl. Es wäre vollkommen unpassend, hier ständig nur an den vor Ewigkeiten abgewiesenen Florentino zu denken, der noch immer auf Urbinos Tod wartet. Nein, kein Liebesroman, aber ein sehr kluges Buch über die Liebe.

Gabriel García Márquez
Die Liebe in Zeiten der Cholera
Aus dem kolumbianischen Spanisch von Dagmar Ploetz
Kiepenheuer&Witsch, 2006
ISBN: 978-3-462-03720-3

verfilmt 2007 unter der Regie von Mike Newel