„Na, los! Schreib es doch endlich hin, daß ich dich verführerisch anlächle“, sagt er, wirft mir dabei aber nur einen kurzen Blick zu. Seit einer halben Stunde sitzt er nun schon in meinem Lieblingssessel, natürlich ohne mich gefragt zu haben, und zappt durch die Fernsehprogramme. Es langweilt ihn, wenn ich am Ausdruck feile. Er möchte, daß es vorangeht mit uns. Er will endlich zur Sache kommen, aber da wird er sich etwas gedulden müssen.
„Nein“, sage ich nur und starre weiter auf den Bildschirm. Der letzte unvollständige Satz, den ich vor einer halben Stunde geschrieben habe, lautet: Ramón beugte sich vor, schaute mir in die Augen und lächelte… …


Als ich es hinschrieb, hatte Ramón mir gegenüber gesessen, sich vorgebeugt und gelächelt. Wenn etwas passiert, weicht er mir nicht von der Seite. Und ich war drauf und dran, tatsächlich zu schreiben: verführerisch. Aber ich konnte mich gerade noch beherrschen. Aus der Ich-Erzählperspektive mag Ramóns Lächeln ja verführerisch sein, mein wahres Ich aber durchschaut ihn. Mein wahres Ich würde schreiben: …in die Augen und setzte sein verführerisches Lächeln auf. Denn nichts anderes tut er! Ich wette, er hat es stundenlang vor dem Spiegel geübt und immer wieder ausprobiert, bis er es genauso hinbekam, wie er sich einbildet, daß ein Lächeln sein müsse, damit jede Frau es verführerisch findet. Als diejenige, die Ramón erfunden hat, müßte ich wissen, ob es tatsächlich so ist. Es spielt aber keine Rolle. Entscheidend ist, daß ich Ramóns Charakter kenne, und er mir deshalb nichts vormachen kann. Daß er das Lächeln nur aufsetzt, kann ich trotzdem nicht schreiben. Ich würde Ramón dadurch im wahrsten Sinne des Wortes demaskieren. Silke, die so tut, als wäre sie ich (oder umgekehrt) würde noch darauf hereinfallen, die geneigte Leserin aber nicht mehr. „Aha!“ würde sie sagen. „Ein Verführer, der eigennützige, wenn nicht gar böse Absichten verfolgt.“
Wie soll denn bitte die geneigte Leserin sich mit einer Silke identifizieren, die soviel blöder ist als sie selbst? Bei der geneigten Leserin setze ich voraus, daß sie auf Verführung genauso allergisch reagiert wie ich. Schon die Vorsilbe besagt doch, daß hier jemand ver- also in die Irre geführt werden soll. Er soll etwas glauben oder tun, was er bei klarem Verstand niemals glauben oder tun würde.

Wäre ich boshaft, würde ich sagen: Es gibt zwei Sorten von Männern, solche, die verführen wollen, und solche, die verführt werden wollen. Die zweite Sorte ist um keinen Deut besser als die erste. Die Geschichte von Eva und dem Apfel reiben sie uns bis heute unter die Nase, diese Weicheier! Für nichts wollen sie die Verantwortung übernehmen. Ein böses Weib hat sie verführt, schwach gemacht, um den Verstand gebracht, was weiß ich! Aber das wäre nicht nur boshaft, es wäre auch gelogen. Es gibt sehr wohl auch andere Männer, ein paar jedenfalls. Ramón aber gehört ganz eindeutig zur ersten Sorte. Ich muß es ja wissen. Silke und die geneigte Leserin sollen frühesten ab Seite 120 nach und nach dahinter kommen.

Und überhaupt! Was ist denn verführerisch für ein Attribut? Wenn ein Mensch verführt werden kann, dann jeder auf eine individuelle Weise. Das verführerische Lächeln schlechthin kann es also gar nicht geben. Auch Essen kann nicht verführerisch duften. Wer gerade zuviel gegessen hat, findet Essensgerüche nicht verführerisch, und man muß schon sehr hungrig sein, um jeden Essensgeruch verführerisch zu finden. Allerdings bedarf es in dem Fall gar keiner Verführung mehr. – Man sollte daß Wort verführerisch überhaupt nicht verwenden! Morgen nehme ich mir meine sämtlichen Texte vor, suche verführerisch und ersetzte es durch …… Oder ich ersetze es nicht, sondern lösche es einfach. Und hier schreibe ich es gar nicht erst hin. Ramón beugte sich vor, schaute mir in die Augen und lächelte. Punkt.

