Kurz vor Himmelfahrt sind wir durchgebrannt.
Ende März hatten wir entdeckt, daß wir uns unser Leben lang immer schon lieben und geliebt haben, von Anfang an und bis zum Jüngsten Tag.
Es war nicht das erste Mal, daß wir diese Entdeckung machten, wir machten sie alle drei vier Jahre, und was wir danach machen, ist sehr anstrengend und richtet gewaltigen Schaden an, und nach einer Zeit sind wir nicht mehr sicher, dass wir uns schon immer geliebt haben, und halten es für den fatalen Irrtum unseres Lebens, je geglaubt zu haben, wir könnten uns auch nur fünf Minuten gefahrlos in ein und demselben Raum beide gleichzeitig aufhalten, ohne daß irgendein Unglück passiert, aber eines Tages sind wir tatsächlich durchgebrannt, weil wir festgestellt hatten, daß man einer so großen Liebe wie unserer irgendwann einmal nachgeben muß, man kann sie nicht dauernd bekämpfen.

So beginnt die Novelle, welche die Geschichte der großen Liebe zwischen Nadan und Alberta erzählt – einer Liebe mit Hindernissen, die schon ihren Anfang nahmen, als Alberta und Nadan noch Teenager waren, sowohl die Liebe als auch die Hindernisse.

[…] und etwas, was ich seit dem Abend weiß, ist, daß man nicht lange schweigend herumsitzen darf, wenn man küssen möchte; entweder man küsst beherzt einfach gleich drauflos, auch wenn es einem komisch vorkommt, oder man macht etwas anderes, aber schweigend herumsitzen sollte man möglichst nicht. Sobald man anfängt, eine längere Weile schweigend herumzusitzen, verliert man unweigerlich die Entschlußkraft, die man zum Küssen braucht, und das gesamte Kußvorhaben erscheint einem nicht mehr unumgänglich und unvermeidlich, nicht einmal passend, sondern zunächst unpassend und zweifelhaft, später anrüchig und schließlich leicht unappetitlich. Man mag nicht mehr, selbst wenn man vorher sicher war, daß man mögen würde. Bei schweigendem Herumsitzen fängt man nämlich an zu denken. Und dabei fällt einem auf, daß man eigentlich nicht versteht, warum man jemandem, den man gern mag, weil er Nadan ist und Nadans Stimme hat, Nadans leisen Dialekt und Nadans kluge Augen, warum bloß man so jemandem, den man tatsächlich besonders gern mag, mit der Zunge in den Mund fahren soll, wo die eigene Zunge und der andere Mund voller Spucke sind, und dass Spucke unappetitlich ist, weiß ja jeder, aber mit fünfzehn Jahren weiß man es womöglich besser und genauer und unerbittlicher als jeder.

Tatsächlich scheint das Novellchen von 111 Seiten Länge auf Seite 44 bereits zu Ende zu sein. Das wundert nicht nur den Leser, der nicht einmal hinzuschauen braucht, um buchstäblich zu begreifen, dass sich über die Hälfte des Buches noch zwischen Daumen und Fingern seiner rechten Hand befinden, also auf der ungelesenen Seite.

Die Geschichte über Nadan und Alberta war in einem wunderschönen Frühling entstanden, die meiste Zeit hatte ich in T. auf unserer Terrasse im ersten Stock gesessen und in der Sonne geschrieben, und so war ein wenig von dem Mai, dem Flieder und sogar vom Rotwein meines Schwiegervaters in die Geschichte hineingeraten, aber ich fand, das stand ihr gar nicht schlecht. Ich dachte, die Sache ist gut so und fertig.
Bevor ich sie mit einigen anderen Erzählungen zusammenpacken und wegschicken wollte, gab ich sie Jean-Philippe zu lesen. Ich beobachte gern sein Gesicht, wenn er liest. […]
Und dann passierte etwas Merkwürdiges, etwas das ganz und gar nicht üblich war zwischen uns, noch niemals vorgekommen war und danach auch nie wieder vorkam. Er sagte sehr bestimmt: Und außerdem ist sie noch lange nicht fertig.

Ich bejubele nicht jedes Schreibexzentrik, jede Akrobatik über unterschiedlichen Erzählebenen und was man dergleichen mehr heute oft findet. Oft erscheint es mir ach so bemüht um Originalität. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, und eine schlechte wird nicht gut, indem man sie gegen alle bisher bekannten Regeln der Schreibkunst verknotet.

„Alberta empfängt einen Liebhaber“ ist für meinen Geschmack ein auf bezaubernde Art gelungenes Stückchen Literatur.

Birgit Vanderbeke
Alberta empfängt einen Liebhaber
Alexander Fest Verlag, Berlin 1997
Auch als Genehmigte Lizenzausgabe für BRIGITTE
ISBN 978-3-570-90733-7

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