Gerne behaupte ich, alle Romane von John Le Carré gelesen zu haben. Ein gesundes Misstrauen (gegen mich selbst) brachte mich dazu, mir die Werkliste anzuschauen, und tatsächlich: Bei „Schatten von gestern“ bin ich nicht sicher (Eine Schande, weil es der erste „George Smiley“ ist!), und „Single & Single“ (1999) habe ich garantiert nicht gelesen. Aber sonst … Von „Ein Mord erster Klasse“, dem ein Jahr später der wohl allen bekannte, weil mit Richard Burton verfilmte „Der Spion, der aus der Kälte kam“ folgte, über „Dame, König, As, Spion“ und „Der Schneider von Panama“ bis „Marionetten“ habe ich nichts ausgelassen.

Der Grund, warum ich einen guten Spionageroman einem gleichguten Krimi vorziehe, liegt im Spannungsfeld der Moral: Kann der Zweck die Mittel heiligen? Nicht aus Mordlust, Habgier, Rache oder Eifersucht wird auf perfideste Art verraten und getötet, sondern im Dienst einer Idee bzw. der Macht, die sich selbiger Idee und ihrer Geheimdienste bedient, um an der Macht zu bleiben. Die Frage nach der Heiligkeit der Mittel bleibt unbeantwortet. Bei John Le Carré geht sie Sache immer schlecht aus. Mit etwas Glück überleben ein paar von den „Guten“, in jedem Fall aber auch zu viele von den „Bösen“. The show will go on.

Was John Le Carré-Fans außerdem zu schätzen wissen, ist die meisterliche Zeichnung der Charaktere, die den Leser teilhaben lässt an den inneren Konflikten der Hauptpersonen, die Beschreibung trügerischer Idylle, bei der man die drohende Nähe des Abgrunds ahnt, die Fadenscheinigkeit der versprochenen Sicherheit, die Empathie mit den aus Verzweiflung Mutigen.

An einem Karibikmorgen um sieben spielte auf der Insel Antigua ein gewisser Peregrine Makepiece, kurz Perry, Universalsportler und Noch-Aglistikdozent an einem renommierten Oxforder College, drei Sätze Tennis gegen einen muskulösen Mittfünfziger, einen braunäugigen Russen mit kahlem Kopf und hoheitsvoller Haltung, der Dima hieß. Die Ereignisse rund um das Match gerieten schon bald ins Fadenkreuz britischer Agenten, die von Berufs wegen nicht an Zufälle glaubten. Dabei war der Hergang, soweit es Perry betraf, über jeden Vorwurf erhaben.
Sein nahender dreißigster Geburtstag drei Monate zuvor hatte bei ihm eine Sinnkrise ausgelöst, die sich, von ihm unbemerkt, schon ein Jahr oder länger angebahnt hatte. Den Kopf in den Händen vergraben, hatte er morgens um acht in seiner bescheidenen Oxforder Wohnung gehockt, nachdem auch ein Sieben-Meilen-Lauf keine Linderung gebracht hatte, und sich mit der Frage gequält, was zum Henker er nach dem ersten Drittel seines Erdenlebens vorweisen konnte außer einem Freibrief dafür, sich um die Welt jenseits der träumenden Türme Oxfords nicht weiter zu kümmern.

Um in sein Leben wieder so etwas wie Schwung und den Traum von einer Perspektive – und sei es nur die Aussicht auf Palmen – zu bringen, reist jener Perry mit seiner Freundin Gail, einer Rechtsanwältin, in die Karibik und quartiert sich in einem luxuriösen Hotelressort ein. Als überdurchschnittlich guter Tennisspieler wird er aufgefordert, ein Match gegen Dima zu spielen. Dass er dem wichtigsten Geldwäscher der russischen Mafia gegenübersteht, der mit Frau, Kindern und weiteren Verwandten dort Urlaub macht, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die finsteren Bodyguards konnten ihnen doch aber nicht entgangen sein, meinen Yvonne und Luke, die beiden freundlichen Beamten des britischen Geheimdienstes. Natürlich sind sie ihnen aufgefallen, recht unangenehm sogar. Aber Dima versteht sich darauf, den englischen Dozenten mit geradezu aufdringlicher Herzlichkeit und ganz und gar zu vereinnahmen, während bei Gail, der die Beklommenheit der Kinder auffällt, Beschützerinstinkte erwachen, die stärker sind als ihre Abneigung und ihr Misstrauen gegen diese seltsame Gesellschaft.