Ich lese ihm den Satz vor, einschließlich Punkt. Ramón schaut mich ungläubig an, legt dann die Stirn in Falten und schüttelt den Kopf. Endlich bequemt er sich aus meinem Sessel und setzt sich wieder mir gegenüber auf den Stuhl.
„Hör mal“, sagt er, „das kannst du nicht machen. Ich meine, das wirkt doch nicht überzeugend. Warum solltest du …… Also, wie sollte es denn zu dem kommen, wozu es hoffentlich kommt, wenn ich nicht verführerisch lächle?“
„Du lächelst nun mal nicht verführerisch“, sage ich kühl.
„Wie?“ fragt er mißtrauische. „Meinst du, ich tue es tatsächlich nicht, oder nur, daß du es nicht schreibst?“
„Sowohl als auch“, sage ich. „Du tust es nicht, und ich schreibe es nicht.“
Meine Entschlossenheit scheint ihn wirklich zu verunsichern. Das will etwas heißen. Darauf könnte ich mir fast was einbilden. Andererseits muß ich Ramón bei Laune halten. Ich brauche ihn noch eine Weile.
„Damit wollte ich nicht sagen, daß du Silke mit deinem Lächeln nicht verführst“, sage ich und bereue es gleich wieder, denn sofort blitzt in Ramóns Augen diese Selbstgefälligkeit erneut auf.
„Dann verstehe ich nicht, warum du es nicht einfach so beschreibst, wie es nun mal ist“, sagt er.
„Weil es nur Silke verführerisch erscheint. Weil Silke mit Blindheit geschlagen sein muß. Objektiv betrachtet ist dein Lächeln keineswegs verführerisch. Mich würdest du damit nicht herumkriegen.“
„Ach, nein?“ fragt er und entblödet sich nicht, mir dieses Lächeln entgegenzuhalten.
„Nein“, sage ich, und weil er nicht aufhört, zu grinsen: „Ramón, hör zu. Du magst ja bei Silke und einigen anderen Frauen Erfolg damit haben, aber ein Lächeln, daß dazu geeignet ist, auf immer und ewig in der Erinnerung einer Frau weiter zu lächeln, ein Lächeln, für das sie sterben würde, das bekommst du nicht hin, egal wie oft und wie lange du es übst. Dazu fehlen dir ganz entscheidende Charaktereigenschaften. Ein Lächeln, das wirklich aus der Seele kommt, das so rein ist wie das Lächeln eines Kindes aber im Gesicht eines Mannes, das ……“ Wozu ihm erklären, was er ohnehin nicht begreifen wird? „Silke hat das Pech, daß sie ein solches Lächeln noch nie im Gesicht eines Mannes gesehen hat. Wäre es anders, könntest du sie anlächeln, bis du einen Krampf bekommst.“
Ramón hört endlich auf zu lächeln. Oh, oh, oh! Jetzt ist er sauer. Eine Romanfigur, die sauer auf den Autor ist, macht nur Scherereien. Ich muß unbedingt etwas Nettes sagen.
„Hör mal, Ramón, mach dir nichts draus. So, wie ich es gerade beschrieben habe, können wirklich nur sehr wenige Männer lächeln, und sie tun es auch nur selten. Verzichte auf die paar Frauen, die mit dem Bild eines solchen Lächelns im Herzen herumlaufen, und lächle die anderen an. Es funktioniert doch.“
„Es funktioniert?“ Schon ist er wieder obenauf.
„Bei Silke funktioniert es“, sage ich.
„Du meinst, du und ich werden ……“
„Silke und du werden“, verbessere ich ihn.
„Ich sage das ja nur so, damit Du dich nicht in der Erzählperspektive vertust“, entschuldigt er sich.
„Ich werde mich schon nicht vertun. Aber wenn es dich beruhigt: Du und ich werden.“
„Dann ist mein Lächeln also doch verführerisch.“
„Nein! Du lächelst. Punkt!“
„Könntest du dann nicht wenigstens die Grübchen in meinen Mundwinkeln noch mal erwähnen?“
Als ob ich es nicht geahnt hätte, daß er auf so etwas kommt!
„Diese Grübchen habe ich einmal erwähnt. Das genügt.“
„Darüber, daß ich gut aussehe, hast du auch nicht viel geschrieben.“
Ich erkläre es ihm noch einmal: „Ich habe geschrieben, daß die beiden attraktiven Frauen an der Hotelrezeption sich gegenseitig fast umrennen, weil beide dich bedienen möchten. Ich habe beschrieben, wie du in den Spiegel schaust und mit deinem Aussehen zufrieden bist. Ich habe geschrieben, daß Mrs. Elderman, kaum daß du das Restaurant betreten hast, und während du dich nach einem freien Tisch umschaust, die Beine graziös übereinander schlägt, ihr tizianrotes Haar über die Schultern zurückwirft und ein perlendes Lachen von sich gibt, ohne daß Mr. Elderman etwas Witziges gesagt hätte. Silke ist die schöne Gattin eines wohlhabenden Mannes. Wie viele Indizien, glaubst du, braucht die geneigte Leserin noch, um zu dem Schluß zu gelangen, daß du ein sehr gutaussehender Mann bist?“
„Ich möchte ja nur, daß du es ein einziges Mal zugibst“, beharrt er.
„Schön. Ich gebe es zu. Jetzt und unter uns. Aber ich werde es nicht schreiben. Wenn du willst, daß auf jeder zweiten Seite steht, wie gut du aussiehst, dann suchst du dir für dein nächstes Engagement besser eine Autorin, die Romanheftchen schreibt.“
Die Drohung scheint zu wirken. „Also, gut“, sagt Ramón. „Erklär mir jetzt bitte, wie ich dich verführe, wenn ich nicht verführerisch lächeln darf.“
„Das wirst du gleich sehen“, sage ich und fange an zu tippen.

