„Danke, dass du Elisa hast gewinnen lassen“, war das Erste, was Kathrin sagte, kaum dass sie die Küche betreten hatten und außer Hörweite waren. Marion, die benutzten Kaffeetassen noch in der Hand, tat überrascht: „Habe ich das?“ – „Hast du nicht?“ Kathrin warf ihr einen Blick über die Schulter zu, mit übertrieben hochgezogenen Augenbrauen, stellte die hauchdünnen Cognacschwenker ab und öffnete den Geschirrspüler. „Ich habe einfach schlecht gespielt“, sagte Marion. „Ich bin ein bisschen geschafft. Keine Konzentration mehr. Diese Woche war die Hölle los. Ich bin froh, dass Wochenende ist.“ – „Und dann quälen wir dich auch noch mit Kakerlakenpoker.“ Kathrins Mitleid war echt. „Du musst mir hier nicht mehr helfen. Das ist in drei Minuten erledigt. Wenn du los möchtest …“ – „Unsinn“, unterbrach Marion sie. „Es hat doch Spaß gemacht. Und so kaputt, dass ich mir wünschte, es gäbe einen Knall und ich läge im Bett, bin ich auch wieder nicht.“ Sie sortierte die Untertassen da ein, wo der Hersteller der Spülmaschine es vorgesehen hatte, und suchte dann Platz für die Tassen. Fast befriedigte es sie, dass wenigstens der Geschirrspüler nicht perfekter durchdacht war, als ihr eigener und all die anderen, in die sie schon Geschirr geräumt hatte. Oder es lag eben an den Leuten, die sich nicht angewöhnen konnten, eine bestimmte Zahl von flachen und tiefen Tellern, Untertassen und Tassen, Gläsern, Messern, Gabeln und Löffeln und dazu maximal eine große Schüssel, zwei kleine Schüsseln und einen mittelgroßen Topf gleichzeitig schmutzig zu machen. „Das auch in die Maschine?“ fragte sie und hielt das Glas mit Schmetterlingen hoch, aus dem Elisa Apfelschorle getrunken hatte. „Ja, das kann mit rein.“ Kathrin hatte indessen den Wasserhahn aufgedreht und spülte die Cognacschwenker. „Manchmal denke ich“, sagte sie, „dass es allmählich besser wäre, Elisa nicht mehr immer gewinnen zu lassen. Aber gerade in letzter Zeit bekommt sie eine solche Wut, wenn sie verliert, dass man sich das selbst ersparen möchte.“

Marion nahm das Geschirrtuch vom Haken, makellos und gebügelt. Sie war nicht sicher, ob es richtig war, konnte es aber verstehen. Was feststand: Sie hatte Elisa gewinnen lassen und würde es immer wieder tun. Kathrin enthob sie einer Antwort. „Bei mir fängt der Stress morgen erst richtig an. Schade, dass Du nicht zu Pauls Geburtstagsparty kommst. Aber ich weiß ja, du machst dir nichts aus großen Feiern. Diesmal war es aber unumgänglich. Man nullt schließlich nicht alle Jahre. Vier Torten habe ich schon eingefroren. Morgen werde ich wohl in der Küche stehen, bis die ersten Gäste kommen.“ – „Ich hätte dir wirklich gerne geholfen“, sagte Marion und merkte nicht nur, dass es lahm klang, sondern ärgerte sich auch über das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. „Unsinn.“ Kathrin schüttelte den Kopf und lachte dann. „Elisa hilft mir, hat sie gesagt, und von diesem Entschluss werde ich sie nicht abbringen können. Das reicht schon.“ Marion trocknete und polierte die Gläser sorgfältiger, als sie es bei sich tun würde. Bevor sie sie auf das Tablett stellte, hielt sie sie sogar gegen das Licht. Hier atmete alles Perfektion. Alles war blitzblank. Die Gewürzgläser im Edelstahlgestell an der Wand alphabetisch sortiert. Die Küchenuhr ging genauer als jede Bahnhofsuhr. Zwei Minuten vor halb zehn, daran bestand kein Zweifel, obwohl es Marion später vorkam.

Im Wohnzimmer hatte Paul das Spiel eingeräumt. „Kann ich dir noch etwas anbieten?“ – „Danke“, sagte Marion. „Ich fahre nachhause. Entschuldigt, dass ich heute etwas müde bin. Aber für euch ist es auch besser, wenn wir es nicht spät werden lassen. Ihr habt morgen genug Trubel.“ Paul lachte. „Das steht zu befürchten.“ – „Na, nun beschwer dich mal nicht. Es ist schließlich zu deinen Ehren“, sagte Kathrin und schüttelte wie beiläufig ein Kissen im Sessel auf.
„Kommst du mir gute Nacht sagen, Papa?“ Elisa stand am oberen Ende der Treppe, schon im Pyjama, rosa mit Schmetterlingen bedruckt. Schmetterlinge hatten es ihr seit kurzem angetan. „Ich komme gleich. Ich muss Marion noch das Tor öffnen. Geh schon mal ins Bett.“

