Dieses war das wohl gelungenste Weihnachten seines Lebens, fand Rosenbach. Abgesehen von den Weihnachten seiner Kindheit, die ihm als in späteren Jahren nicht zu übertreffen erschienen. Und abgesehen von all den anderen Weihnachten, an denen er ähnlich wie heute gedacht hatte, denn wenn es so etwas wie Weihnachtsmenschen gab, so konnte man Rosenbach dazu zählen. Er liebte Weihnachten!

Es war der 26. Dezember. Rosenbach hatte den Heiligabend mit seiner alten Freundin Claude verbracht – nicht zum ersten Mal, denn wenn keiner von ihnen gerade frisch liiert und folglich unabkömmlich war, gingen sie lieber auf Nummer sicher. Claude hatte einen großen Weihnachtsbaum so prachtvoll geschmückt, als gelte es, Enkelkinderaugen zum Leuchten zu bringen, obwohl sie kinderlos wie Rosenbach war, und gerne bildete er sich ein, dass sie es seinetwegen tat, und bewunderte das Kunstwerk gebührend. Im Kamin hatte ein Feuer gebrannt, der Rotwein war so ausgezeichnet wie der Entenbraten, und wie die anderen Male, war aus ihrem guten Vorsatz, eine Mitternachtsmesse zu besuchen, aus Gründen, die ich der Phantasie des Lesers überlassen möchte, nichts geworden.
Am ersten Feiertag war Rosenbach in die Familie seines Patenkindes eingeladen worden – schon zum Mittagessen, und dann das volle Programm. Der kleine Albert (französisch auszusprechen!) war ein prachtvoller Junge und freute sich unbändig, wenn Rosenbach zu Besuch kam.
Und nun also Rosenbachs alter Schulfreund Kutscher.

Nach der Schulzeit hatten die beiden Männer jahrelang kaum Kontakt zueinander gehabt, da Kutscher schon als Student in eine andere Stadt gezogen war. Erst als sie anlässlich einiger kleiner Geschäfte wieder miteinander in Verbindung kamen, erfuhr Rosenbach, dass Kutscher ähnlich erfolgreich wie er selbst gewesen war – zumindest, was das Geschäftliche anging. Privat hatte er eher einigen Schiffbruch erlitten: Scheidung, ein halbwüchsiger Sohn, der ihm einige Sorgen bereitete … Vor drei Monaten hatte Kutscher sich einer Meniskusoperation unterziehen müssen, und dies war auch der Grund, warum er Weihnachten nicht wie sonst in den Alpen verbrachte, sondern Verwandte hier in der Stadt besuchte. Nach der geseufzten Überleitung, dabei sei doch nichts schwerer zu ertragen, als eine Reihe von Feiertagen, hatte er Rosenbach gefragt, ob man sich am zweiten Feiertag nicht treffen könne, in seinem Hotel, zu einem kleineren Essen und größeren Schluck an der Bar. Selbstverständlich lade er ein. Rosenbach hatte kurz protestiert und dann nachgegeben, weil ihm eine Idee gekommen war. Und jetzt, als er eben das Hotel betrat, in dem Kutscher abgestiegen war, frohlockte Rosenbach regelrecht.

