In meinem Roman „Leben mit Martin“ erwähne ich mehrere Bücher, das erste ist „Villa Triste“ von Patrick Modiano. Als Florian Claudine fragt, was von Modiano sie als erstes gelesen habe, und sie antwortet „Villa Triste“, ist es, „als hätte sie ein Zauberwort ausgesprochen“.
An dieser Stelle, wie an einigen anderen auch, ist in diesen keineswegs autobiographischen Roman, eine persönliche Reminiszenz eingeflossen. Neben Christiane Rocheforts „Les petits enfants du siècle“ (1961) gehörte „Villa Triste“ (1975) zu den ersten Romanen, die ich selbst auf französisch gelesen habe. Beide Bücher waren mir in der Librairie Française, die damals noch am Kurfürstendamm, zusammen mit dem Cinema Paris im Maison de France angesiedelt war, als „relativ leichtverständlich“ empfohlen worden. Weniger beachtet als „La Place de l´Etoile“, der Roman, mit dem der damals dreiundzwanzigjährige Franzose 1968 Aufsehen erregt hatte, berührte mich die in den 60er Jahren spielende Geschichte des sehr jungen Victor Chmara dennoch sehr. Victor glaubt sich von einer drohenden Gefahr umzingelt, flieht in eine kleine Stadt an einem See, an dessen gegenüberliegendem Ufer die vermeintlich sichere Schweiz liegt, und begegnet hier seltsamen Zeitgenossen, vor allem einem Doktor mit dem Spitznamen „Königin Astrid“ und dessen ständiger Begleiterin Yvonne und deren deutscher Dogge. Auch sie scheinen auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu sein. – Ich habe mir das Buch, das ich nicht mehr besaß, gerade wieder gekauft und bin gespannt, ob es mir ebenso gefällt wie vor über dreißig Jahren… und ob ich es in Anbetracht meiner versandeten Französischkenntnisse noch immer „leichtverständlich“ finden werde. Es meinen eine Generation jüngeren Protagonisten als frühe Lektüre „in die Hände zu legen“, habe ich mir herausgenommen, einfach weil ich das bei meinen Kindern auch getan hätte.

Jacques Préverts Textsammlung „Paroles“ erschien zum ersten Mal 1949. Da galt der französische Autor bereits als Mitbegründer des Poetischen Realismus. Später wurden viele seiner Gedichte vertont und von Interpreten wie Juliette Gréco und Yves Montand gesungen. Auf Martins Nachttisch, denke ich mir, lag in Kapitel 8 die Ausgabe von 2004 mit Pablo Picassos „Nature mort à la pomme“ auf dem Einband, obwohl mir die von 1972 mit dem Portrait des eine Baskenmütze tragenden Dichters besser gefallen hätte, weil sie es war, die ich mir zur selben Zeit wie „Villa Triste“ zugelegt hatte. Bestellt werden kann die französische Ausgabe bei Amazon.

Über Nooteboom habe ich in meinem Blog schon mehrmals geschrieben, – über seinen Roman „Allerseelen“ noch nicht – bis zu dessen erster Erwähnung in Kapitel 13 von „Leben mit Martin“, als Claudine in eben diesem Buch, von dem sich später herausstellt, dass es nicht Martin sondern seinem Nachbarn Fissler gehört, einen Brief an eine gewisse Libby findet. Es scheint das Buch zu sein, das Martin kurz vor seinem Verschwinden gelesen hat, und ob es in einem Zusammenhang mit Martins Verschwinden steht, und was ihn mit jener Libby verbindet, bleibt vorerst unklar. Klar dagegen wird schon auf der ersten Seite des Romans, was jedem ohnehin klar sein müsste, nämlich dass Autoren, auch Cees Nooteboom, eine natürliche Nähe zu Worten, Büchern und Buchhandlungen haben.

Erst einige Sekunden nachdem Arthur Daane an der Buchhandlung vorbeigegangen war, merkte er, daß sich ein Wort in seinen Gedanken festgehakt hatte und daß er dieses Wort inzwischen bereits in seine eigene Sprache übersetzt hatte, wodurch es sofort ungefährlicher klang als im Deutschen. Er überlegte, ob das durch die letzte Silbe kam, Nis*, Nische, ein merkwürdig kurzes Wort, nicht gemein und scharf wie manche anderen kurzen Wörter, sondern eher beruhigend. Etwas, in dem man sich verbergen konnte oder in dem man etwas Verborgenes fand.

aus Cees Nooteboom: Allerseelen
Sowohl die bei Suhrkamp 1999 erschienene gebundene Ausgabe und Taschenbuchausgabe, als auch die Lizenzausgabe für die Süddeutsche Zeitung aus dem Jahr 2004 können bei Amazon bestellt werden.

Arthur Daane, ein Dokumentarfilmer, befindet sich seit dem Tod seiner Frau und seines Sohnes auf stetiger beruflicher Wanderschaft. Eines Tages begegnet er einer Frau mit „Funkelaugen“ und „Berberkopf“. Im Café Einstein kommt er ihr beim Griff nach der Zeitung „El País“ zuvor und erntet von ihr einen wütenden Blick. Dann aber trifft er sie in der Staatbibliothek wieder… Und vielleicht ist es ja nur diese scheinbare Bestätigung der Behauptung, man würde einander immer zweimal begegnen, die eine inhaltliche Beziehung zwischen Nootebooms Roman und meinem herleiten läßt, wenn man es denn unbedingt möchte.

Der Roman „„Jean-Paul Passets Theorie über das Leben hinter Bergen“, den Claudine gerade übersetzt, und sein Autor Durant allerdings sind Produkte meiner schriftstellerischen Phantasie.

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