Immer wieder einmal geschieht es, daß ich nach einem Buch greife, quasi in Notwehr, weil der Titel mich „anspringt“. So war es auch eher ein Reflex, als ich auf dem Bahnhof vor dem Bücher- und Zeitungskiosk wartete, und „Das Wetter vor 15 Jahren“ mir ins Auge fiel, als hätte es mir dort aufgelauert, um vorgeblich über einen Gedanken in meinem Kopf zu stolpern. Auch der Gedanke lungerte da schon seit ein paar Tagen herum, genauer gesagt, seit dem Tag, an dem ich bei den Korrekturen an meinem Roman angefangen hatte, mich dafür zu interessieren, was für ein Wetter tatsächlich an dem einen oder anderen bestimmten Tag im Spätherbst und frühen Winter 2007 geherrscht hatte. Mein eigenes Blog gab leider wenig her. Vom Sonntagsspaziergang und schwärmenden Marienkäfern abgesehen, praktisch nichts. Und obwohl ich die erste Fassung von „Leben mit Martin“ im Oktober 2007 begann, und die Handlung sich synchron mit der Echtzeit entwickelte, würde ich mich heute nicht mehr dafür verbürgen, daß ich an manchen Tagen vom Schreiben nicht viel zu besessen war, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen, beziehungsweise, daß ich im Schreibfieber und unter Inanspruchnahme mildernder Umstände wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit, mir mein eigenes Wetter geschrieben habe.
Nun prüft kaum ein Leser so etwas nach drei Jahren nach. Wenn ich aber meine Protagonistin an einem ungewöhnlich milden Novembertag einen Spaziergang bei Sonnenschein genießen lasse, während es an jenem Tag tatsächlich ein Blitzeis gab, bei dem sich der ansonsten geneigte Leser einen komplizierten Knöchelbruch zugezogen oder sich die Motohaube seines neues Auto an einem Pflanzkübel eingedellt hat, dann ist damit zu rechnen, daß ihm weder das Datum, noch das Wetter entfallen sind. Und schon haben wir das Malheur! Ein Leser mit unangenehmen Erinnerungen und eine Autorin, die der Schluderei überführt ist.
Und eben da entdeckte ich „Das Wetter vor 15 Jahren“.

Den Gedanken, daß es sich um 15 Jahre alte Wetteraufzeichnungen handeln könnte, verwarf ich sofort wieder. Wer will denn so was lesen? Auch mich hätte das ja nur interessiert, wenn es das Wetter in Berlin und nicht vor fünfzehn, sondern vor drei Jahren gewesen wäre.
Nun lasse ich mich hin und wieder vom ersten Impuls leiten -– übrigens selten zu meinem Schaden. Eher erweist es sich im nachhinein als falsch, wenn ich ihm nicht folge. Gedacht, gekauft!

Literaturbeilage Herr Haas, ich habe lange überlegt, wo ich anfangen soll.
Wolf Haas Ja, ich auch.
Literaturbeilage Im Gegensatz zu Ihnen möchte ich nicht mit dem Ende beginnen, sondern –
Wolf Haas Mit dem Ende beginne ich streng genommen ja auch nicht. Sondern mit dem ersten Kuss.
Literaturbeilage Aber es ist doch ürgendwie das Ergebnis der Geschichte, die Sie erzählen. Oder meinetwegen der Zielpunkt, auf den alles zusteuert. Streng chronologisch gesehen würde das an den Schluss der Geschichte gehören. Ihr Held hat fünfzehn Jahre auf diesen Kuss hingearbeitet. Und am Ende kriegt er ihn endlich. Aber Sie schildern diese Szene nicht am Schluss, sondern ziehen sie an den Anfang vor.
Wolf Haas Ich hätte ein paar Anfänge gehabt, die mir eigentlich besser gefallen haben. Mein Problem war aber weniger der Anfang, also wie fang ich an, sondern wo tu ich den Kuss hin. Man kann ja den nicht hinten, wo er fällig ist sozusagen. Das ist ja unerträglich. Wenn einer fünfzehn Jahre auf einen Kuss gewartet hat, oder wie Sie sagen hingearbeitet, und dann kriegt er ihn, wie will man das beschreiben.
Literaturbeilage Ich hab mich beim Lesen auch mal kurz gefragt, ob der vorgezogene Schluss vielleicht eine Art Kampfansage an die Rezensenten ist.
Wolf Haas So weit kommert‘s no!
Literaturbeilage Autoren beklagen sich ja oft bitter darüber, dass in der Zeitung schon vorab die ganze Handlung verraten wird.
Wolf Haas Deshalb schreib ich keine Krimis mehr. Da stört es ein bißchen, wenn man schon vorher alles weiß. Aber bei normalen Büchern sehe ich es eher als Hilfe. Als Teamarbeit. Klappentext und Kritiker erzählen vorab die Geschichte, und als Autor kann man sich auf das Kleingedruckte konzentrieren.
Literaturbeilage Gut, dann bleiben wir mal beim „Kleingedruckten“, wie sie es nennen. Diesen ersten Kuss zu Beginn des Buches beschreiben sie ja würklich sehr detailliert. Um nicht zu sagen akribisch.
Wolf Haas Streng genommen ist es ja nicht der erste Kuss, sondern der Kuss, bei dem die beiden vor fünfzehn Jahren unterbrochen worden sind.

aus „Das Wetter vor 15 Jahren“
Roman von Wolf Haas
Deutscher Taschenbuch Verlag, September 2008

Der Wiener Schriftsteller Wolf Haas, der für seine Kriminalromane um den Privatdetektiv Brenner mit dem Burgdorfer Krimipreis und dem Literaturpreis der Stadt Wien ausgezeichnet wurde, hat mit „Das Wetter vor 15 Jahren“ eine Liebesgeschichte sehr besonderer Art geschrieben, denn er erzählt sie nicht einfach so, sondern hat sie in die Form eines Interviews gebracht, das Wolf Haas der Literaturbeilage gibt, und in dessen Verlauf die Jugendliebe des aus dem Ruhrpott stammenden Vittorio Kowalski, der Jahr für Jahr mit seinen Eltern den Urlaub in einem österreichischen Bergdorf verbringt, und jener Anni, die immer etwas spürt, wenn Vittorio doch gar nichts spürt, gründlich zerpflückt wird. Als Anni an einem strahlenschönen Tag wieder mal was spürt, nämlich daß ein Wetter kommt, nimmt das Unglück seinen Lauf, und das „ürgendwie“ und „würklich“ der Literaturbeilage läßt uns auch später nicht vergessen, daß Annis Spürterror eigentlich an allem schuld war.

„„Ein virtuoses, irrsinnig komisches Glanzstück““, urteilte die FAZ, und ich lese es mit Genuß und großem Vergnügen. Allen, die nach der Leseprobe den Eindruck haben, meinen Geschmack zu teilen, kann ich das Buch wärmstens empfehlen.

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