Der Park an der Ilm

Park an der Ilm, Weimar

Wir nehmen den Weg am Fluss entlang. Im dunkelgrünen Wasser leuchten hellgrün die Algenbärte. Dort, wo die Ilm einen scharfen Bogen macht, biegen wir links ab, auf Goethes Gartenhaus zu. Was es dort zu sehen geben mag, möchte J. wissen. Ich kann es mir vorstellen. Den Häusern, in denen die Dichter und Denker gelebt und gewirkt haben, ist das Unbewohnte und nicht mehr Wirkende gemeinsam, der Reliquiecharakter. Man muss sich schon konditionieren, um das Wehen eines Geistes zu vermeinen. Schreibtisch, Stuhl, Tintenfass… sind Gegenstände und könnten ebenso gut Repliquen sein. Auch in diesen Häusern war mir der Blick aus dem Fenster meistens interessanter als das in den Räumen Ausgestellte, zumindest, wenn dieser Blick sich seit der Zeit, in der jener Dichter oder Denker dort lebte, kaum verändert haben dürfte. Die Entscheidung, ob eine Besichtigung der Innenräume lohnt, wird uns vorerst von einer Schulklasse abgenommen, die uns mit demselben Ziel lärmend überholt. Wir gehen ein Stück weit einen kleinen Seitenweg hinauf und setzen uns auf eine Bank, um abzuwarten. Gerade ist die Sonne für ein paar Minuten durch die Wolken gebrochen und wärmt. Das Römische Haus leuchtet im Grün. Die Landschaft, die Goethe sah! Das muss man dem Weimarer Grünflächenamt bescheinigen, dass dieser Park den Namen Landschaft verdient. Keine Souvenirstände und Imbissbuden. Keine Kinderspielplätze. Wiesen, Bäume, die Ilm; und dazwischen die alten Bauten. Wir vertagen das Gartenhaus auf irgendwann und folgen dem Weg weiter hinauf, gelangen zur Straße Am Horn und stehen, ohne es gesucht zu haben, vor dem Haus am Horn.

Haus Am Horn, Weimar

Unscheinbar wirkt es fast, ein Objekt für Bauhaus-Begeisterte. Gerne würden wir es besichtigen, aber es ist nur mittwochs und am Wochenende geöffnet. Wir werden morgen wiederkommen.

Wir gehen die Straße hinunter. Villen und freistehende Mehrfamilienhäuser, eine vortreffliche Wohnlage mit dem herrlichen Park vor der Haustür. Über eine Treppe kommen wir wieder in den Park, nehmen die Gegenrichtung, kommen abermals am Gartenhaus des Dichterfürsten vorbei und dann an der Villa Haar, zu der eine Treppe hinauf führt mit Springbrunnen auf drei Absätzen. Ein Stück weiter treffen wir eine Frau die an zwei Krücken geht. Sie fragt uns nach der Villa Haar, und mit dem Stolz des Ortsfremden, der sich schon ein bisschen auskennt, geben wir Auskunft. Wir selbst sind inzwischen auf der Suche nach einem WC und finden es im Bienenmuseum, das wir wiederum nicht gesucht haben. Ein kleiner Hof mit Bienenstöcken, ländliche Gebäude, ein dunkler Flur und – ja! – ein Klo. Außer uns, niemand zu sehen. Wir lassen die Bienen in Ruhe und verschwinden wieder.

Wir wenden uns Richtung Ilm, um an deren Ufer den Weg zurück zu nehmen. Nach einer Weile treffen wir wieder die Frau mit den zwei Krücken. Eine Plauderei ergibt sich. Von ihrem fünften bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr hat sie mit ihren Eltern in Weimar gewohnt. Jetzt lebt sie in Norddeutschland und versucht, die Stadt wiederzuentdecken, freut sich über alles, was sie erkennt. Mir fällt ein, dass eine Schwester meiner Großmutter in Weimar gelebt hatte, eine Großtante, von der ich glaube, dass sie uns einmal in Berlin besucht hat, als ich noch sehr klein war. Sicher bin ich nicht. Die Tochter dieser Tante hatte, wenn ich mich recht erinnere, nach Hamburg geheiratet. Sicher bin ich auch hier nicht. Zerrissene Familienbande. Zieht es die Weimarer an die Waterkant?

Gastronomie

Am Palais gehen wir in eine Creperie; die erste Gaststätte in Weimar, wo wir mit der Bedienung unzufrieden sind. Vertieft in den Stadtführer, merke ich erst nach einer Weile, wie lange wir schon auf unsere Getränke warten. Nur gut, dass wir von der Bratwurst immer noch satt sind und nichts essen wollten. Außer unserem, ist nur ein weiterer Tisch besetzt. Hinter der Theke drei Angestellte, einer davon, offenbar neu, wird eingewiesen. Aber könnte dann nicht der Dritte…?

In Weimar gibt es ein Goethe-Kaufhaus und ein Schiller-Kaufhaus. Wir gehen ins Schiller-Kaufhaus. Als Frau guckt man ja immer nach irgendetwas, und Weimar macht Lust darauf, sich gut anzuziehen – trotz oder gerade wegen der vielen Leute in Funktionskleidung, die auf mich immer den Eindruck machen, als übten sie schon für die nächste Völkerwanderung, mit Wasservorrat im Rucksack. J. kauft sich ein Halstuch. Immer noch zu zeitig, um schon nach Legefeld hinaus zu fahren. Wir setzen uns ins Goethe-Café, wo J. von der reizenden Kellnerin in Goethe-Pose dirigiert wird, als ich sie von außen durch das Fenster fotografieren will.

Goethe-Café, Weimar

Der letzte Abend in Weimar. Der Lärmpegel in der Seniorenabteilung ist deutlich niedriger als gestern. Die Holländer vom Nebentisch sind abgereist. Statt ihrer sitzen dort zwei Herren aus der Möbelbranche. Offenbar findet eine Messe statt. Fetzen von Fachjargon fliegen zu uns herüber und erzeugen Kantinenatmosphäre. J. schaut sich etwas nervös um, ob etwa jemand angereist ist, den sie kennt, oder, schlimmer, der sie kennt. Auch in der Küche scheint nicht alles nach Plan zu laufen. Heute kein Büffet, sondern Drei-Gänge-Menü. Wir warten lange, und weil es scheinbar allen so geht, wird ein Appetithäppchen gereicht. Der Kellber bringt einen Korb mit Baguettscheiben und drei Schälchen. „Sößchen zum Dippen“, erläutert er auf meine Frage hin. Ich probiere das rosa Sößchen: Erdbeer-Yoghurt! – „Äh, Verzeihung, aber… Erdbeer-Yoghurt als Aperitif? Ist das ein Versehen oder eine Thüringer Spezialität?“ – Er weist auf das gelbliche Sößchen: „Und das ist Pfirsich-Maracuja-Yoghurt. Die spinnen, die Thüringer.“ – Nicht zu fassen! Die Reste vom Frühstück sollen uns bei Laune halten. Ich bestelle meine Suppe ab, und prompt bekommt J. ihre auch nicht. Aber wir genießen noch einmal den Müller-Thurgau vom Weingut Zahn, und als Entschädigung geht der Kaffee nach dem Essen aufs Haus. Draußen donnert und blitzt es inzwischen. Thor grüßt die Thoringi, und ich hoffe auf einen Wetterwechsel.

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