Über David Carkeet’s in diesem Jahr erschienenen Roman “From Away” schreibt der amerikanische Schriftsteller und Journalist Carl Hiaasen: ““Anyone who doesn’t laugh out loud at David Carkeet’s writing needs to have their pulse checked. He’s a very clever fellow, and this is a deftly funny book.“ (Jeder, der nicht schallend über David Carkeet’s Schreibe lacht, sollte seinen Puls messen lassen. Er ist ein sehr kluger Bursche, und dies ist ein genial komisches Buch.)

Ein „bißchen“ hinter der Zeit zurück, wie ich es manchmal bin, habe ich aber gerade „Die ganze Katastrophe“ gelesen, bereits 1990 erschienen (1992 zum ersten Mal in deutscher Übersetzung). Über diesen Roman sagte Helga Klinger im süddeutschen Rundfunk: „Wiedererkennungseffekte für alle Ehepaare bewußt einplanend – setzt sich David Carkeet mit dem schiefhängenden Ehesegen auseinander, daß Leser und Leserinnen schon längst befreiend auflachen, bevor es die beiden Streithähne merken.“

Irgendwas stimmt nicht mit meinem Puls. Nein, ich bin nicht tot. Ich würde sogar sagen, daß mein Pulsschlag beim Lesen leicht erhöht war, so anteilnehmend hoffte ich, daß dieses Paar es schaffen würde, seine Ehe zu retten. Nur sah es eben danach aus, als würde genau das nicht der Fall sein.

Seinen Titel bezieht der Roman aus dem Film „Alexis Sorbas“, genauer: aus der Szene, in der Sorbas und der junge Ingenieur auf dem Schiff sind und Sorbas, gefragt, ob er verheiratet sei, antwortet: „Bin ich denn kein Mann? Und sind Männer nicht dumm? Ich bin ein Mann, also bin ich verheiratet, Frau, Kinder, Haus -– alles. Die ganze Katastrophe.“ – Die Protagonisten des Romans sehen sich den Film gemeinsam an, und an dieser Stelle lacht Dan, bemerkt, daß Beth ganz entschieden nicht lacht, und es entwickelt sich eine der zahllosen Auseinandersetzungen.

Carkeet, der selbst jahrelang Linguistik an der Universität von Missouri-St. Louis gelehrt hat, schafft eine höchst ungewöhnliche, ja, skurrile Situation. Seine Hauptfigur Jeremy Cook, ein Linguisten, verliert seine Stelle beim Wabash Institute, „einer Einrichtung für sprachwissenschaftliche Forschungen, die einem Kindertagesheim angegliedert war“. Cook bewirbt sich bei der höchst dubios erscheinenden Hammer-Agentur als eine Art linguistischer Eheberater und nimmmt in dieser Eigenschaft vorübergehend Quartier bei den Wilsons – Dan, Beth und ihr zehnjähriger Sohn Robbie.

Roy Hammer, Cooks leicht irre erscheinender Chef, hat behauptet, in jeder Ehe, also auch in der der Wilsons, gäbe es einen Horror. „Der Horror“ nennt Cook dann auch einen Zettel, auf dem er jedes Mal eine Notiz macht, wenn er meint, den inneren Horror in der Ehe der Wilsons ausgemacht zu haben:

Sie ist eine Zicke.
Er ist ein Macker.
Geld.
Er ist ein Versager.
Sie hält ihn für einen Versager.
Er hält sie für eine schlechte Mutter.
Die Schwiegereltern.
Dan.

Der Mann.

Schon die Liste zeigt, wie widersprüchlich die Schlüsse sind, zu denen das Miterleben von alltäglichen Situationen Cook kommen läßt. Und auch die letzte Notiz wird Jeremy Cook durchstreichen müssen.

Dan zog sich sein T-Shirt aus und nickte zufrieden. Er warf sich das Hemd über die Schulter. „Wissen Sie, Jeremy, wenn man so kleine Dinge in den Griff kriegen kann, dann schafft man es auch, eine Beziehung wieder in Ordnung zu bringen. Es sind nicht die großen Dinge, die eine Beziehung kaputtmachen, sondern ein Haufen kleiner Sachen.“ Er ging zur Treppe.
„Was war heute los?“ fragte Cook und folgte ihm. „Ihre Stimmung hat sich völlig verändert. Heute morgen waren Sie noch am Boden zerstört.“
„Ja“, sagte Dan triumphierend. „Da haben Sie ganz recht.“ Als er den Treppenabsatz im zweiten Stock erreicht hatte, blieb er stehen, sah Cook an und reckte die Brust heraus. „Ich bin auf ein paar neue Gedanken über Beziehungen gestoßen. Da ist einmal meine ‚Parallele-Linien’-Theorie. Sie besagt, daß eine Beziehung im Grunde eine Koexistenz ist. Zwei Leute wohnen unter einem Dach und tun, was sie eben tun wollen. Mehr muß gar nicht dabei sein. Aber wenn es Probleme gibt, muß einer von beiden nett sein, damit die Probleme wieder verschwinden. Dann sind wir bei meiner ‚Sei nett’-Theorie. Manchmal muß einer der beiden Partner netter sein als der andere, vielleicht doppelt oder dreimal so nett. Wenn der Faktor zehn erreicht ist, kommt meine ‚Friß Scheiße’-Theorie zum Zuge.“ Dan hatte ganz ruhig angefangen, sich aber nach und nach in Rage geredet. Er hielt inne und atmete tief durch.
„Ich bin den ganzen Tag nett gewesen“, fuhr er fort. „Ich habe den ganzen Tag Scheiße gefressen. Jeder vernünftige Mann würde mir gratulieren. Er machte eine ausladende Bewegung mit dem Arm, als spräche er zu einer Versammlung vernünftiger Männer. Wie er da auf dem Treppenabsatz stand, das T-Shirt lose über die Schulter geworfen, erinnerte er entfernt an einen römischen Senator, der eine Rede hielt. „Vernünftige Männer würden sagen: ‚Dan arbeitet an seiner Ehe. Dan rettet seine Ehe.’ Ich fühle mich gut. Scheiße fressen macht, daß man sich gut fühlt. Ich fühle mich im Augenblick verdammt zivilisiert.“ Bevor Cook etwas antworten konnte, drehte Dan sich um und verschwand im Badezimmer.

Daß Dans Theorie nicht die Lösung aller Probleme sind, läßt sich denken, und da wir uns hier bereits auf Seite 355 von 447 befinden, schwand meine Hoffnung zusehends. Es brauchte einige dramatische Höhepunkte mehr, um das Blatt zu wenden. Vor allem aber brauchte es einen Linguisten. Und auch der bewirkte das Wunder nur, weil sein verrückter Arbeitgeber ihm hanebüchene Anweisungen erteilte, ihn Dinge tun ließ, die ein guter Freund oder auch nur wohlmeinender Berater von sich aus niemals täte.

So kam das Happyend für mich beinahe enttäuschend, was mich noch mehr ins Grübeln brachte, hatte ich doch auf ein gutes Ende für Dan und Beth so sehr gehofft. Wir glauben eben nicht an Wunder. Wir warten nur auf die Gelegenheit, zu sagen: „Ich habe es gewußt!“ – Wenn ich so um mich schaue, bemerke ich einen akuten Mangel an Linguisten.

David Carkeet
Die ganze Katastrophe
Broschiert: 446 Seiten
Verlag: Diogenes (1994)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3257226802
ISBN-13: 978-3257226805

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