Die Präsentation des Buches in der Akademie der Künste mit Lesung von Christa Wolf habe ich leider verpasst, und bedauere es umso mehr, als Kollegen, die dort waren, mir bereichten, wie beeindruckt sie von der Kraft der über Achtzigjährigen waren. Das Buch allerdings habe ich mir gekauft, obwohl die Rezensenten der Medien, von denen kaum einer sich der Stimme enthielt, nicht uneingeschränkt lobten. Mit dem Wechseln zwischen der verschiedenen Erzählebenen würde der Leser einige Schwierigkeiten haben, meinten sie zu wissen. Ich habe keine. Das könnte natürlich daran liegen, dass ich gerade sämtliche Tagebücher von Max Frisch gelesen habe und sozusagen im Training bin für Wechsel zwischen Autobiografischem und Fiktion, im Sprung von einem Thema zum anderen, von einer Zeit in die andere – wird die innere Logik dieser Sprünge doch immer schnell klar, ergibt sich doch gerade daraus, was mir (und sicher nicht nur mir) ganz vertraut ist: ein Nebeneinander, das aus Prosaischem etwas Lyrisches entstehen lässt, ein Anstoßen der Gedanken, von einem Autor begonnen und in meinem Kopf fortgesetzt, Töne, die einen Akkord ergeben oder sich zu einer Melodie ordnen.

Auch sieht mancher Rezensent nicht ein, warum Christa Wolf hier überhaupt zur Fiktion greift, handelt es sich doch unverkennbar um ein nicht nur in vereinzelten Passagen autobiografisches Werk. Der Einwand wäre berechtigt, träfe er einen Autor, der sich hinter der vermeintlichen Fiktion zu verstecken sucht, sich von Handlungen oder Gedanken distanzieren möchte. Das das Ich von außen betrachtende Ich aber tut dies aus genau dem gegenteiligen Grund. Wenn etwas zu Recht kritisch angemerkt wird, dann, dass der Suhrkamp-Verlag das Werk auf der Rückseite des Buchumschlags als Roman deklariert. Stimmt. Nicht einen Moment lang habe ich das Gefühl, einen Roman zu lesen. Dazu erscheint es mir zu ehrlich zu persönlich auf eine Art, die nicht erfunden sein kann.

Stilistisch fällt mir etwas auf, angenehm, so nachahmenswert, dass ich es gerne übernehmen würde: Christa Wolf schreibt alle Anglizismen klein, verzichtet auf kursiv, bedient sich ihrer wie Platzhalter für das genau entsprechende deutsche Wort und nicht, um Lokalkolorit zu erzeugen, denn Los Angeles, für sie die Stadt der Engel, lässt sie in gekonnten Beschreibungen von Eindrücken auch so vor dem Auge des Lesers erstehen. Nie kam mir die Verwendung englischer Worte natürlicher vor. Ja, das gefällt mir.

Wie jedes Buch, das mir etwas zu sagen hat, findet sich auch in diesem immer wieder ein Gedanke, ein Satz, der sich wie ein Puzzleteil ergänzend in das fügt, worüber ich gerade viel nachdenke:

Zeitsprung. War es nicht hier gewesen, vor einem halben Jahrhundert, in dieser Stadt, wenige Kilometer von diesem Zimmer entfernt, in dem ich schlaflos lag, daß der Emigrant Brecht seinem Galilei, der uns, den damals Jungen, dann in der Gestalt des Ernst Busch begegnen sollte, daß er diesem Galilei den unbezähmbaren Wahrheitsdrang auferlegte. Kein Mensch könne auf Dauer einen Stein zu Boden fallen sehen und dazu sagen hören: Er fällt nicht. O doch, Brecht, wir können das fast alle. Und als wir Ihren Galilei verachten wollten, weil er schließlich abschwor, da fiel der Stein schon, vor unseren Augen, er fiel und fiel unaufhaltsam, und wir sahen ihn nicht einmal. Und wenn uns einer darauf hingewiesen hätte, hätten wir nur gefragt: Welcher Stein.

Christa Wolf
Stadt der Engel
oder The Overcoat of Dr. Freud

Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN-10 351842050X
ISBN-13 9783518420508
Gebunden, 380 Seiten, 24,80 EUR

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