Wenn man seinem eigenen Namen begegnet, berührt das seltsam. Für den Nachnamen gilt das mehr als für den Vornamen. So ergeht es jedenfalls mir. Wer Müller, Meyer oder Schulz heißt, mag daran gewöhnt sein. Hartwig ist seltener.
Julia Hartwig, eine polnische Lyrikerin. Und ich habe noch nie von ihr gehört?

In der deutschen Wikipedia ist sie lediglich in der Liste polnischer Schriftsteller verzeichnet: Julia Hartwig (* 1921), Dichterin, Essayistin, lautet der Eintrag. Schon der Hinweis, dass sie auch Übersetzerin und Kinderbuchautorin ist, fehlt. Sie übersetzte u.a. Werke von Apollinaire und Rimbaud. Die zusammen mit ihrem verstorbenen Mann, dem Dichter Artur Międzyrzecki, verfassten Kinderbücher machten sie in Polen berühmt. Heute gehört sie zu den bedeutendsten Lyrikern ihres Landes, aber auch die amerikanische Columbia University zeichnete sie mit dem Thornton Wilder Prize aus, und in Österreich wurde ihr der Georg-Trakl-Preis verliehen. Dass sie in Deutschland bisher so wenig Beachtung fand, liegt wohl daran, dass wenige ihrer Texte ins Deutsche übertragen wurden.

Auf der österreichischen Webseite Manuskripte habe ich einige von Doreen Daume übersetzte Gedichte gefunden, nachdem ich durch die letzte Ausgabe von „Sinn und Form“ auf die Lyrikerin aufmerksam geworden war. Die dort veröffentlichten Gedichte wurden von Bernhard Hartmann übersetzt, der auch das Interview mit der Dichterin führte. Im Gespräch mit Hartmann, wie in den Gedichten, die sich oft an der Grenze zur lyrischen Prosa bewegen, begegnet uns Julia Hartwig als ein dem Leben geöffneter, sehr wacher Mensch – eine Frau, die, um es mit ihren eigenen Worten zu sagen, nie nach Leid oder Unglück Ausschau gehalten, es aber auch nicht ausgeblendet hat.

Gomez auf dem Dach

Einem Polizeioffizier gelang es gestern einen
vierunddreißigjährigen Mann zu retten der drohte
er werde vom Kamin eines fünfstöckigen Gebäudes springen
Das Drama spielte sich kurz vor neun Uhr morgens ab
Raymond Gomez wohnhaft in der 87. East Street
kletterte auf den hohen Kamin
und begann singend und laut betend barfuss darauf zu tanzen
worauf er ankündigte er werde hinunter springen

Der Offizier Thomas Bradley vom polizeilichen Rettungsdienst stieg auf das Dach
stellte eine Leiter an den Kamin
und bot Gomez eine Bibel an
Als Gomez sich hinunterbeugte um diese entgegenzunehmen
packte der Polizist ihn an der Hand und versuchte ihn auf eine Leitersprosse herabzuziehen

Das Gerangel dauerte etwa sechs Minuten
Während dessen spannten die Polizisten unten ein Sprungnetz auf
Endlich gelang es dem Offizier (6 Fuß groß und 200 Pfund schwer) Gomez (5 1/2 Fuß groß und 150 Pfund schwer) zu überwältigen
der zur Beobachtung in ein Spital gebracht wurde

Etwa zweihundert Schaulustige sahen sich den Vorfall aus Fenstern und von der Straße an
Einer von ihnen der sich gerade mit dem dünnen Kaffee in der nahen Cafeteria aufwärmte
sagte zum Barkellner
Mann ich habe die ganze Zeit an Simon den Säulenheiligen gedacht
Wie gibt’s das dass die den nicht mit Gewalt da runter geholt haben
was ja nicht heißen soll dass dieser Gomez nicht eine Schraube locker hat
und dass der Polizist keine Heldentat vollbracht hat
Yeah antwortete der Barkeeper darauf aber sein Kopf war anscheinend
ganz bei etwas anderem

aus: „Dziennik amerykański“ (Amerikanisches Tagebuch) von Julia Hartwig (1970-74)

Übersetzung von Doreen Daume [nicht vom Blogautor redigiert]

Auf der Seite Polnische Kultur ist über Julia Hartwigs Lyrik nachzulesen:

Was ihre Poesie unter anderem auszeichnet, ist ihre Weigerung allgegenwärtige Weltsichten oder einen bestimmten emotionalen Ton zu übernehmen. In ihren subtilen, ausgefeilten Werken (auch wenn sie immer darauf bedacht sind, für den Leser verständlich zu sein), fügt sie auf vielerlei Weise Gegensätze aneinander. Dem Ernst stellt sie Ironie und der Verzweiflung eine ekstatische Freude am Dasein gegenüber. In ihren Gedichten, die sich wie ein Traum entwickeln, stehen bildhafte Visionen neben einem gekonnten Herbeizitieren des Konkreten, es ist ein fast mystisches Aufleuchten, das die innere Struktur der sichtbaren Wirklichkeit zeigt. Dahinter verbirgt sich intellektuelle Reife sowie das Wissen, dass man die Reichtümer der uns gegebenen Erde, in hellen und dunklen Gebieten, unmöglich auf eine einzige Formel, ein Urteil, ein Programm zurückführen kann.


Quelle: http://www.culture.pl/de/culture/artykuly/os_hartwig_julia

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