Ramón beugte sich vor, schaute mir in die Augen und lächelte. Das Braun seiner Iris erinnerte mich an dunklen Bernstein, in den etwas eingeschlossen war, das auf rätselhafte Weise noch zu leben schien. Und obwohl ich wußte, daß es nur am Kerzenlicht lag, ließ ich es doch zu, daß er unter dem Tisch nach meiner Hand griff und sie sanft aber unnachgiebig zu sich hinüber zog, bis er sie schließlich auf seinem Schenkel festhielt. War es meine Hand, die glühte, oder seine Haut unter dem Stoff der Hose?

„Die Augen hast du gut beschrieben“, lobt mich Ramón. „Sehr gut. Das gefällt mir. Also, wenn mein Lächeln diese Wirkung hat, soll es mir recht sein, wenn du nicht ausdrücklich darauf hinweist, daß es verführerisch ist. Schreib weiter!“
„Morgen“, sage ich.
„Morgen? Warum denn erst morgen? Wir kommen doch gerade so schön in Fahrt.“
„Abwarten, wie sehr und wie schön wir in Fahrt kommen. Mach dir jedenfalls keine Hoffnungen, daß du deine heißen Lippen auf mein bebendes Fleisch…“ …
Um mitlesen zu können, war Ramón aufgestanden und hinter meinen Stuhl getreten. Jetzt streichelt er über meinen Arm. Seine Finger wandern zu meinem Nacken.
„Es würde mir aber gefallen, meine heißen Lippen auf dein bebendes Fleisch…“ …
„Wenn ich bebendes Fleisch lese, soll ich dir mal sagen, was ich dann vor meinem geistigen Auge sehe?“ frage ich.
„Sag es“ fordert er mich mit rauher Stimme auf.
„Ein zu fettes Eisbein auf einem Teller, während auf der Straße ein Schwertransporter vorbeifährt.“
„Das ist aber keine sehr erotische Vorstellung“, beschwert sich Ramón.
„Das ist überhaupt keine erotische Vorstellung“, stimme ich ihm zu. „Das ist sogar sehr ernüchternd. Und deswegen wird auch morgen kein Fleisch beben, soviel steht fest. Und für heute ist es genug.“
Ich schließe die Datei und fahre den Computer herunter.
Das Gute an Ramón ist, daß er verschwindet, spätestens wenn der Bildschirm dunkel wird.
Seien wir mal ehrlich: Er hat einen Körper wie ein Gott, aber sein literarischer Geschmack …… Da lese ich doch lieber ein gutes Buch.

© Christa Hartwig

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