Zu sagen, dass Rosenbach ein Antiquitätensammler war, wäre eine maßlose Übertreibung. Er besaß jedoch einige Stücke, die er über die Jahre bei verschiedenen Gelegenheiten und eher zufällig erworben hatte. Eines davon war eine Chryselephantine, eine Männerfigur, deren Höhe samt Sockel man mit einem gewöhnlichen Lineal hätte messen können. Die unerklärliche Haltung des Mannes war kurios. Doch gerade dies und der Umstand, dass die Figur ihn an ein Erlebnis mit seiner Tante Regina erinnerte, machten sie zu seinem Lieblingsstück.

Tante Regina hatte ihn damals gebeten, sie in ein Antiquitätengeschäft zu begleiten. Sie war auf der Suche nach einem Geschenk zum siebzigsten Geburtstag einer alten Freundin, die Zuckerdosen sammelte. Rosenbach erinnerte sich noch, dass sie beim Betreten des Ladens gelacht hatten, darüber dass auf seine als Scherz gemeinte Frage, ob jene Freundin nur die Dosen oder auch Zucker sammle, seine Tante geantwortet hatte: „Das tut sie in der Tat. Sie hat auf ihrer Hochzeitsreise begonnen, aus jedem Hotel und jedem Kaffee verpackte Zuckerwürfel und Zuckertütchen mitzunehmen und aufzubewahren.“

Während seine Tante sich hatte Zuckerdosen zeigen lassen, war Rosenbach müßig im Geschäft herumgewandert, bis sein Blick an jener seltsamen Figur hängengeblieben war: ein Mann, dessen aus Bronze gefertigter, schlecht sitzender Anzug auf seine einfache Herkunft schließen ließ, in einer seltsamen Haltung, für die Rosenbach vergeblich nach einer Erklärung suchte. Der Kopf aus Elfenbein mit der nach hinten geschobenen Mütze aus Bronze war vor- und dabei abwärts geneigt und gleichzeitig schief gelegt. Die Augen waren geschlossen, oder der Blick so tief gesenkt, dass sie geschlossen wirkten. Dabei lag auf dem dank des Elfenbeins lebendig scheinenden Gesicht ein seliges Lächeln, das ihm einen geradezu einfältigen Ausdruck verlieh. Der Mann schien eben einen Schritt machen zu wollen, der jedoch ein Schritt in einen Abgrund gewesen wäre, denn die Figur stand nicht mittig auf dem Sockel, sondern am Rand, dort wo der Sockel nicht, wie an den drei anderen Seiten, eine gerade Kante und eine Stufe aufwies, sondern einer natürlichen Felskante glich, jedoch ohne Anzeichen dafür, dass es sich um einen Bruch handelte, denn diese unebene Seite war nicht rau, sondern sorgfältig beschliffen. Offenbar sollte die Figur gefährdet erscheinen, umso mehr, als das selige Lächeln zeigte, dass der Mann sich keiner Gefahr bewusst war. Seine linke Hand wies in Hüfthöhe nach vorn. Der rechte Arm war, fast in Schulterhöhe, ebenfalls nach vorn erhoben, und die Finger der Elfenbeinhand, die aus dem Bronzeärmel ragte, waren leicht gespreizt. Rückwärts gerichtet, hätte die Geste ein Rudern in der Luft, um das Gleichgewicht zu halten, bedeuten können. So aber wirkte sie wie bei einem Schlafwandler oder Traumtänzer, der Situation in lächerlicher und zugleich beunruhigender Weise nicht angemessen. In die Betrachtung versunken, hatte Rosenbach unbewusst die dargestellte Pose angenommen, um ihrem Sinn auf den Grund zu kommen, und war zusammengezuckt, als der Antiquitätenhändler plötzlich hinter ihm gestanden und ihn angesprochen hatte. „Eine seltsame Figur, nicht wahr? Seltsam aber sicher nur, weil das dazu gehörende Stück fehlt.“ Auf Rosenbachs Frage hin, hatte er auf den Sockel gewiesen. „Sehen Sie die asymmetrische Form? Hier fehlt die andere Hälfte. Als das Stück mir angeboten wurde, habe ich gezögert. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich die fehlende Figur finden würde und dazukaufen könnte, war gering und hat sich als vergebliche Hoffnung herausgestellt. Erst vor drei Tagen habe ich die Statuette in die Auslage genommen. Bis dahin hatte ich sie sozusagen geheim gehalten, weil ich mir die Chance, das fehlende Stück zu einem günstigen Preis zu kaufen, nicht hatte verderben wollen. Wenn Sie Interesse und mehr Glück als ich haben, würde der Wert ein Mehrfaches des jetzigen Preises betragen, besonders dann, wenn sich die Signatur auf dem anderen Sockel befindet. Der feinen Ausführung nach könnte es eine Arbeit von Ferdinand Preiss sein, obwohl der eher Chryselephantinen von Tänzerinnen und Sportlerinnen, überhaupt eher von Frauen angefertigt hat. Auch eine relativ späte Arbeit von Chiparus wäre denkbar – bevor er schließlich nur noch Tierskulpturen im Stil des Art déco machte. Er hatte in seiner frühen Schaffensperiode ja sehr naturalistische Figuren, hauptsächlich Kinder, angefertigt und sich erst später quasi dem russischen Ballett verschrieben. Meine Überlegung ging dahin, ob die Figur auf dem zweiten Sockel ein Hund sein könnte, den der dargestellte Mann abrichtet.“
Rosenbach hatte seine Zweifel gehabt, war dem Kuriosum aber schon so verfallen, dass er sich spontan zum Kauf entschlossen hatte. Später, wieder in der Wohnung seiner Tante Regina, hatten sie beide Vermutungen darüber angestellt, was die Haltung und die Gesten des Mannes zu bedeuten hätten. Tante Regina war geneigt gewesen, sich der Theorie des Antiquitätenhändlers anzuschließen, und vielleicht hatte es an Rosenbachs wenig ausgeprägter Sympathie für Hunde gelegen, dass er nicht gewillt gewesen war, ihr beizupflichten. Für sich nannte er die Figur fortan den „Pantomimen“.

