Eine Ordensfrau liebt einen toten Mönch – ihre Nichte den eigenen verstorbenen Bruder. Zwei Geschwisterpaare. Und zwei Schicksale, die mehr verbindet als nur Verwandtschaft.

In ihrem Langfilmdebüt Bruder Schwester erzählt die preisgekrönte Berliner Filmemacherin Maria Mohr (Cousin Cousine) die Geschichte ihrer Tante, einer Ordensschwester, die sich leidenschaftlich dem längst verstorbenen spanischen Mönch und Mystiker Rafael Arnáiz verschrieben hat. Fasziniert von dessen Leben zwischen christlicher Demut und ungestilltem Lebenshunger verbreitet Schwester Ingrid nimmermüde Namen und Werk Bruder Rafaels, stets ein Stück seiner Rippe in der Tasche.

Bruder Schwester folgt der Tante auf den Spuren Rafaels durch spanische Klöster und Landschaften bis zu dessen Heiligsprechung in Rom. Ebenso führt die Reise in die Erinnerungswelt der Filmemacherin, deren leiblicher Bruder nach schwerer Krankheit im Alter von 23 Jahren starb. Der war zwar kein Heiliger, hatte aber mit Rafael viel gemein…

Regisseurin Maria Mohr verwebt die Biografien zu einer poetischen Collage, die auch philosophische Fragen aufwirft: Wo ist die Freiheit hinter Klostermauern? Wann verwandelt sich Sehnsucht in Glauben? Und: Welche Formen findet Leidenschaft, die nicht körperlich wird?

http://www.mariamohr.de/bs/synopsis.html

Die Filmemacherin Maria Mohr ist in diesem Jahr Villa-Serpentara-Stipendiatin der Akademie der Künste, ihr Kurzfilm „Cousin Cousine“ läuft zurzeit in der Ausstellung „JUNGE AKADEMIE 2011“, und am vergangenen Montag wurde ihr erster abendfüllender Film „Bruder Schwester“ am Pariser Platz gezeigt.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eher kirchenkritisch bin – allerdings nach dem Motto „Es gibt nur eins, was schlimmer ist als Kirche: keine Kirche.“ Die wenigsten von uns haben einen adäquaten Ersatz dafür gefunden; die meisten sind auf der Suche nach Orientierung. Sie zu finden ist nicht leicht in Zeiten des Konsumterrors, der Event-Kultur, der Informationsüberflutung, Dauerbespaßung… Dennoch, den Film anzuschauen, war für mich eher Pflichtveranstaltung als Bedürfnis. 90 Minuten Nonnen, Mönche, Reliquien, Frömmigkeit – fast schon eine Zumutung.

Als Zumutung bezeichnete es auch eine Zuschauerin im der Vorstellung folgenden Filmgespräch, sie blieb mit ihrer Meinung aber allein. Danke, kein Bedarf an zuhause vorsorglich geschmierten Stullen. Allen anderen schien es ähnlich zu gehen wie mir. „Nichts ist heute leichter, als einen kritischen Film über die katholische Kirche zu machen“, sagte Maria Mohr und hat damit zweifellos Recht. Ihr ist gelungen, was öfter gelingen sollte. Sie zeigt, was ist, ohne zu werben, ohne zu kritisieren – aufmerksam, nicht voyeuristisch, mit anteilnehmender Objektivität. Ich meldete mich nicht zu Wort. Ich bastelte noch an meiner Frage, hatte nur gemerkt, dass ich kurz vor Ende des Films plötzlich durchatmen konnte. Nicht weil die gefühlten 90 Minuten fast um waren, sondern weil eine unbewusste Verkrampfung sich gelöst hatte, ein Ablehnen um jeden Preis.

Meine Frage wurde ich erst am nächsten Tag los, zwischen Ende des Pressegesprächs und Eröffnung der Ausstellung – die Frage, ob ich richtig verstanden hatte. Maria Mohr, dunkel-warm strahlend und von beeindruckender Präsenz, sagte: Ja, natürlich geht es um Liebe. Gott, Christus, Heilige… Der Geliebte, der nicht mehr bei uns ist. Es geht um Liebe, der nichts mehr passieren kann, die unantastbar ist. Mit Reliquien, sagte sie, habe sie inzwischen überhaupt kein Problem mehr. Bewahren wir nicht alle Reliquien auf? Die Haarlocke, Briefe, Fotografien, ein Taschentuch…

Ja, wenn es eigentlich um Liebe geht, dachte ich, wenn es um Liebe geht, ist das alles ziemlich okay. Um Liebe geht es im Grunde doch immer. Und wenn es nicht um Liebe geht, geht es um Liebesersatz. Ersatz ist immer die zweite Wahl und lässt sich als solche immer ad absurdum führen. Dann schon besser um Liebe, die nicht ersetzt werden muss, weil sie irgendwohin in Sicherheit gebracht wurde.

„Bruder Schwester
Deutschland 2010 | 90 min
Dokumentarfilm von Maria Mohr

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