Er entdeckte seinen alten Schulfreund auch gleich im Restaurant des Hotels an einem Fenstertisch. Sie begrüßten einander, wie es Männer tun, wenn ihnen ein Umarmung übertrieben und ein bloßer Händedruck zu förmlich erscheint, und beide keine Neigung zu jovialen Gesten haben: ein wenig unbeholfen. Die Verlegenheit war jedoch schon verflogen, als sie sich setzen. Rosenbach, der sich plötzlich lebhaft daran erinnerte, wie angenehm ihm Kutschers Erscheinung und Art schon in der Jugend gewesen waren, bedauerte einerseits, dass sie nicht über die Jahre ihre Freundschaft mehr gepflegt hatten, kannte aber auch den Grund, der es von Anfang an verhindert hatte, dass sie so etwas wie beste Freunde wurden: Kutschers radikalen Realismus, der einem jede Illusion, jeden Traum und jede Schwärmerei verleidete. Die angenehme Seite daran war, dass Kutscher jegliches Selbstmitleid ebenso fremd war. Rosenbach musste nicht auf der Hut sein, das Tischgespräch weder auf Kutschers Ehe, noch auf dessen Sohn kommen zu lassen. Letztendlich sprachen sie aber doch eher darüber, wie sie beide die Weihnachtstage verbracht hatten, und Kutscher lästerte nicht schlecht, über seinen Cousin, der verkleidet am Heiligabend bei Kutschers Bruder und Schwägerin aufgetreten war, um den Neffen fast zum Heulen zu bringen. Der glaubte mit seinen sieben Jahren scheinbar wirklich noch an den Weihnachtsmann. Etwas, worüber Kutscher nur den Kopf schütteln konnte.