Das alles lag an die zehn Jahre zurück, als Rosenbach über einen Trödelmarkt bummelte, der zu dieser frühen sonntäglichen Morgenstunde eben erst aufgebaut wurde. Er hatte die Nacht mit einer attraktiven Frau verbracht, die sich leider in jeder Hinsicht als langweilig erwiesen hatte, war, ohne eine Wiederholung in Aussicht gestellt zu haben, von ihrem Frühstückstisch entkommen, fühlte sich verkatert, obwohl er am Abend zuvor wenig getrunken hatte, und spürte den Wunsch, seinen Kopf noch etwas auszulüften, bevor er nachhause zurückkehrte. So kam es, dass er über den Markt schlenderte, als gerade die ersten gewerblichen Haie auftauchten, um die besten Stücke der Privatverkäufer zu skandalös niedrigen Preisen abzustauben. Rosenbach hatte nicht die geringste Absicht, etwas zu kaufen. Er wollte nur auf andere Gedanken oder, besser gesagt, überhaupt wieder auf Gedanken kommen. Neben einem Tapeziertisch blieb er stehen. Eine Frau mit teigigem Gesicht, die gerade den Inhalt billiger gestreifter Plastiktaschen auspackte, hatte keine Zeit, ihm Beachtung zu schenken. Als sie doch aufschaute und ihm mit einem verschwommenen Lächeln zunickte, wollte Rosenbach schon weitergehen. Doch in diesem Moment fiel sein Blick auf den Gegenstand, den sie soeben aus zerknittertem schwarzem Seidenpapier gewickelt hatte, und sein Herz machte einen Satz. Er erkannte den Sockel an der Form, der Farbe des Marmors, vor allem aber an der Eigentümlichkeit der einen unebenen Kante sofort. Zu seiner Erleichterung befand sich darauf keineswegs ein Hund, der ein Kunststück vollführte, sondern eine Frauenfigur, etwas kleiner und zierlicher als sein „Pantomime“. Das Kleid aus bemalter Bronze, war ein buntes Fähnchen, das rührend billig wirkte, was für die besondere Kunstfertigkeit sprach, mit der es gearbeitet war. So entsprach es dem schlecht sitzenden Anzug. Vor allem jedoch entsprach die Haltung der Frau der Figur, die Rosenbach bereits besaß. Das fein aus Elfenbein geschnitzte Gesicht war leicht vorgeneigt und seitlich gewandt, die Augen geschlossen, und auf den Lippen spielte dasselbe selige Lächeln, während ihre Arme schlaff herunterhingen, wie bei einer willenlosen Puppe, als überließe sie sich einem Traum, selbstvergessen und entrückt, lächerlich und rührend und besorgniserregend in Gefahr, im nächsten Moment vornüber zu sinken und in den angedeuteten Abgrund zu stürzen.
Rosenbach riss sich gerade zusammen, um sein Interesse an der Figur nicht zu offenkundig zu zeigen, nahm sie also in die Hand, setzte dabei aber eine eher abschätzende Miene auf, als ein Mann aufdringlich dicht an ihn herantrat. „Darf ich mal?“ fragte er grob und streckte die Hand aus, als wolle er Rosenbach die Figur wegnehmen. Doch bevor Rosenbach auch nur Luft holen konnte, um sich dieses Benehmen zu verbitten, herrschte die teiggesichtige Frau den Zudringlichen bereits an. „Verpiss dich, Kniebel! Du hast mich neulich gelinkt. Dir verkauf ich nix mehr!“ Die ausgestreckte Hand zog sich zurück, um anklagend auf jemanden zu weisen, der sich außerhalb von Rosenbachs Gesichtsfeld befand. „Wieso gelinkt? Wer behauptet so was? Rampen-Franz etwa?“ – „Wer, ist egal, Geht dich nix an. Also, hau ab!“ entgegnete die Frau und wandte sich Rosenbach zu, der die Figur so fest im Griff hielt, wie sein Kunstverstand es gerade noch zuließ. „Was soll die kosten?“ – „Sowieso alles Hongkong-Ware, was Sie hier kriegen, wenn’s nicht gerade aus der Altkleidersammlung ist“, mischte der Mann sich nochmals ein. „Verpiss dich!“ schrie die Frau ihn an und wandte sich dann abermals Rosenbach zu, um einen Preis zu nennen, der ihm, wegen seiner Niedrigkeit, beinahe die Schamröte ins Gesicht trieb. Für Schuldgefühle war dies jedoch der falsche Zeitpunkt. Unendlich froh, gerade zur rechten Zeit hier gewesen zu sein, zückte Rosenbach sein Portemonnaie, verzichtete zur leichten Verwunderung aber letztendlich doch Freude der Verkäuferin auf das Wechselgeld, und sah zu, dass er wegkam, ohne jenem Kniebel noch einmal zu begegnen.

