Das Wetter hat sich tatsächlich geändert. Keine dicke graue Wolkendecke mehr am Himmel, hier und dort sieht man sogar Blau. Im Garten unter dem Fenster jagt die Hotelkatze nach ihrem Frühstück, schleicht sich an die Hecke und springt hinein. Zu meiner Erleichterung kommt sie ohne Frühstück wieder zum Vorschein. Und wir nutzen noch einmal das Hotelschwimmbad. Diesmal bin ich die Entdeckerin, finde einen Knopf am anderen Ende des Pools, und das Wasser beginnt zu wirbeln und zu strömen. Ich genieße die Unterwassermassage. Nach dem Frühstück packen wir unsere Koffer.

Noch einmal die Fahrt durch die flache Landschaft, die jetzt aber Tiefe hat und nicht mehr so langweilig aussieht. Am Bahnhof verstauen wir unser Gepäck in einem Schließfach. J. sagt danach, dass sie sich ohne Koffer gleich wieder fröhlicher fühlt. Der Koffer erinnerte so an das bevorstehende Urlaubsende. Aber wir haben ja noch einen ganzen Tag in Weimar vor uns.

Vom Bahnhof gehen wir zu Fuß zum Goetheplatz. Die Sonne scheint. Wir setzen uns auf dem Theaterplatz vor ein Café. Neben dem Goethe-und-Schiller-Denkmal spielen die Jungen einer Schulklasse mit einer leeren Plastikflasche Fußball. Nach ein paar Minuten schreitet der Lehrer ein. Ein Trüppchen Zimmerleute kommt über den Platz. In ihrer Zunftkleidung, mit Wanderstab und geschultertem Bündel passen sie wunderbar ins Bild. Als wir vor dem Rathaus stehen, ist es gerade zwölf, und wir lauschen dem Glockenspiel. Heute sind auch viele Pferdekutschen unterwegs. Ihr Anblick, mehr noch aber das Geräusch der Pferdehufe und der rollenden Räder auf dem Kopfsteinpflaster trägt zur Atmosphäre bei.

Platz der Demokratie, Weimar

Die Anna-Amalia-Bibliothek

Die Anna-Amalia-Bibliothek steht noch auf unserem Programm, und wir haben Glück und bekommen Eintrittskarten ohne Wartezeit. Mit Filzpantoffeln über den Straßenschuhen betreten wir den Rokokosaal, der seit dem Brand 2004 sehr schön restauriert wurde. Ich hatte ihn mir größer vorgestellt, aber er enttäuscht mich keineswegs. Alle Bücher, die hier in den Regalen stehen, und von denen viele ebenfalls restauriert werden mussten, können in den Lesesaal bestellt werden. Allein durch Goethe sind über 2.000 Ausleihen belegt. In einem angrenzenden Raum bewundern wir die Lebensuhr, deren Glockenchoral uns der Audio-Guide vorspielt. Mit zwei Zifferblättern und einem Kalender aus Bilderkästen, zeigt sie nicht nur den Wochentag und die Stunde an, sondern auch das Lebensalter des Herzogs Wilhelm Ernst, der die Uhr 1706 in Auftrag gab.

Während J. sich in einem weiteren Raum länger die prachtvollen, in Vitrinen ausgestellten Bucheinbände anschaut, trete ich vor die Tür. Irgendwo ein Hupkonzert, wie bei einem Hochzeits-Korso, dann aber fahren die Autos heran, junge Leute hängen aus den Seitenfenstern, winken, jubeln. Offenbar haben sie gerade das Abitur bestanden. Nachdem sie mehrmals das Carl-August-Denkmal umrundet haben, entfernt sich das fröhliche Spektakel wieder.

Das Haus am Horn

Park an der Ilm

Wir machen uns auf in den Ilm-Park. Nach dem Gewitter ist das Wasser des Flusses lehmig braun. Zwischen dem satten Grün der Bäume leuchtet Goethes Gartenhaus, auf das wir aber nur Kurs halten, um das gestern geschlossene Haus am Horn zu erreichen.

Haus Am Horn, Weimar

Zu dieser Stunde sind wir die einzigen Besucher und treten, nachdem wir die Eintrittskarten gekauft haben, in den zentralen Raum, in dem sich durch die Oberlichter ein weiches, gleichmäßiges Licht verbreitet. Im Haus am Horn werden wechselnde Kunstausstellungen gezeigt, jetzt bis zum Ende des Monats Bilder von Roger Bonnard. Der 1947 in Frankreich geborene Maler und Grafiker übersiedelte 1970 in die DDR und wurde 1990 Gründungsmitglied der Thüringer Sezession.
J. kann mit seinen Arbeiten wenig anfangen. Ich, die sich mit abstrakter Malerei ebenfalls schwertut und zur Wolkenguckerin mutiert, bin dankbar, dass Bonnard Gegenständliches zeigt, wenn auch manchmal nur angedeutet, so dass mir die Deutung, die Intention des Künstlers verfehlend, erspart bleibt. Das Gemälde, das mir am besten gefällt, findet sich leider nicht im Ausstellungsflyer. Aber wir sind ja hier, um das Haus zu besichtigen, das einst als Musterhaus errichtet wurde und auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. Zeitweise waren hier Flüchtlingsfamilien untergebracht und teilten sich in die Räume, die sehr sinnvoll um den zentralen Raum angeordnet sind. Beim Rundgang spürt man, dass man hier gut leben könnte. Alles ist bedacht: die Einrichtung der Küche, ein geräumiges Kinderzimmer, kurze Wege und Arbeitserleichterung für die Hausfrau. Eine Balance zwischen Symmetrie und Asymmetrie, die große Ruhe ausstrahlt.

Noch einmal den Weg an der Ilm entlang nehmend, kehren wir ins Stadtzentrum zurück. Im Café Frauentor, dessen altmodischer Charme uns gefallen hat, wollen wir diesmal von den verlockenden Kuchen probieren und werden nicht enttäuscht. Schlicht als Pflaumenkuchen, Kirschkuchen oder Käsekuchen bezeichnet, erweist sich jeder als raffiniert mit Schmant geschichtet und unglaublich lecker. Dazu sind die Stücke riesig. Als wir das Café verlassen, fragen wir uns, ob wir vor der Abreise überhaupt noch etwas essen können. Noch aber bleiben uns Stunden und somit auch Zeit, etwas zu besichtigen.

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