Die Prägung, die eine kindliche Seele durch Werbung erfährt, sollte man nicht unterschätzen. Aber vielleicht ist ja ganz viel Werbung weniger prägend als hier und da mal ein Slogan. Das würde bedeuten, daß kindliche Seelen des 21. Jahrhunderts so durch Werbung „geprägt“ werden, als würde man Kupfer hämmern. Um die Mitte des 20. Jahnhunderts war das noch anders. Daß Weiß von Persil leuchtet bis heute in meiner Erinnerung. Die Paech-Brot-Reime aus der Straßenbahn kenne ich nach wie vor auswendig, und am allergenauesten weiß ich, daß ein Gewitter die Lüfte reinigt.
„Die Lüfte reinigt das Gewitter – Die Kleider reinigt Emil Schnitter“ stand über einer Chemischen Reinigung am U-Bahnhof Neukölln und verband sich aufs Innigste mit meinen kindlichen Gewittererfahrungen, und die waren heftig.

Ich erwähnte es vielleicht schon, und wenn nicht, erwähne ich es jetzt, daß wir in meiner Kindheit im Sommer regelmäßig die Sonntage am Wannsee verbrachten, und nicht selten zog an solchen Sonntagen ein Gewitter auf. Gewitter über dem Wannsee haben etwas Dramatisches, was durch die Lautsprecherdurchsagen, die vom Strandbad herüberwehten, alle mögen sofort das Wasser verlassen, untermalt wurde wie die gefilmte Feindfahrt eines Kriegsschiffes durch die passende Musik. Mit Decken, Badetüchern, Ballnetzen, Kofferradio und Picknicktaschen rannten wir den schlackebestreuten Weg hinauf, während uns die ersten dicken Tropfen trafen, und Sturmböen die Bäume gewaltig rauschen ließen. Hörte das Gewitter gar nicht mehr auf, fuhren wir durch dasselbe auch wieder nachhause, und es kam mir vor, als würden wir in einer Konservendose mitten in einer Geröllawine sitzen, denn wir benutzten für die sonntäglichen Ausflüge einen Lieferwagen, und die meisten von uns hockten auf Decken im geschlossenen, schaukelnden Laderaum, während es draußen krachte und rumpelte. Da ich vor Angst fast starb, erklärte mir Onkel Max, was ein Faradayscher Käfig ist, und nie wieder habe ich physikalisches Wissen so inbrünstig aufgesogen. Bis heute sitze ich bei Gewitter am liebsten in einem Auto. Und bis heute habe ich vor einem Gewitter das dringende Bedürfnis Wäsche zu waschen, ausgiebig zu duschen und jede nur erdenklichen Reinigungsrituale zu vollziehen, wofür eindeutig Emil Schnitter mit seinem Werbespruch die Verantwortung trägt.

Nun zum Gewitter der letzten Nacht:

Gut möglich, daß ich Waschträume hatte. Aufgeweckt wurde ich durch ein Geräusch. Ein Knacken. Holzdielen haben die Gewohnheit, hin und wieder zu knacken, einfach so. Aber es ist ein Riesenunterschied zwischen einem Einfach-so-Knacken und einem bedeutsamen Knacken. Und dieses war ein bedeutsames Knacken.
Ich lag wie erstarrt im Bett und lauschte. Über die Wände flackerte der Widerschein ferner Blitze, begleitet von fernem Gewittergrollen. Das Knacken jedoch war nicht aus der Ferne, sondern aus beängstigender Nähe gekommen. Und da war noch etwas, wie ich zu meinem Entsetzen erkannte: Der Lichtschein, der gegen meine offene Schlafzimmertür fiel, hatte nichts mit dem Gewitterleuchten zu tun. Es war ein schwacher Lichtschein und deshalb nur zu erkennen, wenn es gerade nicht gewitterleuchtete. Wieder ein Knacken. Jemand schlich durch meine Wohnung, wurde mir klar, wie einem Dinge klarwerden, wenn man das Gefühl hat, gleich in Ohnmacht zu fallen. Mir fiel nichts ein, was ich Sinnvolles hätte tun können, kein Versteck, in das ich mich schnell verkriechen konnte, nichts Handfesteres als ein Buch, womit ich mich hätte bewaffnen können. Mein verdammtes Handy hatte ich in der Küche liegen lassen, wußte ich mit vernichtender Gewißheit, aber aus der Richtung kamen die Geräusche. Der Gedanke an Ohnmacht bekam etwas Verlockendes. Dann verlosch der Lichtschein auf der Tür. Das machte mich noch nervöser. Was war das gewesen? Zu schwach für eine Lampe in der Wohnung, zu ruhig für eine Taschenlampe, die jemand in der Hand hielt. Ich lauschte. Ich starrte Richtung Tür, und jedes Mal, wenn ein Blitz zuckte, versuchte ich zu erkenne, ob dort eine Gestalt auftauchte. Ich war schon soweit, mir zuzureden, daß ich mir alles nur eingebildet hatte, als ich deutlich zwei leise Schritte hörte und dann das Geräusch der Wohnungstür, die ebenso leise von außen zugezogen wurde.
Das war’s dann mit der Nacht! An Schlafen nicht mehr zu denken!

Inzwischen braut sich das nächste Gewitter zusammen. Inzwischen bin ich nämlich sicher, daß das mein liebes Töchterchen war. Etwas hatte sie aus meiner Wohnung gebraucht. Da kein Licht mehr brannte, hatte sie mich nicht im Schlaf stören wollen, sondern war barfuß und möglichst geräuschlos hereingekommen, hatte kein Licht gemacht, gefunden oder nicht gefunden, worum auch immer es gerade ging, und war leise wieder verschwunden. Der Lichtschein, den ich gesehen hatte und der plötzlich erloschen war, war vermutlich die Treppenhausbeleuchtung gewesen und so schwach, weil sie die Wohnungstür nur einen Spalt breit offengelassen hatte.
Oh ja, ich hatte Stunden des Wachliegens, es mir zusammenreimen. Und nachher werde ich sie zum Geständnis bringen, und dann gibt es ein heiliges Donnerwetter. Sie kann mich nachts gerne rausklopfen und rausklingeln, sie kann auch geräuschvoll aufschließen, das Licht anknipsen und sich ganz normal in der Wohnung bewegen wie jemand, an dessen Art, sich in der Wohnung zu bewegen, ich gewöhnt bin, aber nicht mich mit solchen Schleichereien zu Tode erschrecken!

Sollte sich dabei aber herausstellen, daß sie gar nicht in meiner Wohnung war, …falle ich wahrscheinlich nachträglich doch noch in Ohnmacht.

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