Fesselballoon

Vor dem Abgeordnetenhaus, Berlin

Tag der Sprache

…oder von der Unmöglichkeit in Neukölln einen guten Kaffee zu bekommen, und warum ich trotzdem wieder an „One World“ glauben kann

Es gibt einen Europäischen Tag der Sprache, der seit 2001 am 26. September begangen wird und der intensiven Förderung der Mehrsprachigkeit gewidmet ist. Und es gibt einen Tag der Deutschen Sprache, der im selben Jahr ins Leben gerufen wurde und seither jeweils am zweiten Samstag im September u.a. durch „sprachpflegerische Einzelaktionen“ auf sich aufmerksam macht. – Ich meine keinen von beiden, sondern einen, der noch weit weniger Beachtung fand als die beiden anderen, von denen zumindest ich zugeben muss, mich bisher nicht um sie gekümmert zu haben. Beachtung fand letzterer allerdings doch, jedenfalls bei den SchülerInnen des Neuköllner Albert Schweitzer-Gymnasiums, das mit der so betitelten Auftaktveranstaltung gestern den ersten Schritt auf dem Weg zu einem besonderen Schulprofil tat.

Im Februar hatte ich mit Neco Celik dort im Auftrag der Akademie eine Kunstwerkstatt zur Ausstellung „Istanbul Next Wave“ gemacht (Titel der Werkstatt: Neuköllner Welle) – sehr zum Wohlgefallen aller Beteiligten, war daraufhin mit der Schule im Kontakt geblieben und mehr als glücklich, als Tanjana Tsouvelis, deutsch-griechische Autorin und Filmemacherin, zusagte, am Tag der Sprache des Gymnasiums dort eine Lesung zu halten.

Während ich im Februar noch über die völlig vereiste Karl-Marx-Straße geschliddert war und es jedes Mal fast als ein Wunder empfand, wenn ich den Weg zwischen U-Bahnhof Hermannplatz und Schule ohne Knochenbrüche überstanden hatte, knalle ich mich gestern vor der kleinen türkischen Bäckerei in die schon vor acht Uhr morgens sommerlich warme Sonne. Die Lesung sollte zwar erst um neun beginnen, aber Tanja und ich hatten uns früh verabredet, um die Sache ganz entspannt anzugehen. Glücklicherweise ist Tanjana eine Pünklichkeitsfanatikerin wie ich. Ich musste dem Defilé der Schüler also nicht lange allein zuschauen. Wir bestellten Cappuccino, und er war… schrecklich. Tanjana meine, mit so einer Plörre könne sie unmöglich, …… Also bestellten wir Espresso, und der war dann… genauso schrecklich. So machten wir uns auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt vor dem Schulsekretariat, wurden ins Lehrerzimmer gebeten, und der Kaffee war… dort schlicht nicht vorhanden. Mein Gott! Hat sich das noch nicht herumgesprochen, dass die meisten schreibenden Menschen coffee addicted sind?

Aber dann wurde alles gut. Parallel zur Lesung wurde eine Vielzahl anderer Veranstaltungen angeboten, zu denen die Schüler sich hatten anmelden können. Für Tanjanas Lesung hatten sich nur 14 angemeldet, es kamen zehn, ein kleiner, intimer Kreis, ausschließlich Mädchen. Die Knaben drängten sich im Computerraum, wie wir später durch dessen der besseren Luft wegen offene Tür sehen konnten.

Tanjana las eine wunderschöne, wenn auch traurige Erzählung von Flüchtlingen (egal woher), die sich schiffbrüchig auf eine griechische Insel retten können, von einem alten Mann, der fest daran glaubt, dass das Meer allen gehört, von einer Mutter, die ihrem Kind nicht erklären kann, was denn nur mit den Delphinen los ist…, und zehn Mädchen (junge Frauen, Sekundarstufe II) lauschten konzentriert, geradezu hingebungsvoll. Kein Getuschel, wie ich es oft erlebt habe, kein Herumgerutsche auf dem Stuhl, kein knisterndes Kaugummi- oder Bonbonpapier. Sie alle kommen aus Migrantenfamilien, sind teilweise in Deutschland geboren, teilweise noch im Heimatland der Eltern, fühlen sich beiden Ländern zugehörig, ohne das als Problem anzusehen. Sie sind stark und davon überzeugt, dass sie beide Kulturen verbinden können, manchmal mehr als zwei Kulturen… eines der Mädchen hat eine libanesische Mutter, einen polnischen Vater, nun leben sie in Berlin. Ich habe selten bei einer Lesung und einem Literaturgespräch mehr Aufmerksamkeit und Offenheit erlebt. Als Tanjana schließlich fragt, ob die Zuhörerinnen meinen, etwas von dieser Geschichte mitzunehmen, ist die einhellige Antwort ein beinahe erstauntes: „Ja, klar…“. Das gilt auch für mich, denn ich werde nicht nur die Geschichte nicht vergessen, sondern auch die Gesichter der Mädchen beim Zuhören nicht.

Der Blumenstrauß, der Tanjana am Ende überreicht werden sollte, kommt zu spät, erst als wir schon dem Ausgang zustreben. Tanjana freut sich trotzdem. Aber jetzt braucht sie wirklich dringend einen richtigen Kaffee…

Wir entscheiden uns für eine Kamps-Bäckerei, da wird es doch wohl… …

Die Dahlien lassen, von der Hitze ermattet, erste Blütenblätter auf unseren Tisch fallen. Der Kaffee ist… grauenhaft! Inzwischen nehmen wir das nicht mehr tragisch. Keine bis auf den letzten Platz besetzte Aula hätte es besser zeigen können: One World.  Wir tragen dieselben archaischen Bilder in uns und dieselbe Sehnsucht.

Der Freitagvormittag war nur ein Bruchstück einer sehr arbeitsintensiven Woche. Ich habe ein Theaterstück aus dem Spanischen übersetzt und wundere mich immer noch, dass ich es geschafft habe. Ich habe (ganz überraschend) auch noch ein Gedicht übersetzen müssen, was mich veranlasste, mich bei einer Lehrerin zu erkundigen, ob diese sehr sinnvolle „Übung“, ein fremdsprachiges Gedicht in die eigene Muttersprache zu übertragen, auch fester Bestandteil des Deutschunterrichts an Schulen sei, und die Antwort, dass dies seit Jahren nicht mehr zum Unterrichtsplan gehört, hat mich so empört, dass ich Lust habe, an das zuständige Ministerium zu schreiben. Ich habe an einem Fachgespräch zur kulturellen Bildung teilgenommen, und es hat mich in keiner Weise über die ständigen Kürzungen beruhigen können… Der Freitagvormittag war also mein Bonbon der Woche mit Weitermach-Vitamin.

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