Als ich noch auf die Grundschule ging, spielte wir – d.h. wenn ich mich richtig erinnere, bedeutet wir in diesem Fall: wir Mädchen – häufig „Misthaufen“.
Es ist das Spiel, das Barbara in Kapitel 59 von „Leben mit Martin“ erwähnt.
Obwohl es bis heute nicht ganz in Vergessenheit geraten ist, scheint es sich nicht mehr derselben Popularität zu erfreuen, so daß WIKIPEDIA nur drei Definitionen für „Misthaufen“ anbietet: den Lagerplatz von Mist, einen 2.436 m hohen Berg in Vorarlberg und eine österreichische Band dieses Namens.

Wir kleinen Mädchen spielten „Misthaufen“ zu zweit und nach den folgenden Regeln:
Eine von uns schrieb Zahlen (üblicherweise von 1-20) kreuz und quer auf ein Blatt Papier. Die Andere suchte die Eins, überkrakelte sie mit dem Bleistift und machte so den ersten Misthaufen. Dann war die Mitspielerin an der Reihe und zog mit dem Bleistift eine Linie vom ersten Misthaufen zur Zwei, die nun ebenfalls überkrakelt und zum zweiten Misthaufen wurde. So ging es im Wechsel weiter. Dabei durften die gezogenen Linien keine andere Linie berühren und keine noch nicht erreichte Zahl durchkreuzen. „Durchfahren“ durfte man nur bereits bestehende Misthaufen. Je länger das Spiel dauerte, um so schwieriger wurde es. Ein gut gespitzter Bleistift und eine ruhige Hand waren von Vorteil, denn wer zuerst gegen die Regeln verstieß (dazu gehörte auch das Auslassen einer Zahl), hatte verloren. Und weil wir es der Mitspielerin manchmal besonders schwermachen wollten, steuerten wir von Anfang an die nächste Zahl auf möglichst verschlungenen Wegen an, dabei uns selbst freilich auch „einen auf die Schiene nagelnd“, und so hatte der naiv anmutende Zeitvertreib durchaus eine philosophische Komponente.

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Übrigens ist Barbaras Behauptung, sie habe ähnliche Zeichnungen einmal in einer Galerie gesehen, nicht aus der Luft gegriffen.

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