Der arbeitslose Trinker hofft,
die Verkäuferin vom Imbiss
werde heute noch mal anschreiben.
Die Verkäuferin vom Imbiss hofft,
der arbeitslose Trinker werde endlich
die offene Rechnung begleichen.

Die eine Frau hofft,
ihr Geliebter werde bald
seine Frau verlassen.
Die andere Frau hofft,
ihr Mann werde bald
der Geliebten überdrüssig.

Der Sterbende hofft,
der Tod käme sanft,
um ihn zu erlösen.
Der Arzt hofft,
der Kranke werde kämpfen
für den Sieg der Medizin.

Auf beiden Seiten der Front
hoffen Soldaten, den Krieg zu gewinnen.
Jeder Läufer auf der Aschenbahn
hofft, schneller zu sein als die andern.
Der Dieb hofft, nicht erwischt zu werden.
Der Polizist hofft, den Dieb zu fangen.

Wie die verbrauchte Luft
im überfüllten U-Bahnwagon
ist all dieses Hoffen gegeneinander,
Atmen und Schwitzen gegeneinander.
Hoffnung – wie Stockschnupfen,
wie dumpfes Rumoren in der Brust.

Wie eine Dunstglocke liegt Hoffnung
über den Wohn- und Werkstätten der Menschen.
Wer sagt denn, die Hoffnung sei grün?
Erhaben in ihrer Ergebenheit stehen die Bäume.
Der Wald verbirgt das wachsam scheue Wild.
Hier kann ich atmen.

© Christa Hartwig

Advertisements