„Zunächst müsste man herausfinden, wer schon etwas zum Thema geschrieben hat, und was“, sagte ich, und als ich den zweifelnden Gesichtsausdruck meines Gesprächspartners sah, fügte ich hinzu: „Oder man schreibt eben erst mal, was man denkt, auf die Gefahr hin, dass bereits früher jemand auf eine ganz ähnliche Idee gekommen ist, und man es sich hätte sparen können.“

In Zeiten, in denen vielleicht nicht mehr gedacht wird als früher, aber deutlich mehr veröffentlicht, besteht immer die Gefahr, zum vermeintlichen Plagiator zu werden. Dabei ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass zwei Menschen, ganz unabhängig voneinander, auf denselben Gedanken kommen. Dann bedarf es nur noch eines Zufalls, wie etwa, dass sie sich derselben Metapher bedienen, was beim gleichen Gedanken durchaus passieren kann, und schon entsteht der Eindruck, einer hätte beim anderen abgeschrieben. Was Wunder also, wenn manches Buch sich heute liest, als wäre es dem Autor hauptsächlich darum zu tun, nicht besser, sondern ANDERS zu schreiben und über ANDERES. – Lieber ein Vor-Denker auf Abwegen sein, als ein Nach-Denker auf bekannten Pfaden, auch wenn es gute Gründe haben mag, dass intelligente Zeitgenossen eine Spur verfolgen, an einer Tür rütteln, muss es eine andere Spur und eine andere Tür sein.

Als ich gestern darüber grübelte, wurde mir mit Erschrecken klar, dass in diesem Originalitäts- und Authentizitätswahn eine Gefahr lauert: Dass nämlich jemand einen glasklaren Gedanken hat, diesen in seinem Kopf auch zu einem Satz von hinreißender Überzeugungskraft formuliert, und dann… nichts tut. Er spricht ihn nicht aus, schreibt ihn nicht nieder und würde einen Teufel tun, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, weil, so sagt er sich, einen so klaren und einleuchtenden Gedanken bestimmt schon jemand vor ihm hatte. Kaum würde er den Mund auftun, käme ein Schlauberger und würde ihm namentlich nachweisen, dass er sich auf seinen Gedanken nichts einzubilden brauche – am allerwenigsten eine Urheberschaft.

Und eben so könnte es passieren, dass sogar die Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ nicht wie bei Douglas Adams durch das Ende des Planeten unbeantwortet bleibt, sondern aus falscher Bescheidenheit, besser gesagt: aus der lächerlichen Angst sich durch Nach-Denken lächerlich zu machen.

Das wäre allerdings tragisch zu nennen.

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