Es kann einen ja doch arg ankommen, wenn man feststellt, daß die eigenen Gedanken auch von anderen gedacht werden, und noch ärger, wenn die eigenen Gefühle…
Das treibt einen als Autor(in) dann manchmal dazu, es bei der Formulierung von Gedanken und Beschreibung von Gefühlen an Einmaligkeit nicht fehlen zu lassen und/oder aufzujaulen, wenn ein anderer zu ähnlichen Sprachbildern greift. Allerdings kann man es auch übertreiben. Ich meine, auf die Worte „nie mehr“ hat man eben kein Urheberrecht. Da kann man nicht behaupten, jemand hätte sich an geistigem Eigentum vergriffen. Und ein gefühltes „nie mehr“ ist eben… also, das Gefühl kennt jeder. Diese Einsicht hat mich nicht gehindert, gestern abend beim Lesen zusammenzuzucken.

In der Hotelbar trank sie drei „Lumumba“, Kakao mit Rum, hintereinander, noch im nassen Mantel, den Schirm zwischen den Knien, die Tasche auf dem Schoß, dann fuhr sie im Fahrstuhl nach oben, warf sich in die kühlen Laken ihres Hotelbetts und weinte hemmungslos. Nie wieder würde sie losziehen können wie einst, nie wieder würde sie sich sicher sein können, daß die Männer ihren Verführungskünsten erliegen würden, nie wieder würde sie in den Genuß heißer Küsse und aufgeregt geflüsterter Worte kommen. Nie wieder, schrie die Stimme in ihrem Ohr, die sie vergebens mit dem Hotelzimmerkissen zu ersticken suchte. Die Stimme schrie noch lauter und lachte häßlich, was für eine abgetakelte, eingebildete Schabracke du bist, du hast nicht einmal gemerkt, wie es um dich steht. Hast immer nur die anderen angestarrt! Den Verfall der anderen! Nun guck doch mal deine eigene Haut an! Wie sie weich geworden ist, ja, guck deine Orangenhaut an und deine grauen Haare! Und Eva. Die immer sehr gründlich war, heulte über ihr Leben und alles, was sie falsch gemacht hatte, und alle Männer, die sie so schrecklich geliebt und dann doch verlassen hatte, denn, das muß man der Aufrichtigkeit halber erwähnen, meistens war sie es gewesen, die weggerannt war. Und das war nun die Strafe für die Wegrennerei! Sie hatte ihr Leben schon zu Ende gelebt. Sie war eine Mama und für die Kinder da und sonst war nix mehr los in ihrem dem Alter und Verfall preisgegebenen Leben! Denn neben der wilden Eva von Munch, da stand der Tod, ganz dicht, er saß ihr praktisch schon in den Knochen, und wie die Eva auf dem Bild hatte sie selbst den Zenit überschritten. Das sagte doch das Bild! Kaum biste da, isses vorbei! Es war vorbei! Alles!

Aus „Kleine Geschichte von der Frau die nicht treu sein konnte“
Roman von Tanja Langer
erschienen 2008 bei dtv

So… und obwohl da nicht „nie mehr“, sondern „nie wieder“ wiederholt wird, dachte ich beim Lesen sofort an meinen „Niemehrwolf“. Dabei hatte ich das Buch nur deshalb noch nicht wieder in die neuerdings neben dem Verwaltungseingang stehende Büchergrabbelkiste zurückgepackt, weil es so herzlich wenig mit mir zu tun hat, denn im Gegensatz zu der „Frau, die nicht treu sein konnte“, bin ich von Natur aus mit einem Gen geschlagen, daß es mir praktisch unmöglich macht, untreu zu sein. Okay, weglaufen konnte ich. Aber das habe ich immer gemacht, bevor ich untreu wurde, weshalb ich eben doch nicht untreu wurde. Und ich fürchte, inzwischen kann ich schon nicht mal mehr weglaufen.
Ich habe das Buch auch deshalb weitergelesen, weil es so herzlich wenig mit dem zu tun hat, was ich gerade schreibe. Wenn ich schreibe, darf ich zum Beispiel nicht die von mir wegen ihrer literarischen Qualität meistverehrten Schriftsteller lesen, weil ich mein eigenes Geschreibe dann ganz fürchterlich finde. Ich darf auch nichts lesen, was in so einem ansteckenden Stil geschrieben ist. Das wäre wie Eugen Roth lesen, wenn ich Gedichte schreiben möchte. Es würden lauter Eugen Roth-Plagiate dabei herauskommen. Und ich darf auch nichts lesen, was mich völlig mit meiner eigenen Geschichte durcheinanderbringt. Da war dieses Kuddelmuddel von zwei Ehepaaren – lassen wir die Nebenlieben mal beiseite! – bei denen ich mich anfangs kaum zurechtgefunden habe, ob Eva mit Ludwig oder mit Stefan verheiratet ist, und ob es Sibylle war, die früher mal was mit Stefan hatte, oder Eva mit Ludwig, und welche Kinder zu welchem Paar gehören, genau richtig. Die sind alle schon so beschäftigt, daß sie sich nicht auch noch in meinen Text schleichen. Und dann kommt mir diese treulose Eva mit ihrem „nie wieder“!
Aber warum rege ich mich auf? Sowohl Tanja Langer als auch ihre Protagonistin können mir senioritätsmäßig nicht das Wasser reichen. Was geht mich das „nie wieder“ von Frauen in den Vierzigern an, die am Regenschirm rubbeln und darüber verzweifeln, daß nichts passiert? Mein Niemehrwolf beschleicht eine Frau, die das selbstmitleidige Gejammer nach dem ersten Kauf einer Creme für die reife Haut längst hinter sich gelassen hat. Das Nicht-alt-werden-Wollen ist ein Schmarren im Vergleich zum Nicht-alt-sein-Wollen! Das kennen die doch höchstens vom Hörensagen, und vielleicht nicht mal das, weil Mütter ja gerne so tun, als wäre das Alter ein Lorbeerkissen, auf dem man dann verdientermaßen thront, wenn man es mal dahin geschafft hat. In Wirklichkeit ist es eher ein Luftkissen, aus dem so langsam die Luft entweicht. Und da hilft dann nur pumpen, pumpen, pumpen…

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