In Berlin findet heute eine Protestkundgebung gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft statt. 12 Uhr, Treffpunkt Hauptbahnhof. Motto: „Wir haben es satt!“

Ich bin nicht dort. Ich grübele nach.
Wer dort sein sollte, wären Kleinbauern aus Afrika und Asien, auf deren kleinen Anbauflächen mit biologischer Landwirtschaft tatsächlich höhere Erträge erwirtschaftet werden als mit konventionellen Methoden, weil die kleinen Flächen sich dadurch besser regenerieren, statt ausgelaugt nur noch geringe Erträge zu bringen. Das klingt freilich, als müsse für große Anbauflächen dasselbe gelten. Tatsache aber ist, dass hierzulande Bio-Bauern geringere Erträge haben. Nicht zuletzt damit werden die höheren Preise für Bio-Obst und -Gemüse ja gerechtfertigt.

Von 1900 bis 2003 ist die Weltbevölkerung von 1,6 auf 6,3 Milliarden gestiegen. Ende 2010 waren es rund 6,93 Milliarden Menschen. Mehr als das Vierfache!

Die erste systematische bevölkerungswissenschaftliche Analyse veröffentlichte der evangelische Probst Johann Peter Süßmilch 1741 in Berlin. Er war es auch, der den Begriff von der „Tragfähigkeit der Erde“ prägte. Mit seinen Studien wollte er allerdings eher göttlichen Willen beweisen als Bedenken schüren und kam zu dem Schluss, dass nach göttlichem Plan 13 Milliarden Menschen für die Erde vorgesehen seien. Seid also weiterhin fruchtbar und mehret euch, war die Devise. Damit stand er im Widerspruch zu dem britischen Mathematiker Thomas Malthus, der 1798 behauptete, die damals lebenden Weltbevölkerung (knapp eine Milliarde Menschen) sei alles, was die Erde verkraften könne. Malthus’ Annahme ist praktisch widerlegt. Dass heute Menschen verhungern (alle drei Sekunden einer) liegt nicht (nur) daran, dass die Nahrung generell nicht mehr ausreicht, sondern (auch) daran, dass sie nicht dorthin gelangt, wo sie gebraucht wird. Malthus aber war nicht nur zu einer Fehleinschätzung gekommen, er vertrat die menschenverachtende These: „Ein Mensch, der in eine schon voll besetzte Welt hineingeboren wird, der von seinen Eltern nicht jenen Unterhalt bekommen kann, der ihm rechtmäßig zusteht, und dessen Arbeit die Gesellschaft nicht bedarf, hat keinen Anspruch auf den kleinsten Teil der Nahrung.“

Der Basler Professor für Entwicklungssoziologie Klaus Leisinger schrieb: „Würden alle Menschen so leben wie brasilianische Urwaldindianer, könnte die Erde 20 bis 30 Milliarden Menschen tragen.“ Nun sind wir aber nicht alle erpicht darauf, wie Urwaldindianer zu leben. Dennoch sollten wir mit dem gebotenen moralischen Entsetzen reagieren, wenn in den Reihen der Politiker sich mehr heimliche als bekennende „Malthusianer“ ausmachen lassen. Die Flüchtlingsströme und die damit verbundene Asyldebatte und das Dahinschwinden sozialer Mittelschichten sind nicht einfach Folgen einer Politik, die für einige Wenige gut, und für viele Andere schlecht ist, bzw. die Politik hat hauptsächlich insofern etwas damit zu tun, dass sie Tatsachen ignoriert, die nicht ignoriert werden können. Sieben Milliarden Menschen sind ein Fakt. Betrachtet man sie als Problem, verschränkt die Arme uns sagt, es sei ein Problem, das sich von selbst erledigt, wenn man nichts tut und das öffentliche Interesse auf die Umstellung auf Öko-Strom und Bio-Kraftstoff sowie Dioxin- und andere Skandale lenkt, frage ich mich heute, ob die, welche nicht fürchten, dafür irgendwann vor Gericht zu stehen, sich dessen so sicher sind, weil die, die im Rettungsboot sitzen, alle gleichviel Dreck am Stecken haben, und von den anderen wird keiner mehr übrig sein, um Anklage zu erheben.

Denjenigen, die in dem, was geschieht, eine Form natürlicher Auslese sehen, sei gesagt, dass sich unter den Kindern, die heute verhungern, vielleicht das Kind befindet, das als bedeutender Wissenschaftler eines Tages zur Lösung der Probleme in der Welt entscheidend beitragen könnte. Wenn wir über Ressourcen sprechen, dürfen wir nie vergessen, dass die wichtigste Ressource der Mensch selbst ist – und zwar jeder Mensch, der heute Nahrung und Bildung braucht, um morgen den Fortbestand der Menschheit zu gewährleisten.

Die Verschwendung menschlicher Ressourcen ist, was ich vor allem satt habe. Dass wir alle ein paar vergiftete Eier gegessen haben, nimmt sich daneben lächerlich aus und wäre zu verhindern gewesen, wenn wir für all die tollen Gesetze und Auflagen, die wir uns ausdenken, Personal hätten, das die Einhaltung dieser Gesetze und Auflagen überwacht. Man stelle sich vor, alles, was getan werden müsste, würde wirklich getan. Wir hätten tatsächlich keine Arbeitslosen mehr. Wir hätten keine Jungendlichen mehr, die aus dem familiären Alltag keine andere Perspektive kennen als Hartz IV. Wir hätten … eine Zukunft.

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