Hector, im Schatten seines schnauzbarttragenden Vaters und eines von der Mutter bevorzugten großen Bruders aufgewachsen, entwickelt sich zum manischen Sammler. Das gipfelt in einem so lächerlichen wie erfolglosen Selbstmordversuch.
Ein halbes Jahr lang wird Hector in einer Klinik therapiert, während die Famile und Freunde glauben, er halte sich in den USA auf.
Um sich die Kenntnisse anzulesen, mit denen er diese Lebenslüge aufrechterhalten kann, begibt Hector sich in eine öffentliche Bibliothek und begegnet dort Brigitte.
Die große Liebe kuriert ihn endgültig von seiner Sucht, so glaubt jedenfalls Hector, bis er mit Schrecken erkennt, dass er nun Augenblicke im Leben seiner Frau sammelt, nämlich die, in denen sie Fenster putzt.
Hector kann den Gedanken nicht ertragen, auch nur einen einzigen dieser Fensterputzaugenblicke zu verpassen, und montiert heimlich Kameras, die Brigitte bei dieser Tätigkeit aufnehmen sollen, wenn er selbst nicht zuhause ist. Leider zeigt eine Aufnahme auch unmissverständlich, dass Brigitte Hector betrügt.

Systematisch mündeten die Freitagabende in die Samstagmorgen (damit kann man uns nicht überraschen). Und es war eine Woche her, am vergangenen Samstag, daß Brigitte Hector unter den unsäglichen Bedingungen betrogen hatte, die wir kennen. Wie zufällig – der Wecker hatte gerade geklingelt – fragte sie ihren Mann an diesem Morgen, was er vorhabe (ihr Ehebruch wurde wohl ganz nach einer Schweizer Uhr gestellt). Stand ihm überhaupt der Kopf danach, etwas vorzuhaben? Hector hatte niemals in seinem Leben vorausgeplant und schon gar keine Tage, an denen seine Frau sich in Begattungsfragen fortbildete.
„Ich habe nichts vor … Und du?“
Man mußte schon ziemlich kaltblütig sein, um so zu antworten. Doch Madame zuckte mit keiner Wimper, nichts, nicht einmal ein winziger Schweißausbruch (während er in der gleichen Situation bereits den linken Arm gehoben haben würde, um einen Infarkt abzuleiten). Frauen sind faszinierend. Brigitte hatte also Besorgungen zu machen, und dann am späten Nachmittag, von fünf bis sieben, würde sie ihren Bruder besuchen. Gérard kam ihr für ihre Ausreden natürlich gelegen. Was konnte sie mit ihm schon unternehmen an diesem späten Samstagnachmittag? Nein, das war nicht möglich, niemand besucht seinen Bruder an einem Samstag. Brüder traf man doch vor allem Dienstag mittags. Hectors Blut geriet in Wallung. Einem Peitschenhieb gleich, wurde er mit voller Wucht in seiner Würde getroffen, wie es alle betrogenen Männer bestens kennen. Monsieur hatte nichts weiter zu tun, als einfach nur den nächsten Fensterputz abzuwarten. Doch als Monsieurs Frau ihren Lügnerinnen-Zeitplan vor seiner Nase entfaltete, wurde es ihm zuviel. Männer sind so klein wie ihre Vorsätze. Er hatte keinen halben Tag durchgehalten. Kaum hatte Brigitte ihrer beider ach so schöne Wohnung verlassen (sie waren einmal glücklich gewesen), als Hector den Telefonhörer abhob und den Alibibruder anrief. Der Kompagnon bestätigte selbstverständlich. Wie hatte er nur einen Augenblick lang glauben können, daß er ihr in den Rücken fallen würde? Familien verstecken ihre Ehebrüche immer tief im Keller. Ehebrüche sind die Juden der Liebe. Es sah ganz so aus, als wäre ihr Alibi überzeugend, sie mußten ein Geschenk für den Hochzeitstag ihrer Eltern kaufen. Die steckten also auch mit ihr unter einer Decke. Die ganze Familie mußte sich hinter seinem Rücken totlachen. Seine Ohren pfiffen wie die Züge an der Schweizer Grenze. Er hätte mißtrauisch sein sollen, was war er nur für ein Idiot! Was für ein Glück, daß er von der Leidenschaft fürs Fensterputzen seine Frau hingerissen worden war. Sonst hätte er doch niemals etwas von diesem Familienkomplott erfahren, das sich rings um ihn zusammenbraute. Er mußte jetzt noch besser aufpassen und – warum nicht – in Betracht ziehen, weitere Kameras zu installieren.

Wie kaum anders zu erwarten, geht auch Hectors Versuch, dieses Komplott auffliegen zu lassen, in die Hose.

Er betrat sein Zuhause, vergaß dabei aber, wie wenig er auf der Höhe seiner physischen Erscheinung war. Der Geruch des Hundekots war so penetrant, daß man sich zu Recht fragen konnte, was dieser Hund wohl gefressen haben mochte.
Glücklicherweise traf er niemanden auf der Treppe.
Unglücklicherweise überraschte er, der überhaupt nicht bei der Sache war, beim Betreten seiner Wohnung alle die, die bereits seit einer guten Stunde versucht hatten, ihn zu überraschen, und nun, in der wunderbaren Tradition des Geburtstagsständchens immer wieder die Zeile sangen: „Zum Geburtstag viel Glück!“ Er erkannte Marcel, Brigitte, Ernest und die anderen. Was für ein Idiot mußte man sein, um an diesem Tag Geburtstag zu haben.

David Foenkinos
Das erotische Potential meiner Frau
Erschienen bei © Éditions Gallimard, Paris 2004
Deutsche Ausgabe © C. H. Beck oHG, München 2005
Auch als Genehmigte Lizenzausgabe für BRIGITTE
ISBN 978-3-570-90730-6

Nachtrag vom 15.07.2010:
Gestern Abend habe ich das Buch ausgelesen. Ich möchte nicht verraten, zu welchem Resultat Hectors Video-Überwachung schließlich führt, empfand es aber als einen ernüchternden Tiefschlag, von dem sich die sonst wunderbar skurrile Schilderung des ganz normalen Ehe- und Familienwahnsinns bis zum Ende nicht richtig erholt.

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