Rosenbachs Herz klopfte bis zum Hals, als er in seinem Salon die kostbare Chryselephantine aus dem Seidenpapier wickelte, das aus einem Schuhkarton zu stammen schien. Zwar hatte die unangenehme Situation auf dem Markt ihm doch immerhin genug Zeit gelassen, festzustellen, dass sich auch auf dem zweiten Sockel keine Signatur befand, doch hegte Rosenbach nicht den geringsten Zweifel, ein Kleinod erstanden zu haben – vielleicht das besonders großes Talent verratende Gesellenstück eines Schülers eines der damals vom Antiquitätenhändler erwähnten Meister der Elfenbeischnitzkunst. Es spielte keine oder nur eine geringe Rolle. Ein kleines Wunder war geschehen, und da Rosenbach nicht die Absicht hatte, sich von diesem jemals zu trennen, waren hoch gehandelte Namen ohne Bedeutung.

Wegen des erhobenen rechten Armes des Mannes, musste Rosenbach die Statuetten leicht verkanten, bis die Sockel sich perfekt aneinander fügten. Die linke Hand des Mannes lag nun auf der Hüfte der Frau. Mit dem rechten Arm war er im Begriff, sie zu umfangen und an sich zu drücken, so dass dieser Arm das Figurenpaar nun wie eine Klammer zusammenhielt. Ihr Kopf lag an seiner Schulter, seine Wange an ihrer Stirn. Alles scheinbar Verlorene, Halt- und Sinnlose, auch das selige Lächeln in den beiden Elfenbeingesichtern, das zuvor ins Leere zu gehen schien, war nun ein Bild süßer Innigkeit und Ausdruck eines Glücks, das die Seele schon erfasst hat, bevor der Verstand es begreift.

Rosenbach wischte sich über die Augen. Dann lachte er, obwohl allein mit sich und diesem Wiedersehen, ein wenig verschämt. Es war doch tatsächlich das erste Mal, dass Mehrwert ihm Freudentränen in die Augen trieb.

© Christa Hartwig

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