John Le Carré erzählt im Wechsel auf zwei Ebenen. Er schildert unmittelbar die Vorgänge auf Antigua und dann wieder mit protokollarischer Genauigkeit das Verhör in London, wobei Perry und Gail zu Wort kommen und einander manchmal ins Wort fallen. Der Altmeister des Spionageromans hat hier eine großartige Lösung gefunden, kleinste Details und deren unterschiedliche Wahrnehmung zu beleuchten. All dies kommt auch der Lebendigkeit der Charaktere zugute. Perry, mehr und mehr erfüllt von glühendem Eifer, sowohl seinem Land zu dienen als auch seinem neuen Freund Dima zu helfen, möchte seine Freundin Gail aus der nicht ungefährlichen Sache heraushalten. Gail, mit viel Energie gesegnet, lässt dies aber nicht zu, denn sie möchte Perry beschützen und gleichzeitig den Kindern helfen. Und so entwickelt der Roman durchaus die Qualitäten eines Thrillers, bleibt dabei aber angenehm leicht im Ton, oft sogar humorvoll.

John Le Carré, der in diesem Jahr achtzig wird, hat die Verstrickung unendlich vieler Figuren in die höchstkomplizierten Netze der Geheimdienste zurückgelassen. „Verräter wie wir“ könnte mit der überschaubaren Zahl von Personen und Handlungsorten beinahe auf der Bühne aufgeführt werden, ohne deswegen weniger spannend zu sein. Die vor zwanzig Jahren erschienenen Romane hätte ich Neulingen nur mit dem Hinweis empfohlen, sich doch erst einmal mit älteren Titeln einzulesen. Meinen beiden Töchtern waren sie zu anstrengend, und die Verfilmungen hätten auch mich hoffnungslos verwirrt, wenn ich das Buch zuvor nicht gelesen hätte. Den letzten Roman kann man auch jedem in die Hand geben, der noch nie etwas von Le Carré gelesen hat. Mich begleitet dieser Schriftsteller seit vierzig Jahren. Ich gebe zu, da spielt inzwischen auch schon jene angenehme Vertrautheit mit, die der Leser im Laufe so langer Zeit entwickelt. Und so freue ich mich über kleine Schmankerl wie diesen und würde gerne fragen: „Lieber John, dass ist ja hübsch, dass diese Erkenntnis, die dir mit dreißig wohl auch noch fehlte, deinem Helden ebenfalls nicht dämmert, bevor eine Frau es ausgespricht. Wer hat dir das denn verraten?“

„Uns gefiel auch das Verschwörerische an der Sache. Der Kinder wegen. Ambrose’ Idee, dass ich aus der Torte springen sollte, war gar nicht so abwegig, stimmt ’s? Und ich hab Geschenke für die Mädchen ausgesucht. Mit ein bisschen Unterstützung von dir. Schals für die Kleinen und für Natascha eine sehr hübsche Muschelkette mit Halbedelsteinen dazwischen.“ Geschafft. Sie hatte Natascha wieder ins Spiel gebracht, ohne dass jemand nachhakte. „Du wolltest mir auch eine kaufen, aber das habe ich dir nicht erlaubt.“
„Aus welchen Gründen, Gail?“ Yvonne mit ihrem zurückgenommenen, intelligenten Lächeln versuchte die Spannung ein bisschen herauszunehmen.
„Alleinstellung. Es war lieb gemeint von Perry, aber ich wollte nicht über einen Kamm mit Natascha geschoren werden“, erwiderte Gail beiden, Perry ebenso wie Yvonne. „Und Natascha auch nicht mit mir, da bin ich sicher. Danke, das ist eine sehr liebe Idee, aber heb sie dir für später auf, hab ich gesagt. Stimmt ’s? Mal ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, in St. John’s, Antigua, zumutbares Geschenkpapier aufzutreiben!“

Nein, ich wollte damit nicht bedauern, dass die Unmöglichkeit, auf Antigua zumutbares Geschenkpapier zu kaufen, kein Allgemeinwissen ist. Das habe auch ich erst beim Lesen gelernt.

John le Carré
Verräter wie wir
Ullstein Buchverlag, 2010
413 Seiten
ISBN 978-3-550-08833-9

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