Orbit

Ja, es geht, aber ist es so, wie ich es mir vorstelle?

Googelt man „umeinanderkreisen“, kann man unter anderem diesen Mitmachrreim finden, der zu einem Spiel gehört, das die Rechts-Links-Koordination fördern soll:

Rechte Hand und linke Hand (rechte und linke Hand zeigen)
das sind zwei (klatschen)
Rechte Hand und linke Hand (rechte und linke Hand zeigen)
schaffen froh und frei (Hände umeinander kreisen)
Rechte Hand und linke Hand (rechte und linke Hand zeigen)
soll´n sich fleißig regen. (Hände umeinander kreisen)
Eine kommt der anderen helfend stets entgegen (beiden Hände ineinander legen)

Allerdings würde ich nicht sagen, dass die Hände einander wirklich umkreisen. Die kreisende Bewegung kommt aus dem Schultergelenk. Die Hände am Ende der in eine bestimmte Position gebrachten Hebel (Arme) können gar nicht anders.
Das Spiel wird für Kindergärten empfohlen. Ich vermute, man spielt es auch in Altenpflegeheimen. Ich vermute es, weil ich mit eigenen Augen gesehen habe, dass solche Spiele mit alten Menschen gespielt werden. Die Alten schienen sehr viel Spaß dabei zu haben, und ich empfand eine unglaubliche Wut – auf die Altenpfleger, auf die Alten und auf mich selbst gleichzeitig. Das ist mehr Wut als ich gut aushalten kann, und deshalb weiter zum nächsten ergoogelten Beispiel.

Der Gebrauch von Qigongkugeln geht bis in die Ming-Dynastie zurück. Nach chinesischer Tradition sollen die Kugeln das Gleichgewicht von Yin und Yang im eigenen Körper wiederherstellen. Indem man die Kugeln in einer Hand umeinanderkreisen lässt, werden die Handflächen massiert und die Reflexzonen stimuliert. Das erfordert Übung. Erst wenn der Klangmechanismus im Innern der Kugeln einen zarten klingenden Ton erzeugt, hat man die richtige Technik erzielt.

Auch hier umkreisen die Kugeln einander nur, weil die Hand diese Bewegung erzeugt und nicht aus einem inneren Antrieb oder einer Anziehungskraft folgend. Die Sache mit dem zart klingenden Ton gefällt mir, und ich stelle mir vor, dass der reinste Ton entsteht, wenn die Kugeln tatsächlich gleichmäßig, d.h. auch gleichermaßen bewegt umeinander gekreist werden – nicht, wie bei meinem ersten Versuch, eine Kugel fast still in der Hand liegt, während die andere darum herum ruckelt. Mechanik oder nicht, mit der Reinheit eines Klanges kommt dies meinem Ideal vom Umeinanderkreisen durchaus entgegen.

Als selbständige Denkerin erweist sich Émilie du Châtelet auch in ihren „Institutionen der Physik“, worin es um die Grundlagen der Physik geht, also auch um Metaphysik. Newton hatte z. B. in seinen „Prinzipien“ nicht erklären können, warum die Himmelskörper umeinander kreisen statt, gemäß seinem Schwerkraftgesetz, aufeinander zu stürzen. Er hatte sich mit der Vermutung beholfen, dass Gott jeweils einen der Himmelskörper angestoßen habe. Émilie du Châtelet verlangte dagegen in der Tradition von Leibniz, dass es einen „zureichenden Grund“ für die Planetenbewegungen geben müsse. Und sie vermutete bereits, dass dieser Grund in der Geschichte des Planetensystems verborgen liegt (das aus einem rotierenden Staubwirbel heraus entstanden ist, wie zuerst Immanuel Kant postulierte).

Auch mich interessiert nicht nur, ob etwas möglich ist, sondern ebenso warum es geschieht.

Es gibt verschiedene Arten von Doppelsternen. Da wären zunächst einmal die optischen Doppelsterne, die zwar scheinbar sehr nah bei einander stehen, was aber nur auf einen perspektivischen Effekt zurückzuführen ist, sie können in Wahrheit viele Tausend Lichtjahre auseinander stehen. Dann gibt es die phsyischen Doppelsterne, das sind Sterne die tatsächlich ein gemeinsames Gravitationszentrum haben, also umeinander kreisen, auch Vielfachsysteme mit mehr als zwei Sternen gibt es.

Da haben wir es: das gemeinsame Gravitationszentrum. Das ist es, worum sie kreisen – nicht umeinander. Nun könnten sie ja theoretisch – und vielleicht tun es einige wirklich, auf derselben Umlaufbahn kreisen, nur an verschiedenen Punkten. Damit entfiele das Umeinanderkreisen. Vielleicht macht ja diese Gemeinsamkeit die beiden Sterne füreinander anziehend, so dass sie beides müssen: um das Gravitationszentrum kreisen und gleichzeitig umeinander. Ob ich mich mit dieser Überlegung einem Naturgesetz annähere oder einer romantischen Vorstellung, ist mir bisher nicht klar.

Und hier endlich ein Beispiel für das Umeinanderkreisen im übertragenen Sinne:

Vom Konzert YOUNG EURO CLASSIC der Preisträger von „Jugend musiziert“ im Konzerthaus berichtete Udo Badelt am 24. August 2009 im Berliner „Tagesspiegel“: „Solche Schwierigkeiten kennt der 17-jährige Philipp Wollheim an der Violine nicht. Fest, ungestüm, brennend greift er auf Ravels „Tzigane“ zu, während sein Partner Adam Tomaszewski am Klavier deutlich ruhiger ist. So entwickelt sich ein schöner Dialog zwischen den beiden Temperamenten, die umeinander kreisen, sich angleichen, voneinander entfernen.“

Womit wir bildlich wieder bei der Darstellung in der Animation wären, gleichzeitig aber bei der Musik und dem Dialog.

Ich denke, damit sollte ich die Frage des Umeinanderkreisens erst einmal ruhen lassen, und deshalb abschließend dieses Zitat aus einem Brief, den Erika Mann am 10. Dezember 1954 an ihren Vater Thomas Mann schrieb:

Kuckuck betreffend, so habe ich nur einige wenige und kleine Streichvorschläge gemacht, ohne ganz sicher zu sein, daß sie genügen. Die Oltener Ausgabe war mir keine Hilfe. Ohne sie genau studiert zu haben, bin ich der Anschauung, sie sei so ziemlich identisch mit dem Manuskript in der mir übergebenen Form. Nun habe ich freilich die „Vorlese-Version“ nicht zur Hand gehabt, und während ich gewiß mehr hätte stehen lassen als dort vorrätig, hätte sie mich vielleicht auf gute Ideen gebracht. Ob Du Deinerseits sie Dir nochmals vornehmen magst? Aber fast sicher hast Du sie nicht bei Dir. Gerne hätte ich dort gestrichen, wo zum zweitenmal, wenn auch in etwas anderen Worten, von all dem „Ineinander und Umeinander Kreisen und Wirbeln …Sich Ballen … Brennen, Flammen, Erkalten, Zerplatzen, Stürzen und Jagen“ (S. 221) die Rede geht, dessen schon auf Seite 219 recht ausführlich gedacht ist. Ich unterließ es mit Rücksicht auf das unmittelbar folgende „erzeugt aus dem Nichts und das Nichts erweckend, das vielleicht besser, lieber vielleicht im Schlaf geblieben wäre und auf seinen Schlaf wieder warte …“

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