Paul bestand darauf, dass sie ihren Wagen nicht an der Straße stehen ließ, sondern in der Garageneinfahrt parkte. Hier kamen zwar nicht viele Autos vorbei, aber die Straße war eng. „Er muss ja nicht gerade vor unserer Haustür einen Kratzer bekommen“, hatte er gesagt. Dass sie selbst vor ein paar Tagen einen Kratzer in die rechte Tür gefahren hatte, wusste er noch nicht. Jetzt war nicht die richtige Zeit, es zu erzählen. Zu kostbar der Moment. Paul, der vorausging, Marion, die ihm folgte, das Knirschen ihrer Schritte in der abendlichen Gartenstille. Die laue Luft. Der Wetterbericht hatte für das Wochenende weiterhin Sommer versprochen. Marion hatte das Verdeck des Wagens offen gelassen. Die Türen zu verriegeln hätte also keinen Sinn gehabt. Paul öffnete die linke, um sie einsteigen zu lassen. Für einen Augen-in-Augenblick standen sie sich gegenüber, dann schaute Paul zum Haus. Marion schaute nicht. Wenn Kathrin in der Tür oder an einem Fenster stehen sollte, wollte sie es nicht wissen. So oder so würde es nichts zu sehen geben. Nichts Besonderes. Ein Hausherr verabschiedet einen Gast. Sie setzte sich hinter das Lenkrad und steckte den Zündschlüssel ins Schloss. Paul ging zum Tor und öffnete es. Das metallische Geräusch scheuchte die Stille auf, und bevor sie sich wieder senken konnte, ließ Marion den Motor an. In der Durchfahrt stoppte sie noch einmal, neben Paul, der die Hände in die Hosentaschen geschoben hatte, als wüsste er nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. „Ich wünsche Dir einen wunderschönen Geburtstag morgen“, sagte sie. Paul zuckte die Schultern und nickte dennoch. Und dann sagte er das, worauf sie gewartet hatte: „Darf ich es noch?“ Sie lächelte. „Du darfst es.“ Seine Frage, ihre Antwort, so überflüssig oder notwendig wie ein immer wieder gegebener Kuss, der ernst gemeint sein kann oder nicht. Sie meinten es ernst. Meist waren es die letzten Worte beim Abschied. Diesmal zog Paul die Linke aus der Hosentasche und legte sie auf das heruntergekurbelte Fenster, um sie noch aufzuhalten. „Ich werde mit dir hineinfeiern“, sagte er. Marion nickte. „Ja.“ Dann fuhr sie.

Paul, Liebster,

am Telefon hast Du gesagt, Du würdest nie aufhören, Dich zu erinnern. Du würdest es Dir immer wieder vorstellen und davon träumen. Du wärst nur gerne sicher, dass es mir recht ist. Der Gedanke, ich wollte das nicht, du tätest es mir gegen meinen Willen, selbst wenn ich nichts davon wüsste, wäre Dir unerträglich. – Ich weiß, es hat Dich verletzt, dass ich Dir keine Antwort gab. Ich hätte sie Dir geben können, ohne nachdenken zu müssen. Ich konnte nur nicht sprechen, und für den Fall, dass ich es beim nächsten Mal auch nicht kann, schreibe ich es Dir jetzt.

Du musst wissen, dass ich nur darauf warte, nicht ungeduldig, aber ich warte. Denn nur Du kannst die Nacht und die Stunde bestimmen, und wenn Du es getan hast, werde ich zu Dir kommen, genau so, wie du es Dir beim ersten Mal vorgestellt hast: Ich komme aus dem Garten mit dem Feigenbaum, und ich trage die weiße Bluse, die ich dort von der Wäscheleine genommen habe. Sie riecht nach Sonne, was man in der Sonne nicht merkt, sondern erst im Schatten und mehr noch im Halbdunkel des Zimmers. Auf dem Weg durch Sonne und Schatten werde ich an vieles gedacht haben, was ich Dir erzählen möchte, auch, wie merkwürdig es sich mit dem Duft der Sonne verhält, aber dann wird es sein, als wäre alles schon gesagt, und nicht einmal die Sonne wird ein Grund sein, die Bluse anzubehalten. Nie zuvor war ich so nackt, und nie war ich es lieber. Auch nicht als Kind, denn Kinder wollen nicht nackt sein, nur frei von den Kleidern. Bevor wir es ahnen, haben sie begonnen, sich ihrer Nacktheit zu schämen oder schamlos zu werden. Unschuld ist jenseits des Erinnerns. Unsere Liebe aber ist jenseits des Vergessens, vor der Unschuld und nach der Scham, absolut. Uns umarmend sterben wir zum Paradies hin. Wie könnte ich je etwas dagegen haben?

Vernichte diesen Brief, aber vergiss ihn nicht.

Deine
(doppelt unterstrichen)
Marion

In der Diele schlüpfte sie aus den Schuhen. Bevor sie im Schlafzimmer das Kleid auszog, nahm sie die Armbanduhr ab. Sie ging drei Minuten nach, aber das wusste sie mit derselben Sicherheit, mit der Andere ihre Uhren immer genau stellen. Sie legte sie auf die Kommode zu den gerahmten Fotos und einigen Briefen, zwei davon noch ungeöffnet, keiner von Paul. Er schrieb ihr nie Briefe. Weihnachts- und Geburtstagskarten schrieb Kathrin und Paul unterschrieb mit. Ihren Brief, den einzigen, würde er im Kamin verbrannt oder in kleine Schnipsel zerrissen und in der Toilette heruntergespült haben. Manches nicht genau zu wissen, war zur Überlebensstrategie geworden. Unter den gerahmten Fotos war eines, auf dem sie auf der Mauer vor dem Haus sitzt, dessen Dach von der Krone des Feigenbaums überragt wird. Die Farben waren verblasst, glichen einem leicht kolorierten Sepia. Jedes Mal, wenn sie es genauer anschaute, fand sie, dass sie umso jünger darauf aussah, je älter das Foto wurde. Bei objektiver Betrachtung hätte jeder ihr Recht gegeben. Worin sie sich täuschte, war, dass Paul den Brief vernichtet hatte. Er lag zwischen Geschäftsbriefen in einem Aktenordner, wo niemand außer Paul ihn vermutet hätte. Über dreißig Jahre später wird Elisa, die von ihrer Mutter die Gründlichkeit geerbt hat, ihn im Keller finden.

© Christa Hartwig

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