Unter Zeitdruck stehen viele von uns, und das während eines nicht unerheblichen Teiles unserer Zeit. Es gibt Menschen, die behaupten, Zeitdruck zu brauchen, um mit einer Arbeit überhaupt fertig zu werden. Es gibt sogar Kreative, die behaupten, unter Zeitdruck kreativer zu sein. Ich selbst finde Zeitdruck eher misslich und, wenn es um Kreativität geht, geradezu desaströs. Das soll nicht heißen, dass nicht auch der Kreativität die Stunde schlägt. Ganz im Gegenteil, ich könnte mir sogar vorstellen, dass der Beginn des uns bekannten Universums, das, was gemeinhin Schöpfung (Kreation) genannt wird, nur zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt möglich war, als ganz bestimmte Voraussetzungen herrschten. Es war gewiss kein blinder Akt der Willkür einer allmächtigen und sich deshalb über alles hinwegsetzenden Gottheit. Kreativität braucht bestimmte Gegebenheiten, um sich maximal zu entfalten und nicht nur „den Umständen entsprechend“.

Misslich zum Beispiel ist es, wenn einem morgens um sieben beim Duschen die besten Gedanken kommen, sich beim Zähneputzen zu Sätzen ordnen, scheinbar mühelos, folgerichtig, klar und verständlich. Jeder Ausdruck ist treffend, jede Gedankenverbindung logisch. Die Synapsen schnappen wie geölt. Die richtigen Gedächtnisschubladen öffnen sich wie von Geisterhand. Es ist, als komme ein druckreifer Text aus einem magischen Fernschreiber. Hätte ich den Mund nicht voller Zahnpasta, könnte ich aus dem Stehgreif eine Ansprache halten. Ich wäre eloquent. Ach, könnte ich jetzt am Computer sitzen oder wenigstens den Kugelschreiber über ein Blatt Papier eilen lassen! Aber ich kann nicht. Ich muss zur Arbeit.

Natürlich werde ich auch am Abend noch wissen, was ich jetzt gedacht habe – im großen Ganzen zumindest. Ich werde eine Zusammenfassung davon schreiben und diese dann wieder ausarbeiten können. Es werden andere Worte sein, zu anderen Sätzen geordnet, in einer anderen Reihenfolge. Ich werde überlegen, ob ich etwas vergessen habe, nichts finden und doch das Gefühl haben, dass etwas Wesentliches fehlt.

In solchen Situationen stelle ich mir vor, dass es anderen Menschen ebenso ergeht, darunter auch Menschen deren Gedanken in Entscheidungen von erheblicher Bedeutung und großer Tragweite münden, und die gerade deshalb unter noch mehr Zeitdruck stehen als ich. „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ lautet der Titel eines der Gaylord-Romane von Eric Malpass. Nun, fünf Minuten später ist sie es nicht mehr, denn da sind die erhabensten Gedanken, die tiefsten Einsichten, die überzeugendsten Argumente, ja, vielleicht die Lösungen für die größten Probleme der Menschheit mit der abgespülten Seife und dem ausgespuckten Zahnputzswasser in die Kanalisation gelaufen.
Es ist wirklich traurig.
Ich wünsche mir einen Zeitdrucker.

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