Am 21. Mai.2032, einem Freitag, bespricht ein 94-jähriger Mann ein Tonband für seine Enkelin. Nicht zufällig hat er Ähnlichkeit mit dem Autor Urs Widmer, der am 14. Mai 1938 geboren wurde.

Einer der Eingänge zur Unterwelt liegt im wundersam verwilderten Garten eines scheinbar unbewohnten Hauses, wo die prachtvollsten Blumen blühen, und wo der Achtjährige und sein Freund ihre Bubenabenteuer als Navajos erleben. Hier hat Herr Adamson auf den Jungen gewartet: „Du siehst mich, weil ich in genau dem Augenblick gestorben bin, in dem du zur Welt gekommen bist. Ich sage nicht Jahr oder Tag oder Stunde oder Minute oder Sekunde. Ich sage Augenblick.“
Was Herrn Adamson an seinem Tod am meisten verdrießt, ist dass er seine Enkelin nicht finden kann, denn er muss ihr einen Schatz übergeben. Seine zweite Schwierigkeit: Dieser Schatz muss erst einmal gehoben werden, und dazu braucht Herr Adamson einen Lebenden – noch dazu einen Lebenden, der Liebe zu ihm gefasst hat. Nur die Liebe eines Lebenden gibt einem Toten Kraft. Verliert er diese Liebe, sinkt er zu einem Häufchen zusammen, zu einem Schatten, durch den die Menschen hindurchgehen und die Autos hindurchfahren. Adamson und der Junge spüren den alten Koffer, welcher den Schatz enthält, auf – im letzten Augenblick, denn das Haus, in dem er versteckt ist, wird gerade abgerissen. Nun gilt es, Adamsons Enkeltochter zu finden. Unterdessen verstecken sie den Koffer in einem Geräteschuppen. Und als wären die lebensgefährliche Bergung des Schatzes noch nicht Abenteuer genug gewesen, folgt der Junge Herrn Adamson, als dieser nach einem seiner Besuche ins Reich der Toten, das sich als schauerliche Unterwelt erweist, zurückkehrt. Die Beschreibung der Reise durch die Unterwelt, schien mir geeignet, Alpträume zu verursachen. Ich fragte mich beim Lesen, ob Urs Widmer hier eigene Träume schildert, oder sich an Beschreibungen der Unterwelt aus der Literatur orientiert hat. Umso überraschender ist es, wie schnell die Erzählung zum Heiteren, Skurrilen zurückkehrt, als Adamson und der Junge mitten zwischen den Ruinen von Mykene wieder die Oberwelt erreichen, eine Polizeistation finden, wo Adamson den Jungen in der Obhut zweier Polizisten lässt, von denen einer nach dem Vorbild von Flann O’Briens „Drittem Polizisten“ den Verirrten auf einer märchenhaften Fahrradfahrt wieder nach Basel transportiert, wo die Eltern seit drei Tagen verzweifelt auf ihn warten. Die Geschichten gehen ineinander über wie Träume.

In seinem Roman zitiert Urs Widmer immer wieder sich selbst, bindet Motive aus früheren Werken ein: die ewigen Jagdgründe aus „Indianersommer“ (1985), den Käferforscher und den Saurierknochen aus „Kongress der Paläolepidopterologen“ (1989), die zugleich verlockende und bedrohliche Schwelle ins Jenseits aus „Der blaue Siphon“ (1992).

Unter den Rezensionen hat mir wieder die von Deutschlandradio besonders gut gefallen.

Urs Widmer
Herr Adamson
Roman
Diogenes Verlag
208 Seiten
ISBN 978-3-257-06718-7

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