„Ich glaube, ich habe länger an den Weihnachtsmann geglaubt, als irgendwer aus unserer Klasse, bestimmt bis ich zwölf war“, sagte Rosenbach und versuchte, sich sein Vergnügen nicht anmerken zu lassen.
Kutscher enttäuschte ihn nicht. Wie erwartet, entglitten ihm die Züge zu blanker Fassungslosigkeit. „Das ist nicht wahr, oder? Das hätte ich wissen sollen!“ Er lachte auf.
„Doch, doch“, beteuerte Rosenbach. „Dir hätte ich das natürlich nie gesagt. Übrigens glaubte ich an den Weihnachtsmann, weil meine Tante Regina so steif und fest behauptete, es gäbe nur falsche Weihnachtsmänner.“
„Das verstehe ich nicht“, hakte Kutscher interessiert nach.
„Nun, Tante Regina hatte ihre eigene Art, uns Kinder zu bescheren. Wenn sie zum Familienessen erschien, hatten meine Eltern sicher ihre liebe Not, sich das Lachen zu verhalten. Tante Regina kam nämlich jedes Mal mit einem Sack, den ihr ein falscher Weihnachtsmann unterwegs angedreht hatte. Immer beschrieb sie ihn geradezu grotesk und erzählte die haarsträubendsten Geschichten, wie der Kerl sie bedrängt, beschwatzt oder hereingelegt hatte. Mal war es eine Art Clochard, der ihr den Sack für einen Heiermann verkauft hatte, sich dabei umschauend, als habe er ihn irgendwo geklaut, mal war es ein Chinese, der nur chinesisch sprach aber offenbar nach einem Weg fragte. Schließlich habe er ihr einen zerknitterten Zettel gezeigt, auf dem unsere Adresse stand, und als er ihre Wegbeschreibung nicht kapierte, hatte sie ihm wütend den Sack abgenommen, um ihn selbst abzuliefern. Und einmal sagte sie, der Kerl habe sie gebeten, auf seinen Sack aufzupassen, während er mal aufs Klo … Nach einer halben Stunde hätte sie angefangen, Männer, die aus der Toilette kamen, zu fragen, ob sie da drin einen Weihnachtsmann gesehen hätten. Da habe sie so dämliche Antworten bekommen, dass sie schließlich den Sack einfach mitgenommen habe. Jedenfalls war Tante Reginas Auftritt jedes Weihnachten eine Mordsgaudi. Du hättest sehen sollen, was das manchmal für Säcke waren! Aber immer enthielten sie wunderbarerweise Geschenke, die wir uns gewünscht hatten, oder die eine freudige Überraschung waren. So blieb in mir eine Hoffnung, dass Tante Regina dem echten Weihnachtsmann begegnet war – aller Vernunft zum Trotz. Viel später erst wusste ich, was für eine begnadete Schauspielerin meine Tante abgegeben hätte. Es sei denn, dass sie doch …“
„Hör auf!“ sagte Kutscher und lachte. „Aber, weiß Gott, deine Tante hätte mir gefallen, glaube ich. Da fällt mir aber eine kleine Sache ein, die mir vorgestern passiert ist, als ich von der Heiligabendfeier bei meinem Bruder ins Hotel zurückkam. Ich wollte gleich auf mein Zimmer, aber der Concierge hatte eine Nachricht von Dir für mich. Du hattest ja angerufen, um zu sagen, du würdest unsere Verabredung gerne um eine halbe Stunde verschieben. Und als ich dann zum Fahrstuhl ging, kam aus der Bar ein Weihnachtsmann. Er schien einer von der besseren Sorte zu sein, mit echtem Bart und in einem schönen Mantel. Sonst hätte man ihn hier auch kaum hereingelassen, denke ich. Sein Feierabendschlückchen muss er aber doch nötig gehabt zu haben. Mein Eindruck war, er hatte einen Kleinen zu sitzen. Und weil er im Gehen plötzlich anfing, seinen leeren Sack zu schütteln, zu betasten und schließlich darin herumzukramen, hätte er mich fast über den Haufen gerannt. ‚Hoppla!’ sagte ich, und in eben dem Moment holte er ein kleines Päckchen heraus, schaute wütend darauf, brubbelte etwas von vergessen und, dass er das nicht wieder mitnehmen will, und drückte es mir dann einfach in die Hand. Ich war so verdutzt, dass ich gar nichts sagen konnte. Da schwankte er schon durch die Drehtür nach draußen.“
„Und was war drin? Oder hast du es etwa an der Rezeption abgegeben?“ fragte Rosenbach.
Kutscher schien etwas verlegen. „Das hätte ich vielleicht tun sollen, aber ich habe es mit aufs Zimmer genommen und ausgepackt. Und an dem Punkt wird die Geschichte fast unheimlich. Weißt du, was drin war?“
„Wie sollte ich?“ fragte Rosenbach erstaunt.
Kutscher, der damit auch nicht gerechnet hatte, lächelte fast verträumt, als er weiter erzählte. „Kleine Menschen. Ich meine diese Figürchen, die man bei einer elektrischen Eisenbahn auf die Bahnhöfe stellen kann. Du erinnerst dich vielleicht, dass ich damals eine elektrische Eisenbahn hatte.“
„Natürlich erinnere ich mich“, sagte Rosenbach. „Ich habe dich darum beneidet.“
„Hab ich dir mal erzählt, dass ich mir diese kleinen Figuren mehr gewünscht habe, als immer noch eine Lokomotive, und noch eine Weiche und noch eine Signalanlage?“
Rosenbach schüttelte den Kopf. „Nicht dass ich mich erinnern könnte.“
„Wäre mir wahrscheinlich auch albern vorgekommen. Aber es war so. Und als ich vorgestern die kleine Schachtel aufmachte, tat mir der Junge leid, dem dieser Weihnachtsmann sie hätte bringen sollen. Ich hab’ sie mir bestimmt eine halbe Stunde lang angeschaut. Die Eisenbahn hat später dann mein Sohn bekommen. Der hat sie vor zwei Jahren ohne mein Wissen verkauft. Hat ihm eben nichts bedeutet. Er spielte ja schon lange nicht mehr damit.“
„Und was machst Du jetzt mit den Figuren?“ fragte Rosenbach, nachdem er sich geräuspert hatte. Die Geschichte ging ihm ein bisschen an die Nieren, während Kutscher selbst darüber sprach, als wäre es das Normalste von der Welt. Jedenfalls lächelte er, als er sagte: „Ich behalte sie natürlich. Wenn man in meinem Alter ein Geschenk vom Weihnachtsmann bekommt, auch wenn mit ein paar Jahren Verspätung, dann sollte man es wohl in Ehren halten.“
„Guter Gedanke“, sagte Rosenbach und nach einem Blick auf die leergegessenen Teller: „Wo der alte Knabe seinen einzigen Arbeitstag im Jahr hat ausklingen lassen, sollte es auch für uns was Anständiges zu trinken geben. Das dann aber auf meine Rechnung.“

© Christa Hartwig

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