Abschied

Gänsemännchenbrunnen, Weimar

Neben dem Gänsemännchenbrunnen, in dessen Becken vier Schwäne Wasser speien, stillen wir unseren Durst – natürlich nicht mit Brunnenwasser, sondern von der Getränkekarte einer Eisdiele. Mir ist inzwischen eingefallen, dass morgen Feiertag ist. Das hatte ich nicht bedacht. Mein Kühlschrank ist leer. Darauf war ich bei der Abreise regelrecht stolz gewesen, nichts wegwerfen zu müssen. Ich glaube mich zu erinnern, dass man auf dem Weg zum Bahnhof an einem kleinen Supermarkt vorbeikommt. Auf Supermärkte haben wir bisher nicht geachtet. Auf die Straßen, die nicht so schönen, offenbar auch nicht. Bald wird klar, dass wir uns nicht auf derselben Straße befinden, auf der wir vom Bahnhof her am Morgen gegangen sind, aber sie scheint parallel zu laufen. Und da hinten ist ein LIDL! Ich kaufe Käse und Salami. Dann belehrt und ein Blick auf den Stadtplan, dass die Straße uns in einem weiten Bogen von unserem eigentlich Ziel, dem Bahnhofsplatz weggeführt hat. Gewiss haben wir drei Kilometer zu laufen, bevor wir dort ankommen. Trotzdem schaffen wir es rechtzeitig genug, um noch, wie wir es vorhaben, im Bratwurstglöckl zu essen, bevor wir in den Zug steigen. Aufhören, wo wir angefangen haben. Fast wie eine Münze in den Brunnen von Trevi werfen.

Inzwischen ist es zu kalt, um draußen zu sitzen, aber diesmal ist die Gaststube leer. Der Wirt erkennt uns sogar wieder, empfiehlt den Spargel, auf den J. auch gehofft hatte. Ich werde meine dritte Bratwurst in vier Tagen vertilgen. Ein Mann kommt herein, ein Bekannter des Wirtes, bleibt am Tresen stehen. Die Männer reden über Jazz. Auch aus einem Radio ist leise Jazzmusik zu hören. In der hinteren Ecke des angrenzenden Raumes steht ein Schlagzeug. Vorne, neben dem Tresen lehnt ein Kontrabass an der Wand. Der frisch gekochte Spargel ist fertig. J. sagt: ein Gedicht. Meine Bratkartoffeln sind noch besser als beim letzten Mal, und heute hat der Wirt auch den Senf zur Wurst nicht vergessen. Wann denn die nächste Jamsession ist, frage ich ihn beim Bezahlen. Wir spielen hier fast jeden Abend, sagt er. Keine Konzerte, sondern so aus dem Bauch heraus. Genau das meinte ich. Dieses Glöckl könnte so etwas wie eine Stammkneipe für mich werden, würde ich in Weimar wohnen.

Rückfahrt ohne Platzreservierung! Diesmal erweist sich J. als die bessere Unke. In den Gängen sitzen Studenten auf dem Boden, den Laptop auf den Knien. Höflich entschuldige ich mich dafür, stören zu müssen, und ärgere mich gleichzeitig, weil ich es ja nicht bin, die stört. Wieder kein Speisewagen, sondern nur ein Bordbistro mit Stehtischen, überfüllt und laut. Hier und da trotzdem noch freie Sitzplätze, von den Studenten wohl dem Establishment überlassen. J. und ich finden nur getrennte Plätze. Das ganze Hin und Her gibt uns kaum eine Chance, die Fahrt durch Jena und die Berge überhaupt mitzubekommen. Und dabei haben wir deshalb den ICE über Leipzig gewählt. Ich sitze nahe einer Wagontür hinter der ein auf dem Boden hockendes Mädchen pausenlos und sinnlos lacht. In Leipzig steigen die Meisten aus, und J. kann sich zu mir setzen. Fünf Minuten vor der planmäßigen Zeit kommen wir in Berlin an, mit dem Gefühl, von Weimar viel weiter als zwei Stunden entfernt zu sein.

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