Der Roman, der 1967 zuerst in Buenos Aires erschien, seither in 35 Sprachen übersetzt wurde und für den Gabriel García Márquez 1982 den Nobelpreis für Literatur erhielt, gilt als eines der wichtigsten Werke des Magischen Realismus. Für mich ist er eines der besten und wichtigsten Bücher, die ich je gelesen habe.

Der amerikanische Science-Fiction- und Fantasy-Autor Gene Wolfe definierte einmal den Magischen Realismus als „Fantasy, geschrieben von Spanisch sprechenden Autoren“, und der englische Fantasy-Schriftsteller Terry Pratchett vertrat die Auffassung, es handle sich um eine höfliche Umschreibung für Fantasy, die „für einige Leute akzeptabler klingt“. – Nun, ich finde Fantasy durchaus nicht inakzeptabel, aber ich bin auch kein Fantasy-Fan, obwohl ich hin und wieder Märchen schreibe. Deshalb meine ich, zwischen diesem Genre und dem Magischen Realismus sehr wohl einen Unterschied herauszulesen, ja, regelrecht herauszuschmecken und – vor allem – herauszufühlen. Sehr gut definiert finde ich es bei Wikipedia: „Angestrebt wird ein spannungsvoller Ausgleich zwischen unbewusst Erlebtem, d.h. Empfundenem und mit betont distanzierten Mitteln dargestelltem Realem. Dabei wird im Kunstwerk eine Welt erschaffen, in der der Betrachter oder Leser keine strikte Trennung mehr zwischen Intellekt und Empfindung erleben soll.“

„Hundert Jahre Einsamkeit“ erzählt die Geschichte von sechs Generationen der Familie Buendía, deren Stammvater, José Arcadio Buendía einen Mord begangen hat und sich mit Frau und Kindern sowie einigen weiteren Familien auf die Flucht vor dem Geist des Ermordeten begibt. Im Dschungel gründet er das Dorf Macondo, wohin nur die Zigeuner immer wieder den Weg finden. Von ihren Zügen durch die Welt bringen sie die neuesten Erfindungen mit. Jedes Mal begeistert sich José Arcadio dafür und lässt sich von dem Weisen Melchiades die Apparate, Magnete und Chemikalien erklären. Er forscht und experimentiert und muss schließlich, dem Wahnsinn verfallen, an einen Baum gekettet werden. Unterdessen entwickelt sich Macondo zu einem regelrechten Städtchen, das nach seinen eigenen Gesetzen lebt und prosperiert, bis eines Tages ein Landrichter auftaucht und Macondo unter staatliche Gewalt und Verwaltung gerät. In der Folge wird auch das abgeschiedene Urwalddorf in den Bürgerkrieg zwischen Liberalen und Konservativen gezogen. Kaum ist der Krieg beendet, tritt eine nordamerikanische Bananengesellschaft in Erscheinung und beutet die Einwohner Macondos aus. Ein Arbeiteraufstand endet mit einem Blutbad, von dem alle behaupten, es habe nie stattgefunden. Vor einer Naturkatstrophe aber muss auch die Bananengesellschaft kapitulieren. Ein vier Jahre andauernder, sintflutartiger Regen lässt das Dorf verfallen, und während seine Bewohner in Apathie versinken, erobern die Pflanzen und Insekten des Dschungels das diesem abgetrotzte Terrain zurück. Der letzte Buendía stirbt, nachdem seine Frau die Geburt des einzigen Kindes nicht überlebt hat. Während er seine Verzweiflung darüber in Alkohol ertränkt, wird das Neugeborene ein Opfer der Ameisen. Unmittelbar vor seinem Tod gelingt es Aureliano Babilonia die Pergamente des Melchiades endgültig zu entschlüsseln, und er erfährt, dass Melchiades die ganze Geschichte der Familie Buendía vorhergesehen hatte. Obwohl die letzten Worte lauten: „…daß alles in ihnen geschriebene seit immer und für immer unwiederholbar war, weil die zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Sippen keine zweite Chance auf Erden bekamen“, hat man doch das Gefühl, es mit einem ewigen Kreislauf der Geschichte zu tun zu haben und könnte gleich noch einmal von vorn beginnen, das Buch zu lesen, weil dies eben der Gang der Dinge sei.

Ich habe ungewöhnlich lange gebraucht, den Roman zu lesen – selbst wenn ich in Rechnung stelle, dass das Buch fast 500 Seiten hat. So prall sind die Bilder, die García Márquez zeichnet – und oft durchaus nicht ohne Humor, so viel geschieht auf wenigen Seiten, dass ich öfter als gewöhnlich das Gefühl hatte, im guten Sinne vom Lesen satt zu sein, das Lesezeichen zwischen die Blätter schieben und das Gelesene erst einmal verdauen musste. Ähnlich wie beim Lesen von Märchen, wahrt man eine gewisse Distanz zu den Figuren des Romans und hat doch das Gefühl, dass sie viel mit dem eigenen Leben zu tun haben, und dass selbst die abstrusesten Verhaltensweisen und Situationen plötzlich in den Bereich des Denkbaren rücken. Und ganz gewiss habe ich „Hundert Jahre Einsamkeit“ nicht zum letzten Mal gelesen.

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